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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Nils Meyer

Das Institut für Hochschulkunde 1919-1982. Geschichte und Legitimation eines Fachs und seiner Institutionen zwischen Weimar, Nationalsozialismus und Bundesrepublik

Würzburg 2022, Würzburg University Press, 347 Seiten


Rezensiert von Dieter J. Weiß
In: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte
Erschienen am 02.04.2024

Das Würzburger Institut für Hochschulkunde an der Julius-Maximilians-Universität ist aus drei Vorgängerinstitutionen bzw. deren Beständen zusammengewachsen: Dem Hochschularchiv der Deutschen Studentenschaft in Göttingen respektive der „Sammlung Ssymank“, der Hochschulkundlichen Sammlung in Frankfurt am Main und schließlich dem nationalsozialistisch geprägten Institut für deutsche Studentengeschichte auf dem Marienberg in Würzburg, dessen nach 1945 verbliebene Bestände das 1954 gegründete Würzburger Institut für Hochschulkunde übernehmen konnte. Aus ganz unterschiedlichen weltanschaulichen und politischen Perspektiven beschäftigten sich diese Institutionen mit Studentengeschichte.

Die vorliegende Würzburger Dissertation von Nils Meyer untersucht erstmals die Geschichte der Vorgängereinrichtungen wie des gegenwärtigen Instituts für Hochschulkunde in den Jahren 1919 bis 1982. Schon der Zeitrahmen verdeutlicht die vielen, nicht nur gesellschaftspolitischen Umbrüche, die in dieser Zeitspanne für die Hochschulen und ihre Studenten stattfanden. Der Beginn des Hochschularchivs der Deutschen Studentenschaft in Göttingen erfolgte gleichzeitig mit der Gründung der Deutschen Studentenschaft 1919 in der unmittelbaren Nachkriegszeit des Ersten Weltkriegs und war entsprechend schwierig. Die prägende Gestalt dieser Jahre war der Gymnasiallehrer und Studentenhistoriker Paul Ssymank (1874-1942), der den Begriff „Hochschulkunde“ (Wissenschaft vom Hochschulwesen) prägte. Nachdem er sich mit der Deutschen Studentenschaft überworfen hatte, gründete er in Göttingen erstmals ein, allerdings kurzlebiges, Institut für Hochschulkunde. Parallel dazu entstand in Frankfurt, maßgeblich geprägt von Carl Manfred Frommel (1884-1938), seit 1928 eine „Hochschulkundliche Sammlung“. Deren Bestände fanden nach 1933, ergänzt um weitere Sammlungen, im Wege des Kaufs durch die Stadt Würzburg, die sich davon Prestige versprach, den Weg auf den Marienberg. All das wurde 1939 in das durch die Reichsstudentenführung eingerichtete „Institut für deutsche Studentengeschichte“ eingebracht, das von nationalsozialistischer Weltanschauung geprägt war. Im Zuge der Auflösung der Studentenverbindungen seit 1935 kam noch weiteres Sammlungsgut auf den Marienberg. Bedeutsam war v.a. die Übernahme des Archivs und der Bibliothek der Deutschen Burschenschaft, aber auch Materialien weiterer Verbände und Korporationen konnten gewonnen werden, darunter faktisch enteignete Unterlagen aufgelöster weltanschaulicher Gegner des NS-Regimes.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die nach Klärung der Besitzverhältnisse auf dem Marienberg verbliebenen Bestände in ein neues, bei der Universität Würzburg angesiedeltes „Institut für Hochschulkunde“ überführt, dessen Geschichte hier erstmals ausführlich dokumentiert wird. Die vorliegende Untersuchung nimmt das Jahr 1982 als Endpunkt, weil damals der um den Ausbau des Instituts hochverdiente Dr. Walter Michael Brod (1912-2010) die Institutsleitung niederlegte. Seit 2006 ist das Institut ein An-Institut der Universität Würzburg. Über alle Umbrüche standen Hochschul- und Universitätsgeschichte im Mittelpunkt der Sammlungen wie der Forschung, wobei die Geschichte des studentischen Verbindungswesens immer einen Schwerpunkt darstellte. Dies liegt auch daran, dass nach 1954 neben der Stadt Würzburg der Coburger Convent der Landsmannschaften und Turnerschaften sowie die Dachverbände der studentischen Corps (KSCV und WSC) zu den Hauptleihgebern des Instituts für Hochschulkunde gehör(t)en und über den 1955 (wieder-)gegründeten Förder- bzw. Trägerverein „Hochschulkundliche Vereinigung e.V.“ (seit 1972 Deutsche Gesellschaft für Hochschulkunde) beträchtlich zum Unterhalt des Instituts beitragen. Zu Recht stellt Nils Meyer fest, dass das Changieren zwischen hochschulkundlicher wissenschaftlicher Forschung um ihrer selbst willen und den Erkenntnisinteressen der das Institut tragenden Verbände stets charakteristisch war und diesbezügliche Aushandlungsprozesse nach wie vor kennzeichnend sind.

Die Dissertation von Nils Meyer liefert einen chronologisch bestimmten Überblick der Institutsgeschichte unter Berücksichtigung der sich vielfach ändernden politischen und gesellschaftlichen Umbrüche. Die das Institut mittragenden Korporationen und Verbände stehen dabei etwas im Hintergrund. Ausführlich diskutiert er seine methodischen Grundlagen und die Quellenlage, welche die Berücksichtigung zahlreicher Archive erforderlich machte: Archiv des Instituts für Hochschulkunde und der Deutschen Gesellschaft für Hochschulkunde Würzburg, Bundesarchiv Koblenz, Bayerisches Hauptstaatsarchiv München, Kösener Archiv im Institut für Hochschulkunde, Institut für Stadtgeschichte in Frankfurt am Main, Stadtarchiv Würzburg, Universitätsarchive Frankfurt, Göttingen, Tübingen und Würzburg. In einem Anhang werden die Amtsträger und das Personal an den hochschulkundlichen Einrichtungen sowie die chronologische Entwicklung in einer Zeittafel erfasst. Die Arbeit bietet insgesamt einen wertvollen Beitrag zu Institutionengeschichte wie zur Erforschung der Studentengeschichte des 20. Jahrhunderts.