Aktuelle Rezensionen
Jan Markert
Wilhelm I. Vom „Kartätschenprinz“ zum Reichsgründer
(Elitenwandel in der Moderne 25), Berlin/Boston 2025, De Gruyter Oldenbourg, 768 Seiten
Rezensiert von Sabrina Stahl
In: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte
Erschienen am 03.02.2026
Die vorliegende Studie bietet einen breit angelegten Überblick über die politische Entwicklung Wilhelms I. im Kontext Preußens und Europas während der ersten beiden Drittel des 19. Jahrhunderts. In sechs chronologisch aufgebauten „Büchern“ behandelt der Autor die Kindheits- und „Prägungsjahre“ Wilhelms, seine wiederkehrenden Konflikte mit Friedrich Wilhelm IV., seine Erfahrungen während der Revolution von 1848/50, den Ausbau seines persönlichen Einflusses ab 1857 sowie die für die Reichseinigung zentralen Jahre 1863 bis 1867. Damit endet die Darstellung bewusst vor der eigentlichen Reichsgründung von 1870/71, obwohl der im Titel verwendete Begriff des „Reichsgründers“ eine weitergehende zeitliche Perspektive erwarten lassen könnte. Die Konzentration auf diesen Zeitraum erklärt der Autor einerseits damit, dass dies die „‘aktivste[n]‘ und ‚einflussreichste[n]‘ Jahre“ Wilhelms waren, andererseits aber mit dem Argument, dass „eine komplette Kaiserbiographie […] den Rahmen dieses Buches schlichtweg gesprengt“ hätte (S. 7).
Hervorzuheben ist die intensive Arbeit mit dem Nachlass Wilhelms I., aus dem Markert zahlreiche Brief- und Tagebuchpassagen heranzieht. Dabei ist jedoch festzuhalten, dass sich die Untersuchung insgesamt nur zu einem vergleichsweise geringen Teil auf bislang unedierte oder neue Quellen stützt; der überwiegende Teil des herangezogenen Materials entstammt bereits gedruckten Quelleneditionen (vgl. etwa auch die Besprechung von Robin Simonow in Jahrbuch zur Liberalismusforschung 2025/1).
Zahlreiche Einschübe aus Briefen und Tagebüchern – vor allem aus der Korrespondenz mit den Schwestern Luise und Charlotte, der Ehefrau Augusta sowie Friedrich Wilhelm IV. – gewähren einen unmittelbaren Einblick in Wilhelms Wahrnehmung politischer Ereignisse und verdeutlichen seine Rolle als eigenständig handelnder Akteur. Die Darstellung der teils konfliktträchtigen Beziehungen innerhalb des Königshauses gelingt insgesamt überzeugend und trägt wesentlich dazu bei, Wilhelms politische Positionierung nachzuzeichnen.
Die quellengesättigte Darstellung ist gut lesbar, wenngleich die Fülle des Materials zu einer stellenweise etwas weitschweifigen Argumentation führt. Zahlreiche Anglizismen und sprachliche Unebenheiten fallen auf, mindern jedoch die Gesamtaussage der Studie nicht wesentlich.
Besondere Bedeutung gewinnt das Werk durch seine dezidierte Abkehr vom traditionellen Bismarckfokus. Markert argumentiert plausibel, dass Wilhelm I. deutlich stärker an den politischen Entscheidungsprozessen beteiligt war, als es die ältere Forschung nahelegt. Die sorgfältige Analyse seiner Handlungsspielräume und politischen Initiativen im behandelten Zeitraum stützt dieses Ergebnis und eröffnet neue Perspektiven auf die Vorgeschichte der Reichseinigung. Markert sieht Wilhelm I. als einen – nicht den – Reichsgründer, dessen Anteil an der Schaffung des ersten deutschen Nationalstaats aber gewichtiger war als der des „Eisernen Kanzlers“ (vgl. S. 721).
Die Studie stellt damit eine materialreiche und differenzierte Teilbiographie dar, die Wilhelms politisches Wirken in neuer Weise sichtbar macht. Trotz einzelner formaler Schwächen bietet das Werk einen wichtigen Beitrag zur politischen Geschichte Preußens.