Aktuelle Rezensionen
Edgar Feuchtwanger/Antonia Cox
Kinderbriefe aus dem Exil. Edgar Feuchtwanger in England 1939
hg. von Anja Tuckermann, Berlin 2024, Duncker & Humblot, 133 Seiten, 76 Abbildungen
Rezensiert von Christopher Bertusch/Amalia Rohrer
In: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte
Erschienen am 10.02.2026
Deutschland 1933: Mit 8 Jahren lacht der junge Edgar über „PoPo“ (S. 31), die Bayerische Politische Polizei, die das Ferienhaus der Familie durchsucht. Spätestens nach der Reichspogromnacht realisiert er die nahende Gefahr. Seine Eltern schicken ihn allein nach St. Marwes in Cornwall, England. Zuvor zeigen sie ihm ein einziges Mal den Schriftzug „Cornwall“ auf einer Karte und dann sitzt er schon im Zug und kommt wenig später in einem fremden Land an.
Der Historiker Edgar Feuchtwanger, der im August letzten Jahres verstarb, blickte auf ein bewegtes Leben zurück: Seine Kindheit verbrachte er in der Grillparzerstraße 33 in München, nicht unweit der Wohnung Adolf Hitlers, wie aus seiner Autobiographie „Als Hitler unser Nachbar war“ (2014) hervorgeht. Als er 1939 mit nur 14 Jahren nach England emigrierte, tat er dies allein. Die Eltern Ludwig und Erna Feuchtwanger konnten ihm erst einige Monate später folgen. Die Verbindung zu Ludwigs Bruder, dem Schriftsteller Lion Feuchtwanger, der sich früh gegen die nationalsozialistische Politik aussprach und Deutschland bereits 1933 verließ, bot dem Ehepaar während der Flucht Anlass zur Sorge. Die Emigrationsgeschichte ihres Sohnes beleuchtet nun der anlässlich seines 100. Geburtstags erschienene Band „Kinderbriefe aus dem Exil. Edgar Feuchtwanger in England 1939“.
Wie der Titel vermuten lässt, versammelt Herausgeberin Anja Tuckermann in fünf Kapiteln Briefe des jungen Edgar zwischen Frühjahr und Ende des Jahres 1939. Diese Briefe sind als Faksimile sowie jeweils in Druckschrift wiedergegeben, wenige Stellen bleiben aufgrund der originalen Handschrift unleserlich. Die späteren englischen Briefe werden übersetzt, manche aufgrund ihrer Länge nicht in Gänze abgedruckt (S. 38). An wenigen Stellen spart sich auch die Übersetzung ein paar Zeilen (S. 43). Die Briefe werden durch weitere Dokumente aus dem Familienarchiv wie Passfotos, Einreisedokumente und Postkarten ergänzt. Die Antworten der Eltern, an die Edgar seine Briefe richtet, fehlen. Eingebettet sind all diese historischen Dokumente in eine Konversation mit Edgar Feuchtwangers Tochter Antonia Cox in dem gemeinsamen Wunsch, die Kinderbriefe an seine Eltern als zeitgeschichtliche Dokumente einem breiten Publikum zugänglich zu machen.
Das Vorwort und die ersten beiden Kapitel des Bandes liefern dabei die Hintergründe der geplanten Emigration und geben beispielsweise die Briefe der englischen Gastfamilie wieder, die sich auf Edgars Ankunft freute. Auch enthalten sind hier zwei Postkarten Ludwig Feuchtwangers aus dem Jahr 1938 an seine Familie – er wurde in dieser Zeit als „Schutzhaftjude“ (S. 34) im KZ Dachau interniert. In einem zusätzlichen Kapitel am Ende des Buches erzählt Edgar Feuchtwanger von seiner Lieblingstante, der Redakteurin und Journalistin Bella Feuchtwanger. Sie ist die einzige der neun Feuchtwanger-Geschwister, die im KZ Auschwitz ermordet wurde.
In den Kapiteln drei bis fünf wird Edgars eigene Stimme deutlich, seine Briefe werden ergänzt durch Briefe seiner Gastmutter Beryl Dyson an die Feuchtwangers. Sie ist besonders bemüht um Edgars akademische Ausbildung, in ihren Briefen unterrichtet sie die Eltern über seine Fortschritte, sein physisches und psychisches Wohlergehen. Bei der Wiedergabe der Briefe Edgars setzte Tuckermann auf Vollständigkeit, räumte in einem Gespräch mit dem Deutschlandfunk Kultur aber auch ein, dass weitere Briefe aus dem Archiv auftauchen könnten (https://www.deutschlandfunkkultur.de/gespraech-mit-anja-tuckermann-ueber-kinderbriefe-aus-dem-exil-100.html). Immerhin musste das Buch recht zügig zum Geburtstag erscheinen.
Dass dieser Band nun im Duncker & Humboldt Verlag erschien, ist nicht allein seiner Thematik oder der Tatsache zu verdanken, dass Edgar Feuchtwanger hier zuvor u.a. seine Autobiographie „Erlebnis und Geschichte“ (2010) veröffentlichte – das ähnlich gestaltete Cover verweist auf diese Relation. Duncker & Humboldt ist ebenfalls der Verlag, in dem sein Vater Ludwig Feuchtwanger 18 Jahre lang als Lektor arbeitete.
Dennoch ist das vorliegende Werk nicht allein als Ergänzung zur umfassenden Familiengeschichte der Feuchtwangers interessant. Wie Tuckermann in ihrer Einleitung vermerkt, zeigen Edgars Briefe am Rande des Zweiten Weltkriegs, was es bedeutete, ein jüdischer, jugendlicher Immigrant zu sein: Wie Edgar Feuchtwanger selbst reflektiert, hatte er das Gefühl, in nur wenigen Tagen erwachsen geworden zu sein (S. 61). Erste Briefe, in krakeliger deutscher Handschrift, werden schnell durch englische Briefe ersetzt, die den eigenen Eltern Begriffe erklären und Ratschläge für ihre baldige Anreise geben. Edgar ist ihnen nun einen Schritt voraus, er kennt England und seine Bräuche bereits und für kurze Zeit invertiert sich die Eltern-Kind-Dynamik. Edgars Ratschläge sind immer verbunden mit der drängenden Frage, wann die Eltern endlich nach England kommen und dem Wunsch, ihnen die Sorge um ihr einziges Kind zu nehmen.
Dabei bieten die versammelten Briefe auch einen Blick auf den Anpassungsdruck und die Angst der englischen Bevölkerung, auf die ein deutscher Immigrant wie Edgar trifft: Er spricht kein Wort Deutsch in der Öffentlichkeit, lässt sich schnell einen englischen Haarschnitt verpassen. Der Name „Edgar“ klingt zum Glück bereits englisch. Er bemüht sich um eine möglichst nahtlose Integration, die ihm besonders die Gastfamilie Dyson erleichtert. Mit 99 Jahren hält Edgar Feuchtwanger dennoch fest, dass er immer noch zum Frühstück Käse und Schinken isst, „genauso wie ein Bayer, nicht wie ein Engländer“ (S. 48). Der junge Edgar merkt, dass seine englischen Mitbürger den in Deutschland erlebten Schrecken nicht verstehen können oder wollen. Dass sie ihn dazu gar nicht befragen.
„Kinderbriefe aus dem Exil“ gelingt es, der bereits vielseitigen Exilliteratur eine weitere Facette hinzuzufügen, indem es einen Blick auf die Exilerfahrungen eines Kindes vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs wirft. Zusätzlich bietet es eine Ergänzung zu Edgar Feuchtwangers (auto-)biographischem Werk. Letztendlich kommt dieser hier primär zu Wort – seine Narration ist überaus luzide und verhilft zum schnellen Lesefluss. Um den historischen Kontext noch weiter zu erhellen, hätten ergänzende Angaben der Herausgeberin an gewissen Stellen nicht geschadet.