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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Aktuelle Rezensionen


Petra Svatek (Hg.)

Symbol, Macht, Bewegung. Tirol im historischen Kartenbild

Katalog zur Themenausstellung im Südtiroler Landesmuseum für Kultur- und Landesgeschichte Schloss Tirol, 3. Juli bis 21. November 2021, Schloss Tirol 2021, Landesmuseen Südtirol/Musei provinciali Alto Adige/Museums provinzial, 320 Seiten, zahlreiche Abbildungen


Rezensiert von Winfried Schenk
In: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte
Erschienen am 26.09.2023

Es ist sicherlich auch dem Alter der Karte „Tirolisch-bayerisches Grenzgebiet“ von 1544 des Innsbrucker Hofmalers Franz Dax geschuldet, dass sie die erste Abbildung in diesem prachtvollen, auch typographisch überaus gelungenen Band ist. Dax hatte von der Tiroler Regierung den Auftrag erhalten, wegen diverser Grenzstreitigkeiten die Grenzregion zu Bayern aufzunehmen. Er erfasste in seiner Karte ein Gebiet, das vom Walchensee im Westen bis nach Jenbach reicht. Die Grenze ist in einer roten Linie wiedergegeben, was Genauigkeit und Stabilität vorgibt, die es mangels Geschlossenheit und Einheitlichkeit vormoderner Staatlichkeit nicht nur in Tirol nicht gegeben hat. Überschaut man die sorgfältig durchdachte Komposition des Bandes, ist die Positionierung der Karte von Dax in dem einführenden Beitrag von Petra Svatek mit Überschrift „Tiroler Kartographie im politischen Kontext“ sicherlich auch Absicht, denn diese Karte steht als ein frühes Beispiel für das Motto des ganzen Bandes: Symbol, Macht, Bewegung. Denn auch diese Karte ist ohne Zweifel ein Symbol der Macht, erstellt in der Hoffnung ihrer Auftraggeber und Macher auf Stabilität des Erfassten, die es in einem „pays d’entre-deux“ par excellence und ewigen Transitland wie Tirol nie geben konnte. Dass Tirols Grenzen immer in Bewegung waren, mithin diese und die davon umfassten Gebiete immer wieder neu erfasst werden mussten, erklärt die ergiebige kartographische Tradition Tirols. Die hier vorzüglich reproduzierten Karten bezeugen das. Sie legen den Blick auf das historische Tirol in seinen Grenzen bis 1918. Diese zeitliche Begrenzung ist sinnvoll, denn dieses Jahr war für Tirol bekanntermaßen eine tiefgreifende Zäsur mit neuen Grenzen als Ergebnis veränderter Machtverhältnisse und damit neuer Symbolisierungen. Das einst als Grafschaft Tirol lange Zeit unter einer gemeinsamen Herrschaft stehende Gebiet wurde im Jahre 1919 durch den Vertrag von St. Germain in Nordtirol und Osttirol (das heutige österreichische Bundesland Tirol) und – vereinfacht – das heute zu Italien gehörige Südtirol geteilt.

Die hier vorgestellten Karten wurden im Rahmen einer Ausstellung im „Euregio-Museumsjahr“ 2021, welches die Europaregion Tirol-Südtirol-Trentino zum Thema „Transport – Transit – Mobilität“ ausgerufen hatte, im Südtiroler Landesmuseum Schloss Tirol zusammengetragen und gezeigt. Der Katalogteil ab S. 102 des Bandes präsentiert diese in Machart, Zielsetzung und Wirkmächtigkeit sehr unterschiedlichen Karten in neun Kapiteln von den Anfängen der Tiroler Kartographie im 16. Jahrhundert bis zu den „Karten im Dienste von Propaganda und Krieg“, also 1914 bis 1918. Als Autorin wird Petra Svatek ausgewiesen, studierte Historikerin und Geographin. Sie hat ebenfalls das Ausstellungskonzept entwickelt. Deshalb führt sie auch in den von ihr herausgegebenen Band unter der Überschrift „Tiroler Kartographie im politischen Kontext“ ein und begründet darin überzeugend den Aufbau der Ausstellung, der sich in der Kapitelreihung des Katalogteils widerspiegelt. Deren Abfolge zeichnet dabei nur bedingt eine zeitliche Abfolge der kartographischen Entwicklung ab. Vielmehr sind die Karten nach thematischen Kapiteln geordnet, innerhalb eines Kapitels dann aber diachron. Darunter sind Schätze mit hohem Erkenntnispotential für jede „räumelnde“ historische Disziplin, so auch meine, die Historische Geographie. Aus deren Sicht erscheinen folgende Karten und sonstige räumliche Darstellungen als Quellen für die Analyse von Mensch-Umwelt-Beziehungen und von Raumwahrnehmungen besonders interessant: eine Federzeichnung von 1541 zum Überschwemmungsgebiet unterhalb Bozens in Kapitel 3 „Die intakte und bedrohte Landschaft“; die älteste, aber sehr modern wirkende Karte des Salzbergwerks von Hall in Tirol von 1531 im Kapitel 4 „Landwirtschaft und Bergbau“; Photographien des Erd- und Himmelsglobus von Peter Anich von 1758 in dem ihm gewidmeten Kapitel 5 „Peter Anich: Die Vermessung Tirols“; ein Beispielblatt der Franziszeischen Landesaufnahme von 1816 bis 1821 im Kapitel 6 „Professionalisierte Landesaufnahme“; eine Inselkarte der Brennerbahn von Innsbruck bis Bozen von 1864 im Kapitel 7 „Wege, Straßen, Gleise“; dann im Kapitel 8 „Entdeckung der Berge“ einige touristische Karten und schließlich wird in Kapitel 9 „Karten im Dienste von Propaganda und Krieg“ mit der Suggestivkarte „Das Herz Tirol´s in Fremder Hand“ eines unbekannten Autors das große Trauma Tirols im 20. Jahrhundert offengelegt, nämlich die oben erwähnte Teilung. Jede Karte ist vorzüglich reproduziert, wird kurz beschrieben, historisch eingeordnet und es finden sich Hinweise zu den Quellen dafür.

Auf die Einführung Svateks folgen fünf Essays. Grundsätzliches zu Karte und Wirklichkeit legt der Historische Geograph Kurt Scharr in einem Bogen vom Allgemeinen zum Besonderen auch mit Beispielen zu Tirol dar. Thomas Horst, der auch am Katalogteil mithalf, gibt als in Lissabon forschender Postdoktorand der Wissenschaftsgeschichte einen Überblick über Tiroler Manuskriptkarten, also handgezeichnete Karten oder Skizzen mit meist kleinem Raumumgriff, die nicht selten zu strittigen Fragen entstanden und daher meist unmittelbar mit entsprechenden Akten verbunden sind, die es zu deren Interpretation heranzuziehen gilt. Darunter sind Grenz-, Bergbau- und Grubenkarten sowie frühe Landschaftsdarstellungen im Zusammenhang mit Überschwemmungen oder Flussbegradigungen. Rainald Becker, Münchner Historiker mit Interessen in historischer Kartographie auch im internationalen Vergleich, zeigt an der in den Umrissen des Tiroler Wappentiers entwickelten Karte „Aquila Tirolensis“ des 1642 verstorbenen Matthias Burgklechner, dass die Landeskartographie einen wesentlichen Beitrag zur politischen Kulturgeschichte leistete, und er vermag dieses Meisterstück Tiroler Kartographie auch in den europäischen Kontext einzuordnen. Meinrad Pizzinini, Kustos der historischen Sammlungen am Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, widmet dem schon erwähnten Peter Anich einen ausführlichen Beitrag mit der zentralen Information, dass mit diesem „Bauernkartographen“ die Vermessungen in Tirol begonnen haben. Er geht dabei auch auf die angewandten Aufnahmetechniken ein. Der Beitrag von Wilfried Beimrohr, dem ehemaligen Direktor des Tiroler Landesarchivs, führt diese Linie zu den ersten Landesaufnahmen Tirols im Habsburger Reich fort, die in Tirol allerdings verspätet einsetzten. In der Summe geben alle diese Essays, wie der gesamte Band, Einblicke in die Visualisierung politisch-territorialer, sozialer und ökonomischer Verflechtungen in ihren räumlich-landschaftlichen Auswirkungen seit dem 16. Jahrhundert bis eben 1918 und bezeugen in der diachronen Betrachtung ganz im Gegensatz zu Daxens roter Grenzlinie die ständigen Veränderungen und Unschärfen der Grenzen Tirols und die Wandlungen des Blickes darauf. Und auch für diesen Band gilt selbstverständlich die Bemerkung Karl Schlögels, mit der Svateks Einleitung endet: „Eine Karte sagt mehr als tausend Worte.“