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Peter Henning
Zwischen Opportunismus und Opposition. Kulturschaffende im Nationalsozialismus am Beispiel Erich Ebermayers
(Forum historische Forschung. Moderne Welt), Stuttgart 2024, W. Kohlhammer, 548 Seiten, zwei Abbildungen, zwei Tabellen
Rezensiert von Felix Berge
In: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte
Erschienen am 10.02.2026
Warum ein Buch über den durchschnittlichen Literaten und fast vergessenen Anwalt Erich Ebermayer schreiben? Peter Hennings Dissertationsschrift liefert Antworten: 1900 geboren und als Sohn des späteren Oberreichsanwalts Ludwig Ebermayer liberal aufgewachsen, ist er in der Weimarer Republik mit den Manns befreundet, zieht durch Münchner Salons und reüssiert als Schriftsteller. Für die Nationalsozialisten ist er ein „Asphaltliterat“, als Homosexueller landet er im Gestapo-Verhör. Doch die NS-Zeit verbringt er nicht nur als Schlossherr in der Oberpfalz und bei Berliner Dinnern mit Größen des Reiches. Er wird als angepasster Drehbuchautor und „Kulturschaffender“ Teil der privilegierten Kulturpolitik. Dies gelingt ihm als Protegé seines Vetters, des NSDAP-Reichsleiters und Chefs der Kanzlei des Führers, Philipp Bouhler, aber auch durch die ertragreiche Bekanntschaft mit Propagandaminister Joseph Goebbels. Für manche wird er daher zur Persona non grata. Nach 1945 ist er wieder als Autor und Anwalt tätig, ehrliche Selbstkritik bleibt aus. 1970 stirbt er in seiner Wahlheimat Terracina.
Henning beginnt seine Dissertation mit einer biographischen Skizze. Er kritisiert Wertungen als Opportunist. Eine tiefergehende Gesamtstudie stand aus, da die Forschung eher Teilaspekte untersuchte. Am Beispiel Ebermayers will er „eine Antwort auf die Fragen nach Partizipation und Negation sowie nach der Selbstverortung innerhalb des Dritten Reichs und der Selbstrechtfertigung nach 1945 finden“ (S. 16). Dazu diskutiert er im umfangreichen Vorspann relevante Forschungsfelder. Sodann ist die Arbeit in vier Teile gegliedert: 1. Ebermayers Tagebücher; 2. sein „Leben und Wirken“; 3. die Rolle in der NS-Filmindustrie; 4. das „Fuß fassen nach 1945“. Über die biographische Sonde gelingt ein breiter Blick: Der Leser erfährt von der Praxis des Tagebuchschreibens, von Ebermayers Lebenswandel, von Kultur, Film und Propaganda, aber auch von Exkulpation und Schuld.
Der Zugriff fokussiert auf die zweibändigen Tagebücher, die Henning geschichts- und literaturwissenschaftlich untersucht und dafür sogar psychologische Deutungen konsultiert. Das ist lobenswert: Wo auf vielen Werken lediglich ein interdisziplinärer Anstrich schimmert, verschreibt sich die Studie einer entwickelten Methode in extenso. Im engen Zugriff auf die Tagebücher lauern aber Untiefen, die aus dem Material entstehen und schon zu Beginn ein skeptisches Grübeln bereiten: Denn sie sind im Abstand von fünf bis zehn Jahren und nach der Kriegswende geschrieben, Notizen oder Manuskripte nicht überliefert, die Veröffentlichung (1959 und 1966) war geplant. Der Autor weiß um die zwangsläufige Literarisierung seiner Primärquellen. Doch können es dann Texte „frei von nachträglichen Retuschierungen und Verzerrungen“ (S. 22) sein?
Für Henning ist eines eindeutig: „Im Wiedererleben durch den Schreibprozess erschrieb sich Ebermayer selbst als Regimegegner.“ (S. 137) Das ist ein anregendes Verständnis. Gerade deshalb wäre zuweilen aber eine kritischere Distanz angebracht gewesen. Dies gilt jenseits der Tagebücher etwa auch für das Spruchkammerverfahren 1947: Die Einstellung durch den Generalkläger (die Schaffensfreude könne „nicht im geringsten im Sinne des Säuberungsgesetzes eine Belastung darstellen“) zeuge „von einem sicheren Instinkt in der Bewertung der kulturellen Teilnahme innerhalb des nationalsozialistischen Regimes“ und sei sogar „durchdachter und ausgewogener als manche Urteile heutiger Historiker“ (S. 171). Gemessen an Kontakten und Profiten, die Ebermayer aus dem Nationalsozialismus zog und die das ja Buch ausführt, verwundert Hennings Urteil. Ein weiteres Beispiel ist der Fall Emilie Heymann. Freilich: Ebermayer hielt an jüdischen Freunden fest, lehnte „Rassengesetze“ ab und half der als „Halbjüdin“ bedrohten Sekretärin. Dem Juristen blieb die Rechtlosigkeit im „Dritten Reich“ nicht verborgen. Quellen und Argumente sprechen mit Henning für „Rettungswiderstand“. Doch können die Dinge einander aufwiegen? Zumindest überdehnt es der Autor, wenn er resümiert, der Fall – „strategisches Kronjuwel“ der „Entnazifizierungsgeschichte“ seines Protagonisten (S. 547) – besitze „für eine historische Beurteilung des Wirkens von Erich Ebermayer außerordentliches Gewicht“ (S. 257). Angesichts der Verstrickungen im Kulturbereich zeichnen Ebermayer vielmehr die typischen Widersprüche aus dem „Zeitalter der Extreme“ aus, die sich nicht einseitig auflösen lassen. Sogar mit Blick auf die Judenverfolgung offenbaren sich solche Ambivalenzen, wenn ihn enteignete Villen nicht störten – Tagebuchpassagen, welche die Studie nicht aufgreift: Ebermayer staunte nach einem Familienbesuch („behaglich und nett“), Bouhlers Haus sei auf Befehl Hitlers ausgebaut und „noch schöner und größer geworden“ (Erich Ebermayer, … und morgen die ganze Welt. Erinnerungen an Deutschlands dunkle Zeit, Bayreuth 1966, S. 235, 23.2.1938). Bereits 1935 wusste er, dass es eine „große und moderne Villa aus einstmals jüdischem Besitz“ war (Erich Ebermayer, Denn heute gehört uns Deutschland … Persönliches und politisches Tagebuch, Hamburg/Wien 1959, S. 547, 29.6.1935).
Umso kritischer versteigt sich Henning in eine beiläufige Polemik, wenn er bemerkt, die Erforschung der Homosexuellenverfolgung in der NS-Zeit werde „zwanghaft ausgeweitet […] auf LGBT*QI+-Menschen(de) [sic!]“. Zu einem vom renommierten Historiker Michael Schwartz herausgegebenen Sammelband bemerkt er, es könne sich „nicht um ein historisches Forschungsprojekt handeln“, sondern „höchstens um ein (ideologie)politisches“ (S. 179). Dabei geht es teils holprig zu: So nutzt der Autor anfangs ein Zitat, das „NS-Regime“, die Diktatur ab 1933, sei „nach 1934“ von „noch nie dagewesener Toleranz“ gegenüber der Homosexualität „plötzlich zur radikalsten Ausrottung“ übergegangen (S. 25). Derlei „Toleranz“ war aber nie Wesensmerkmal von Ideologie oder Herrschaftssystem. Der still geduldete Lebenswandel weniger, die 1934 ein jähes Ende fanden, taugt dafür nicht. Selbst innerhalb der dazu oft bemühten SA war es undenkbar, sich frei als schwul erkennbar zu geben (vgl. Daniel Siemens, Sturmabteilung. Die Geschichte der SA, München 2019, S. 246). Und auch das ins Feld geführte Zitat stammt nicht aus der Forschung, sondern von Helmuth Brückner, vormaliger schlesischer Gauleiter und SA-Gruppenführer, der laut Heinrich Himmler so „tiefere Hemmungen“ eingestand (Führervorlage, 1.11.1935, in: Beatrice und Helmut Heiber [Hg.], Die Rückseite des Hakenkreuzes. Absonderliches aus den Akten des Dritten Reiches, München 1993, S. 190–192). Handwerklich unsauber wirkt es, dieses Zitat an späterer Stelle zurückhaltender zu konsultieren (vgl. S. 264).
Doch zurück zum Protagonisten. „Dass Ebermayer ein überzeugter Gegner des NS-Regimes und dessen Weltanschauung“ gewesen sei, ist für Henning „evident“ (S. 458). Für einen „Kulturschaffenden“ – stets in totalitäre Kulturpolitik eingewoben und schon als Berufsbezeichnung politisiert – wirft eine solche Festlegung viele Fragen auf. Passte er sich nicht an? Die explizit literaturwissenschaftlich equipierte Arbeit diskutiert beispielsweise nicht, ob Klaus Mann mit der Figur des Künstler-Opportunisten im „Mephisto“ bereits 1936 nicht nur Gustaf Gründgens, sondern auch den ehemaligen, entfremdeten Freund Ebermayer gemeint haben könnte, wie Friedrich Albrecht, Klaus Mann der Mittler. Studien aus vier Jahrzehnten, Bern 2009, S. 165 f., annimmt, der sich auf einen Mann bekannten Aufsatz von Franz Goldstein – auch er ehemaliger Ebermayer-Freund – von Ende 1934 zum „Fall Ebermayer“ als „Parallelfall“ zum Aufstieg Gründgens’ beruft. Beides ist nicht rezipiert, Henning zitiert zur Kritik Goldsteins lediglich einen Tagebucheintrag Ebermayers (vgl. S. 445). Stattdessen argumentiert das Buch, „Wirken und Habitus“ seien „ganz klar der ‚inneren Emigration‘ zuzurechnen“ (S. 458). Doch wie verträgt sich das mit einem erfolgreichen Drehbuchautor, der Prädikate und Preise erhielt? Der öffentlich mitmachte, in der besseren Gesellschaft des Nationalsozialismus ankam und sich bis in das Private mit Massenmördern verstand? Dafür diskutiert der Autor Konzepte „innerer Emigration“, eine Auftrennung differenziert die Person: „Der Künstler“ habe „sowohl für als auch gegen das System gearbeitet“ (S. 507). Angesichts einer Person, die sich eben nicht zurückzog, sondern Erfolg hatte, bleibt es aber unplausibel, von „innerer Emigration“ zu sprechen. Denn gleichzeitig – und so wird eine Widersprüchlichkeit des Zerrbilds explizit – sei der Drehbuchautor „eine der ersten Geigen, keinesfalls nur ein kleines Instrument in Goebbels’ Orchester“ geworden (S. 364). Natürlich unterstand er Zwängen, lebte als Homosexueller zeitweilig in Angst. Im Kulturbereich aber diente er sich an, profitierte als Protegé von der Polykratie. Seine flache Unterhaltung war mittragender, funktionaler Teil der breiten nationalsozialistischen Kulturpolitik. „Traumulus“ erhielt 1936 sogar den Staatspreis als „staatspolitisch und künstlerisch besonders wertvoll“; der „Stoffvorschlag“ zum nicht realisierten Film „Bayreuth – Sieg einer Idee“ (1940) war ausdrückliches Propagandamaterial. Es war eben doch ein Unterschied, ob jemand „Kulturschaffender“ oder Bäcker war. Henning sinniert zu Moral und Schuld mit vergleichendem Blick auf den Kultursektor, man könne argumentieren, auch letzterer habe dem NS-Regime durch Backwaren geholfen (vgl. S. 48), für ihn hatten Filmautoren und Bäcker „in gleichem Maße Anteil an der Stabilisierung des Regimes“ (S. 391). Ebermayer aber sei in „Nazi-Gesellschaft“ gar ein „Spion“ gewesen, der sich im Diarium der eigenen Position vergewisserte (vgl. S. 277). Die Biographie verfängt so auf einseitiger Quellengrundlage der Selbststilisierung ex post verfasster Entlastungsnarrative – und das, obwohl der Autor die selbstgefällige Attitüde der „Selbsterschreibung“ in den Tagebüchern ja ausdrücklich festhält (vgl. u.a. S. 279).
Für Unklarheiten sorgt zuweilen die Zitierweise der Tagebücher, weil Henning sie mit Sigle im Haupttext zwar korrekt, aber ohne Datum ausweist. Hilfreich sind die Zwischenfazits. Im stringenten Aufbau fehlt nur ein Register, das angesichts der herausgearbeiteten Kontakte und Beziehungen wünschenswert gewesen wäre. Verdienstvoll sind die zusammengetragenen Quellen (der Nachlass liegt in der Monacensia und in der Staatsbibliothek Bamberg) sowie eine Filmliste und das Schriftenverzeichnis Ebermayers.
Peter Henning füllt eine Forschungslücke zu einem spannenden Lebenslauf. Die Biographie dürfte trotz der anzumerkenden Monita vorerst ein Referenzwerk zu Erich Ebermayer sein. Methodisch ist es eine anregende, ambitionierte Arbeit mit einem Blick über Disziplingrenzen. Doch Absichten und Analysen können nicht immer überzeugen. Ein Grundproblem ergibt sich, indem der Autor die exkulpierende „Selbsterschreibung“ seines Protagonisten zwar erkennt, doch ihr wiederholt anheimfällt. Auch hier kann die Forschung aber ansetzen, um einem Menschen gerecht zu werden, der für das Verständnis des Nationalsozialismus und seiner Kulturgeschichte so zahlreiche Anknüpfungspunkte bietet.