Aktuelle Rezensionen
Arno Strohmeyer/Christoph Würflingen/Anna Spitzbart/Lisa Brunner (Hg.)
Die Medialität von Diplomatie. Diplomatische Korrespondenzen im Kontext frühneuzeitlicher Briefkultur
(Schriftenreihe zur Neueren Geschichte 43 N.F. 6), Münster 2024, Aschendorff, 500 Seiten
Rezensiert von Gerhard Immler
In: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte
Erschienen am 26.01.2026
Der Band enthält die Vorträge einer Tagung, die bedingt durch die Corona-Pandemie, nur in Form einer Videokonferenz stattfinden konnte. Ihr Thema war die fürstliche und diplomatische Korrespondenz im Kontext frühneuzeitlicher Briefkultur. In seinem einleitenden Beitrag geht Arno Strohmeyer auf die durch neuere Tendenzen in der Geschichtswissenschaft stärker ausdifferenzierte Verwendung von Briefen als Quelle ein. Nicht mehr nur in Bezug auf den Inhalt, sondern vor allem als Ego-Dokumente der Verfasser und als Zeugnisse für die Denkweise eines Zeitalters würden sie zunehmend in den Blick genommen. Insgesamt gelte es, ihre Eigenschaft als Medien (Medialität) zu beachten. Anschließend stellt Strohmeyer am Beispiel der Korrespondenz des kaiserlichen Residenten in Konstantinopel, Alexander von Greiffenklau zu Vollrads, ein Modell auf, diese Medialität anhand standardisierter Kriterien (Verfasser, Materialität, Diskurstraditionen, Beziehung zum Auftraggeber, Aufgaben eines Diplomaten, Selbstoffenbarung des Verfassers, Rezeptionsprozess, intermediale und intertextuelle Bezüge) zu untersuchen. Megan K. Williams analysiert anhand der Sekretäre des habsburgischen Diplomaten Andrea Burgo (1467-1533) die Bedeutung der Gesandtschaftssekretäre für dessen Korrespondenz. Auffällig ist dabei, dass deren Karrierewege, soweit sie nicht in Burgos Diensten starben, zur Stellung als persönlicher Sekretär einer Prinzessin bzw. in eine leitende Funktion in einer zentralbehördlichen Kanzlei führten. Noch gab es also keine diplomatische Laufbahn. Vielmehr bestand im 16. Jahrhundert noch eine sehr offene Situation, in der Kaufleute wie der Augsburger Anton Meuting in die Positionen eines Hoflieferanten und Kunstagenten und zeitweise förmlichen Gesandten Herzog Albrechts V. von Bayern am Madrider Hof schlüpfen konnten. Mark Häberlein berichtet über die Biographie dieses Mannes, der zugleich „Faktor“ der spanischen Krone am Handelsplatz Augsburg war. Zsuszanna Cziraki und Markus Laufs untersuchen anhand zweier verschiedener Beispiele aus der Mitte des 17. Jahrhunderts den im Prinzip als Normabweichung eingeschätzten Einsatz von Emotionalität durch Diplomaten in ihren Berichten bzw. bei Verhandlungen. Christina Antenhofer berichtet aus ihrer Beschäftigung mit fürstlichen Familienkorrespondenzen des 15. Jahrhunderts im transalpinen süddeutsch-oberitalienischen Raum, wobei entgegen dem Titel des Aufsatzes die „geschlechterhistorische Perspektive“ weniger eine Rolle spielt als die aus der Zusammenschau von Sender-Empfänger-Konstellationen und äußeren Merkmalen sich ergebende Typologie fürstlicher Briefe. Gerade da die Autorin abschließend feststellt, dass im Spätmittelalter selbst Entbindungen, bei denen zumindest manchmal die Väter dabei waren, „nicht reine Frauensache [waren] ebenso wenig wie Politik Männersache war“, sei die Anregung erlaubt, in wissenschaftlichen Aufsätzen auf modische graphische Sonderzeichen zu verzichten, denn diese machen die geschriebene Sprache im Widerspruch zu den historischen Verhältnissen (Briefe wurden, wie die Autorin feststellt, oft laut verlesen, sei es im Familienkreis oder in Ratsgremien) zu einer vom Sprechakt abgehobenen „Schreibe“. Wo es darauf ankommt zu betonen, dass Personen beider Geschlechter in jeweils spezifischer Weise an einem Kommunikationsnetzwerk beteiligt waren, sollte man beide auch explizit nennen. Diese Anregung gilt gleichermaßen für den Aufsatz von Markus Laufs, in dem durch einschlägigen Übereifer von „Diplomat*innen“ (S. 142) die Rede ist, wobei nicht in Abrede gestellt sei, dass die Gemahlinnen von Gesandten durchaus eine spezifische Rolle auf Kongressen einnehmen konnten – man denke etwa an die Herzogin von Longueville als Gastgeberin kultureller „Events“ auf dem Westfälischen Friedenskongress. Deswegen waren sie aber noch keine Diplomatinnen. Differenziert herausgearbeitet wird die als wichtiges Element dynastischer Netzwerke durchaus auch politisch bedeutsame Rolle fürstlicher Frauen vor allem am Beispiel der Erzherzogin Maria, geb. Herzogin von Bayern, der Mutter Kaiser Ferdinands II., von Katrin Keller, die dabei auch Forschungswege aufzeigt, wie inhaltlich belanglose Quellen, z.B. die konventionellen Grußbriefe (Courtoisieschreiben), dennoch auf möglicherweise Wichtiges verweisen können. So könnte es durchaus eine politisch bedeutende Tatsache sein, dass Kaiserin Eleonora Magdalena diesen Briefkontakt mit Herzog Maximilian Philipp von Bayern bis zu dessen Tod 1705 aufrechterhielt, obwohl dessen Neffe Kurfürst Max Emanuel sich im Spanischen Erbfolgekrieg gegen den Kaiser gestellt hatte und infolgedessen keine derartigen Briefe mehr erhielt. Machte etwa erst der Tod des Herzogs den Weg frei für die Ansprüche Johann Wilhelms von der Pfalz auf die fünfte Kur und die Oberpfalz? Diese Anregungen an weitere Forschungen bilden eine gute Überleitung zum zweiten Block an Aufsätzen, in dem es um die Praxis des Berichtens geht.
Der von Guido Braun verfasste erste Aufsatz zu diesem Thema weist darauf hin, dass die Nuntiaturberichte der Reformationszeit gewissen Erwartungen an der päpstlichen Kurie genügen mussten, die zunächst eher vom Vorrang der Politik im Verhältnis zu Kaiser Karl V. sowie von der Wahrnehmung humanistisch gebildeter Italiener von den „barbarischen“ Gegenden nördlich der Alpen als von der Sorge um die Kirche in Deutschland geprägt waren. Entscheidend geändert hat sich das, so stellt Braun fest, erst unter dem Pontifikat Gregors XIII. (1572-1585). Drei weitere Aufsätze sind der habsburgischen Diplomatie im Osmanischen Reich gewidmet: Sándor Papp berichtet über Chiffren und Informationsnetzwerke der habsburgischen Diplomaten in Konstantinopel sowie über die sehr unübersichtliche Überlieferungslage zur Dokumentenproduktion der Kanzlei der Sultane. Diese beruht nämlich fast ausschließlich auf Kopialbüchern und Briefsammlungen, wobei die letzteren auch Fälschungen und fiktive Musterbriefe enthalten. Die Organisation sicherer Kuriertransporte wird von Anna Mur Raurell am spanischen Beispiel der Geheimmission des Baron Ripperda nach Wien im Jahr 1725 dargestellt. Diese führte dazu, dass Kaiser Karl VI. und König Philipp V. mit zwölfjähriger Verzögerung den Spanischen Erbfolgekrieg endlich auch im bilateralen Verhältnis beilegten und hinter dem Rücken ihrer bisherigen Verbündeten (Großbritannien und die Niederlande bzw. Frankreich) ein Bündnis schlossen.
Ein dritter Abschnitt widmet sich schließlich den diplomatischen Textsorten. Lena Oetzel verweist dabei auf die leider oft missachtete Bedeutung der Beilagen zu Berichten und Resolutionen; sie plädiert zu Recht dafür, diese in Editionen zumindest zu ermitteln und nachzuweisen. Der Wunsch, sie mit abzudrucken, ist sicher nur in strenger Auswahl umsetzbar, da gerade bei größeren Kongressen ein und dieselben Texte mehrfach als Beilagen verschickt worden sind; sie jedes Mal abzudrucken, würde zu erheblichen Redundanzen führen. In analoger Weise empfiehlt Dorothée Goetze eine verstärkte Beachtung der „Nebenschreiben“, der nur scheinbar privaten Briefe von Diplomaten an hohe und höchste Berater ihres Auftraggebers, denn oft genug dienten sie dazu, den Entscheidungsträgern am Hof Einschätzungen, Meinungen und selbst Kritik zu übermitteln, die in der offiziellen Relation aufgrund der höfischen Hierarchie nicht sagbar waren. Manchmal ging es auch darum, solche Stellungnahmen bei Bekanntwerden an den Verhandlungspartner als „Privatmeinung“ abtun zu können. Zudem diente dieser Zweig der diplomatischen Korrespondenz der Pflege von Patronage-Netzwerken. Eva Brunner untersucht die „Intertextualität“ verschiedener Briefe und Berichte der kaiserlichen Internuntiatur zur Verlängerung des bestehenden Waffenstillstands an den Sultanshof im Jahr 1649 und zeigt dabei auf, wie deren Untersuchung zusätzliche Aufschlüsse über die Intention und den Adressatenkreis verschiedener Textsorten liefern kann. Gleb Kazakov weist den Weg von Nachrichten über Ereignisse im Moskauer Zarenreich der 1680er Jahre in europäische Zeitungen nach; deren Quelle waren diplomatische Berichte, deren Publikation die auftraggebenden Regierungen den Zeitungsverlegern aber mitunter auch verboten haben. Nicht gerade von großem Neuigkeitswert ist das Argument von Marcus Stiebing, dass Konzepte es erlauben, Entscheidungsprozesse zu analysieren. Das gewählte Beispiel passt dazu allerdings recht wenig, wenn die drei Hände, die bei einem in dieser Form überlieferten Textkorpus auftreten, nicht identifiziert werden können. Befremdlich ist, dass der Autor das darin häufig vorkommende Kürzel „E.L“ [„Euer Liebden“ als Anrede für verwandte oder besonders vertraute Fürsten] stets mit „Eure Liebende“ wiedergibt.
Einige Vorträge fallen zwar aus dem Rahmen der Gesamtkonzeption etwas heraus, bieten aber doch aufschlussreiche Ausblicke, z.B. wenn sich aus Martina Hackes Beitrag über den Briefwechsel eines Basler Druckers und Buchhändlers mit seinen in Paris studierenden Söhnen im ersten Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts ergibt, dass deren lateinischer Briefstil sich eher an traditionellen mittelalterlichen Mustern als an Cicero, dem humanistischen Heros eines Briefautors, ausrichtete. Taku Minagawas englischsprachiger Aufsatz über die briefliche Kommunikation des Ulmer Bürgermeisters und Hauptmanns des Schwäbischen Bundes Wilhelm Besserer ist mit lesenswerten einleitenden Bemerkungen zur Geschichte des Briefs seit der Antike versehen, wobei er auf den gegenüber Italien und Westeuropa in Mitteleuropa verzögert erfolgten Übergang vom offenen zum verschlossenen Brief verweist. Dieser Umstand hat dazu beigetragen, dass bis heute der deutsche Begriff „Brief“ eine Doppeldeutigkeit aufweist, weil er sowohl „letter“, d.h. schriftliche Kommunikation, wie „deed“, d.h. Urkunde (z.B. „Schuldbrief“), bedeuten kann. Moritz Zimmermann befasst sich mit der teilweise chiffrierten Korrespondenz zwischen Herzog August von Braunschweig-Wolfenbüttel und dem Tübinger Theologen Johann Valentin Andreae, wobei das Chiffrieren kaum je aus einer Notwendigkeit der Geheimhaltung resultierte, sondern als gelehrte Praxis der Manifestation eines Vertrauensverhältnisses unter räumlich Entfernten diente. Ein anderer Tübinger Gelehrter, Nicodemus Frischlin, schließlich ist der tragische Held im abschließenden Aufsatz von Magnus Ulrich Ferber. Der Philologe und Dichter wusste nicht zu differenzieren zwischen dem, was in einer Gelehrtenkorrespondenz, in Privatbriefen an gelehrte Räte des Herzogs von Württemberg und in Supplikationen an diesen selbst angemessen war, und hatte die Folgen landesherrlicher Ungnade zu tragen.