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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Hans Gaab

Der Globenbauer Johann Philipp Andreae (1699–1760). Das bewegte Leben von Vater und Sohn

Regensburg 2024, Schnell & Steiner, 272 Seiten


Rezensiert von Thomas Horst
In: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte
Erschienen am 26.01.2026

Mit der biographischen Studie zu dem aus Württemberg stammenden, aber in Mittelfranken wirkenden Globenbauer Johann Philipp Andreae (1699–1760) füllt der auf neuzeitliche Astronomiegeschichte spezialisierte Autor erfreulicherweise eine lange bestehende Forschungslücke. Anlass für diese Veröffentlichung, die von der Kost-Poscher’schen Stiftung in Nürnberg finanziell gefördert wurde, war der 325. Geburtstag von Andreae, der fast die Hälfte seines Lebens bis zu seinem Tod in Schwabach verbrachte. Dem Herausgeber Ralf Gabriel (Vorsitzender der Bürgerstiftung Unser Schwabach) ist es gelungen, für diese Biographie den ehemaligen Gymnasiallehrer Hans Gaab zu gewinnen, der sich in zahlreichen Studien zum „astronomischen Innovationszentrum“ Nürnberg und den dort wirkenden Akteuren einen Namen gemacht hat. Zu erwähnen sind hier neben seiner 2009 an der Universität Regensburg eingereichten Dissertation über den Altdorfer Mathematik- und Physikdozenten Abdias Trew (1597–1669), der zugleich als Astronom, Astrologe, Kalendermacher und Theologe wirkte, insbesondere auch Gaabs Publikation „Die Sterne über Nürnberg. Albrecht Dürer und seine Himmelskarten von 1515“ (2015), die Konferenzschrift „Simon Marius und seine Forschung“ (2016, hg. mit Pierre Leich in den Acta Historica Astronomiae, Bd. 57; vgl. die Rezension von Georg Seiderer, in: ZBLG 80/3 [2017], S. 845–848) sowie seine zweibändige Monographie zu Johann Gabriel Doppelmayr (1677–1750), die 2023 als Band 70 der Schriftenreihe Acta Historica Astronomiae erschienen ist.

Gaabs neueste Studie widmet sich in sieben Kapiteln dem bewegten Leben von Vater und Sohn Andreae, die beide im 18. Jahrhundert als Hersteller von Globen in Nürnberg tätig waren. Der ungewöhnliche Familienname Andreae geht – wie in der Einleitung erläutert wird – auf das altgriechische Wort „andreios“ für „mannhaft oder tapfer“ zurück (S. 23). Nach einem kurzen Überblick über die Familiengeschichte dieses württembergischen Geschlechts, aus dem neben zahlreichen namhaften Juristen und evangelischen Pfarrern auch der hochangesehene Humanist Johann Valentin Andreae (1586–1654) hervorging, stellt der Autor zunächst das umtriebige Leben von Johann Ludwig Andreae (1669–1725) dar. Derselbe hatte an der Universität Tübingen studiert und wirkte ab 1694 als Pfarrer im württembergischen Hausen an der Lauchert, wo sein Sohn Johann Philipp an Sylvester 1699 (nach julianischem Kalender) das Licht der Welt erblickte. Johann Ludwig wurde 1710 nach Dürrwangen strafversetzt, weil er des Ehebruchs beschuldigt wurde. Lange hatte er diese neue Pfarrstelle jedoch nicht inne, denn er wurde bald darauf verhaftet, aus dem Kirchendienst entfernt und aus Württemberg mitsamt seiner Familie verbannt, nachdem er bereits 1708/09 als Randfigur in einem Mordkomplott gegen den kaiserlichen Generalfeldmarschallleutnant Friedrich Wilhelm von Hohenzollern-Hechingen (1663–1735) verstrickt war. Von 1714 bis 1718 lebte er in Nürnberg, wo er sich – wohl in Tradition der dort wirkenden Globenbauer Georg Christoph Eimmart (1638–1705) und Johann Baptist Homann (1664–1724) – auf die Herstellung von preiswerteren Erd- und Himmelsgloben im Durchmesser von 13,5, 32 und 48 cm spezialisierte. Johann Ludwig musste seinen Lebensabend in der freien Reichsstadt Esslingen verbringen, nachdem er nach dem Verkauf seines Geschäfts an das Hallesche Waisenhaus in Nürnberg nicht mehr gern gesehen war. In Esslingen verfasste er kurz vor seinem Tod noch eine Schrift zum „Coniglobium Astronomicum“ (1724), der Segmente zum Bau eines Sternkegels beigebunden sind.

Das umfangreiche zweite Kapitel (S. 65–148) ist dem Wirken seines Sohnes Johann Philipp in der Reichsstadt Nürnberg gewidmet, der dort in Nachfolge seines Vaters ab 1718 Globen anfertigte sowie als Kunsthändler und „Mathematicus“ tätig war. Neben einem astronomischen Kartenspiel (S. 112–126) fertigte Johann Philipp 1719 ebenso einen Sternkegel an, wovon uns ein einziges Exemplar in Kopenhagen überliefert ist. 1721 wurde ihm offiziell das Bürgerrecht erteilt. Im selben Jahr verehelichte er sich mit Sidonia Maria Schreiner und stellte weitere Instrumente her – so etwa eine Säulchensonnenuhr, die sich im Salzburg Museum befindet. 1725 wurde er beauftragt, den handbemalten Erdglobus des Johannes Schöner (1477–1547) von 1520 zu restaurieren, was er in einer Inschrift auf dem heute im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg verwahrten Instrument festhielt. 1730 wirkte Andreae auch an einem in die Astronomie einführenden Himmelsatlas des Benediktiners Corbinian Thomas (1694–1767) mit, der unter den Titeln „Firmamentum Firmianum“ bzw. „Manuductio ad Astronomiam“ erschien; die Druckplatten dazu wurden wohl 1731 nach Augsburg verkauft, wo eine weitere Ausgabe verlegt wurde (S. 128–143). Im Februar 1731 beschwerten sich Johann Gabriel Doppelmayr und dessen Globenproduzent Johann Georg Puschner d.Ä. (1680–1749) über Andreae beim Nürnberger Rat. Mit dem Rat hatte er bereits seit Ende 1730 Ärger aufgrund einer von Johann Christoph Berndt (1707–1798) ohne Erlaubnis in Kupfer gestochenen, von Andreae wiederabgedruckten Karte des Nürnbergischen Gebiets von Christoph Scheurer (1692).

Das dritte Kapitel (S. 149–202) behandelt den darauffolgenden Gerichtsprozess gegen Andreae. Der unerlaubte Nachdruck tauchte mit vier weiteren Karten erneut 1733 in den „Deliciae topo-geographicae Noribergensis“ auf (die in den Abbildungen 3.4–3.7 bei Gaab wiedergegebenen Illustrationen aus dem Exemplar mit der Signatur JH.Top.f.19 stammen jedoch nicht, wie angegeben aus der Bayerischen Staatsbibliothek, sondern aus der Staatsbibliothek Bamberg). Folgenschwerer war, dass Andreae (unter dem Pseudonym Joseph Paul Nigrino) auch ein Ämterbüchlein („Verzeichnus Der Republic Nürnberg Regenten, Beamten und Bedienten, sowohl in der Stadt als auf dem Land“, 1732/33) und die sogenannte Findelrechnung unter dem Titel „Modell einer Jahresrechnung“ (1732) herausgab sowie in die Herstellung eines gegen den Rat gerichteten Pasquills involviert war. Aufgrund dieser Schmähschrift wurde Andreae Mitte 1733 verhaftet und mit Urteil vom 11. Februar 1734 zu einer lebenslänglichen Kerkerhaft im Nürnberger Schuldturm (dem sogenannten „Männereisen“ an der heutigen Heubrücke) verurteilt. Von dort gelang ihm am 26. März 1734 eine spektakuläre Flucht (laut selbst inszenierter Legende teils schwimmend durch die Pegnitz), die ihn nach Schwabach führte (vgl. Kapitel vier; in diesem brandenburg-ansbachischen Oberamt hatten nach dem Dreißigjährigen Krieg bereits protestantische Glaubensflüchtlinge aus dem Erzstift Salzburg sowie ab 1686 Hugenotten aus Frankreich eine neue Bleibe gefunden).

In Schwabach setzte Andreae seine Globenproduktion fort und war als Fabrikant leonischer Silberdrahtwaren und Tabakhändler tätig. Vermutlich aufgrund von hohen Schulden landete er dort erneut im Gefängnis, wo er am 8. Oktober 1760 verstorben ist.

Für die Globenkunde sind insbesondere die letzten drei Kapitel von Relevanz, welche einen sehr hilfreichen Überblick über die von Johann Philipp Andreae erstellten Instrumente (S. 247–261) und die Neuauflagen seiner Globen von 1726 (S. 235–244) enthalten. Einen ähnlichen Katalog hätte man auch noch für die von seinem Vater Johann Ludwig erstellten Globen auflisten können, ebenso eine Übersicht des Briefwechsels von Johann Philipp, welchen derselbe Autor im Juli 2023 komplett transkribiert und unter https://www.astronomie-nuernberg.de/index.php?category=andreae&page=Andreae-Briefwechsel online gestellt hat.

Für die Landesgeschichte spielen – wie es Ralf Gabriel in seinem Vorwort treffend auf den Punkt bringt – „das Spannungsverhältnis des (noch) herrschenden Patriziats mit der aufbegehrenden Kaufmannschaft im 18. Jahrhundert“ (S. 10) sowie „die über Jahrhunderte ausgefochtenen Gebietsstreitigkeiten der Reichsstadt mit dem Markgrafen von Ansbach, in die sich Andreae mit seinen Landkarten auch hat hineinziehen lassen“ (S. 11), eine bedeutende Rolle. Hierzu hätte man sich noch einige grundlegendere Informationen erwartet. Zudem verwundert etwas, wieso der Autor hier nicht zeitgenössische Parallelen und strukturelle Gemeinsamkeiten zu anderen Nürnberger Kupferstechern zumindest vergleichend (etwa in der Einleitung) anspricht. Denn die Biographie von Andreae erinnert durchaus an den weitgehend in Vergessenheit geratenen Nürnberger Kunstverleger Johann Jakob Schollenberger (1646–1689). Auch dieser Karten- und Kupferstecher, der ein enormes Werk hinterlassen hat, wurde mehr als vier Jahrzehnte vor Andreae Opfer eines Rechtsstreits mit der Stadt Nürnberg, der mit einem tragischen Ausgang (nämlich dem Freitod Schollenbergers) endete. Davon berichtet das von Franz Reitinger und Hans Joachim Schollenberger ebenso bei Schnell & Steiner in Regensburg bereits 2018 verfasste Werk „Johann Jakob Schollenberger (1646–1689). Nürnberg und die Bildproduktion der Kunstverlage des Barock. Werkbiographie eines Verschollenen“, zu dem 2022 auch ein Ergänzungsband erschienen ist. Reitinger ist es übrigens bereits 2015 gelungen, das einzig bekannte Porträtkupfer des Salzburger Benediktiners Corbinian Thomas aufzuspüren (vgl. „Die Metastasier. Geschmackseliten im 18. Jahrhundert“, Salzburg 2015, S. 190).

Abgesehen von stilistischen Mängeln und ein paar wenigen Marginalien besteht der Wert der neuen Monographie zu Andreae vor allem im akribischen Quellenstudium, das u.a. auf den älteren Forschungen des in Nürnberg tätigen Kunsthistorikers Theodor Hampe (1866–1933) basiert. Pünktlich zum 325. Geburtstag von Andreae hat Hans Gaab somit eine sehr schöne, mit zahlreichen Illustrationen ansprechend gestaltete und zugleich höchst informative Publikation vorgelegt.