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Paola Travaglio/Thomas Reiser (Hg.)
Der Liber colorum secundum magistrum Bernardum. Ein Maltraktat aus dem Norditalien des 13. Jahrhunderts. Neuedition, Übersetzung und Kommentar
(Theon Lykos Calendis Graecis 2), Marktredwitz 2023, 64 Seiten, 1 Grafik, 3 Tabellen
Rezensiert von Karl-Georg Pfändtner
In: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte
Erschienen am 03.02.2026
Das schmale Buch, 64 Seiten, stellt den „Liber colorum secundum magistrum Bernardum“, ein Maltraktat mit 56 Rezepten, ursprünglich wohl aus dem 13. Jahrhundert stammend, aus Norditalien vor, ediert den Text neu mit deutscher Übersetzung und kommentiert diesen. Dem eigentlichen Text der Edition (S. 12–44), in der stets unterhalb des lateinischen Textabschnitts nach den Verweisen auf die Varianten die deutsche Übersetzung samt den in Fußnoten gegebenen Kommentaren folgt, geht eine Einleitung voran, die den in vier Handschriften überlieferten Text unter die mittelalterlichen Farbtraktate und Rezeptsammlungen einordnet. Auf Seite 7 folgt das Stemma der diesen Text enthaltenden Handschriften, die alle letztendlich wohl auf den verlorenen Text und weitere Überlieferungslücken zurückgehen: Mailand, Biblioteca Ambrosiana, Ms. D. 437 inf. (16. Jahrhundert) (Sigle A); Oxford, Bodleian Library, Ms. Canonici Misc. 128 (16. Jahrhundert) (Sigle B); Modena, Biblioteca Estense, Ms. T.7.3 (15.–16. Jahrhundert) (Sigle E); New Haven, Yale University, Beinecke Rare Book and Manuscript Library, Ms. 986 (15. Jahrhundert) (Sigle Y). Es folgt eine genauere Beschreibung der Handschriften und deren Provenienz sowie die Einordnung der Textüberlieferung insgesamt. Von den vier Textzeugen sind laut den beiden Autoren die Handschrift A und Y hinsichtlich der Vollständigkeit und des schlüssigen Aufbaus als die am besten erhaltenen Fassungen des „Liber colorum“ anzusehen (vgl. S. 10). Ebenfalls auf Seite 10 wird die Zuschreibung des Textes an „Magister Bernardus“, dessen geographischer Ursprung und die Datierung erläutert: Bernardus, in den Texten als Autor der Rezepte genannt, sei ein bisher nicht näher bestimmbarer nord-/ostitalienischer geistlicher Gelehrter des späten 13. Jahrhunderts, dessen Corpus im Laufe der Zeit pseudographisch wie pseudoepigraphisch weitere Rezepte und Traktate einverleibt wurden. Im flüssigen Mittellatein gehalten, finden sich laut den Autoren Spuren des Altitalienischen, von denen einige Beispiele angeführt werden, die auf eine regionale Zuordnung zwischen der Lombardei und dem Veneto verwiesen (S. 10). Im Anhang wird unter Nr. 6 zur leichten Auffindbarkeit der einzelnen Farbrezepte ein farbschematisches Inhaltsverzeichnis des „Liber colorum“ mit den mittellateinischen (auch deutsch übersetzten) Rezeptüberschriften gegeben, in welchem in einer äußeren Spalte in der jeweiligen Farbe unterlegt, recht anschaulich angegeben wird, welche Kapitel sich mit welchen Farben befassen. Unter der Nr. 7 findet sich ein Index der historischen Bezeichnungen der erläuterten Realien und Termini, unter Nr. 8 ein Index der erläuterten Realien und Termini nach heutigen deutschen Bezeichnungen, jeweils mit den Angaben, in welchen Kapiteln man diese findet. Eine ausführliche Bibliographie (Nr. 9) schließt das Buch ab.
Anlass für die Neuedition war laut den Autoren vor allem der Neufund eines weiteren Textzeugen, der aber nicht näher bestimmt wird. Es handelt sich um Ms. 986 aus der Beinecke Rare Book and Manuscript Library der Yale University New Haven (Sigle Y), die vorher im Besitz des Antiquars und Stifters Bernard M. Rosenthal (1920–2017) verwahrt wurde, wie Travaglio in ihrem Aufsatz von 2016 berichtet (Paola Travaglio, Il ‚Liber colorum secundum Magistrum Bernardum‘. Un trattato duecentesco di miniature, in: Studi di Memofonte. Rivista on-line semestrale 16 [2016], S. 149–195, hier S. 195).
Auffallend sind unter den Rezepten, dies würde auch die These der Autoren der Datierung des Traktates ins ausgehende 13. Jahrhundert stützen, diejenigen zu französischen und griechischen Techniken, insbesondere zum Inkarnat und den Goldgründen. Gerade in dieser Zeit wird in Oberitalien nicht nur in Bologna, aber hier besonders anschaulich, sowohl die französische wie die byzantinische Buchmalerei auf höchstem Niveau gleichzeitig und konkurrierend rezipiert. Insgesamt finden sich neun Rezepte für den Auftrag von Goldgrund, darunter auch solche für goldene Buchstaben und, sehr aufschlussreich, sogar für goldenes Fleuronnée, eines für Musivgold, zwei zusätzliche für Auripigment. Für Rot sind 11 Rezepte, für Grün neun Rezepte zu finden. Andere Farbrezepte sind deutlich weniger in der Anzahl. Ein Rezept für Silber kennt der Traktat auffallenderweise nicht.
Der Traktat reiht sich ein in die überschaubaren Exemplare zur Maltechnik, insbesondere der Buchmalereitechnik des Mittelalters und wurde, da kaum zugänglich, bisher in der Kunstforschung nur selten herangezogen. Eine Neuedition und gleichzeitig eine Übersetzung ins Deutsche ist daher sehr zu begrüßen, insbesondere in Zeiten des erstarkten Interesses an Materialanalysen von Malerei und Buchmalerei, der heute ganze Forschungsprojekte und Ausstellungskataloge gewidmet werden (siehe z.B. den Ausstellungskatalog: Colour. The Art & Science of illuminated manuscripts, hg. von Stella Panayotova, Cambrigde 2016).