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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Benedikt Pilz

Regensburg als Bollwerk des 'unverfälschten Luthertums'. Nikolaus Gallus und sein Wirken als Reformator, Organisator und Superintendent der 'Ecclesia Metropolitana Ratisponensis' (1553–1570)

(Reformationsgeschichtliche Studien und Texte 182), Münster 2025, Aschendorff, 672 Seiten


Rezensiert von Johann Kirchinger
In: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte
Erschienen am 19.02.2026

Dass Regensburg einst einer der Hauptorte der Reformation im deutschen Sprachraum war, wird durch die seit dem 19. Jahrhundert anhaltende Dominanz des Katholischen in dieser Stadt verdeckt. Der katholische Kirchenhistoriker Benedikt Pilz widmet sich in seiner Dissertation der kaum erforschten spannenden Zeit, als Regensburg in der Mitte des 16. Jahrhunderts vor allem durch das Wirken eines Mannes, des in Köthen gebürtigen Superintendenten Nikolaus Gallus, zum „Schmelztiegel der sich neu formierenden und konsolidierenden Konfessionen mit hohem Konfliktpotential“ (S. 16) wurde. Dabei stellt er die innerstädtische Tätigkeit von Gallus in den Mittelpunkt seiner Darstellung, während er auf dessen bedeutendes missionarisches Wirken in das wittelsbachische Herzogtum, die habsburgischen Erblande und darüber hinaus nach Südosteuropa nicht eingeht.

Regensburg und sein streng lutherischer Superintendent bieten sich für eine Darstellung, welche die Entstehung der Konfessionen untersuchen will, besonders an. Denn nicht nur, dass Gallus aufgrund seines langen ungebrochenen Wirkens in Regensburg eine Ausnahmeerscheinung im volatilen Zeitalter der Reformation darstellt. Sondern auch deshalb, da sich im Kampf um das Erbe Luthers und seine treue Bewahrung die vorkonfessionell-integrative Theologie der Reformation wandelte und sich in verschiedene Konfessionen ausdifferenzierte. Gallus war aber einer der Protagonisten dieser Entwicklung. Er war einer jener so genannten Gnesiolutheraner, welche sich der Bewahrung der Theologie Luthers verschrieben hatten und sowohl gegen Katholiken und Calvinisten als auch gegen die vermittelnde Theologie Philipp Melanchthons in Wittenberg ankämpften. Trotzdem will Pilz den in die Kritik geratenen Begriff der Konfessionalisierung nicht gebrauchen. Stattdessen beschreibt er die Tätigkeit von Gallus mit Hilfe des weniger weitreichenden Konzepts des „geistlichen Sonderbewusstseins“ von Luise Schorn-Schütte. Dies eignet sich nach Ansicht von Pilz deshalb besonders gut für die Fragestellung des Bandes, da die Gnesiolutheraner vor allem durch ihren geistlichen Autonomieanspruch gegenüber dem weltlichen Summepiskopat auffielen.

Die Tätigkeit von Gallus in Regensburg stand im Zeichen dieses geistlichen Autonomieanspruchs, den er gegen den Widerstand des auf seine Kirchenhoheit bestehenden Rates der Reichsstadt Regensburg durchsetzen wollte. Zunächst beschreibt Pilz die Bemühungen des 1553 nach Regensburg berufenen Superintendenten zur Reform des Gottesdienstes in der Stadt, die erst 1542 die Reformation eingeführt hatte. Er schaffte die katholischen Messgewänder genauso ab wie, gegen größeren Widerstand, die katholischen Feiertage. Er bemühte sich um eine angemessene ikonographische Ausstattung der Kirchen der Stadt, intensivierte Katechese und Predigt und modifizierte die Liturgie.

Neben dem kirchlichen Leben im engeren Sinne ging es ihm aber auch um eine sittliche Besserung der Bewohner – ganz im Sinne der Sozialdisziplinierung des Konfessionalisierungskonzeptes. Denn er wollte die Stadtgesellschaft heiligen und so die Reichsstadt zu einem weit in den Südosten des Reiches und darüber hinaus ausstrahlenden Zentrum der lutherischen Orthodoxie machen. Deshalb legte er sich beim Wucherstreit mit der Stadtobrigkeit an. Er wollte die teilweise wucherische Zinspraxis städtischer Einrichtungen eindämmen und deshalb Einfluss auf die Politik der Reichsstadt gewinnen, womit er letztlich erfolgreich war. In diesen Bereich gehört auch der Anspruch von Gallus auf die Ehegerichtsbarkeit, wodurch er den Summepiskopat des Rates in Frage stellte. Konflikte mit diesem konnten nicht ausbleiben. Aber Gallus wandelte geschickt auf dem Grad zwischen Prinzipienfestigkeit und Geschmeidigkeit gegenüber dem Rat, was ihm erst sein langes Wirken in Regensburg ermöglichte – im Unterschied zu seinem Freund Matthias Flacius Illyricus, der sich gerne mit den weltlichen Obrigkeiten in seinen Wirkungsorten überwarf und schon deshalb ein unstetes Wanderleben führte. Gallus gelang indes die Errichtung eines Konsistoriums als Gericht in Glaubens- und Sittenangelegenheiten mit geistlichen und weltlichen Mitgliedern und dem Superintendenten als Vorsitzendem. Durch die Beteiligung der Geistlichkeit am Konsistorium hat diese maßgeblichen Anteil am reichsstädtischen Kirchenregiment erhalten, was in anderen lutherischen Territorien, wo die weltliche Obrigkeit wie etwa in der Reichsstadt Nürnberg die Kirchenhoheit alleine beanspruchte, nicht der Fall war.

Einen großen Teil der Arbeit nimmt der Kampf von Gallus für die dogmatische Reinheit der in Regensburg gepredigten gnesiolutheranischen Lehre ein. Gallus musste sich dem Eindringen des Calvinismus von der Oberpfalz her erwehren, wobei er Prozesse gegen verschiedene Bürger anstrengte. Daneben beunruhigte ihn das Auftreten eines endzeitlichen Propheten. Schließlich kämpfte er auch gegen abweichende Lehrmeinungen innerhalb des Ministeriums, d.h. der evangelischen Geistlichkeit der Reichsstadt. Geistliche, die calvinistischer oder philippistischer Ansichten verdächtigt wurden, war er bestrebt auszusondern. Schließlich musste er sich auch noch der Schmähpredigten des katholischen Dompredigers Hans Albrecht erwehren, die er allerdings mit gleicher geschmackloser Münze beglich. Schließlich behandelt Pilz am Schluss der Arbeit den Einfluss von Gallus auf das Regensburger Bildungswesen. So entwickelte sich das Regensburger Gymnasium unter seiner Aufsicht zu einem weit über die Stadtgrenzen hinausstrahlenden Zentrum der Reformation im Südosten des Reiches.

Die Arbeit, die mehr ereigniszentrierte Darstellung als Analyse ist, basiert weniger auf den vielen Druckschriften von Gallus, sondern vor allem auf den umfangreichen archivalischen Quellen, die im Stadtarchiv Regensburg im Bestand „Ecclesiastica“ vorhanden sind. Sie stellt aufgrund ihrer Detailliertheit geradezu eine mikrohistorische Darstellung des Konfessionalisierungsprozesses in einem abgegrenzten Gemeinwesen dar. Deshalb wäre es angebrachter gewesen, sich intensiver kritisch mit dem Konfessionalisierungskonzept auseinanderzusetzen, als es mit allzu flinker Feder durch das „geistliche Sonderbewusstsein“ als heuristischen Leitfaden der Untersuchung zu ersetzen. Die Studie enthält dankenswerterweise ein Personenregister, das allerdings nur die Namen von historischen Persönlichkeiten, nicht aber diejenigen von Wissenschaftlern enthält. Der Wert der Arbeit wird etwas durch den redundanten Stil und die bisweilen leicht schiefe Begrifflichkeit beeinträchtigt. Trotzdem stellt sie einen wesentlichen Beitrag zur Geschichte der Konfessionalisierung im deutschen Sprachraum dar.