Aktuelle Rezensionen
Marion Freundl (Hg.)
Eine frühmittelalterliche Einsiedlerregel der St. Emmeramer Laienbrüder. Die 'Chlosnar regel' im Cgm 4884 der Bayerischen Staatsbibliothek München
(Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur. Beihefte 46), Stuttgart 2024, S. Hirzel, 112 Seiten
Rezensiert von Gabriela Signori
In: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte
Erschienen am 19.02.2026
Marion Freundl hat in Gestalt eines schmalen, 112 Seiten umfassenden Büchleins ein Editionsprojekt zum Abschluss gebracht, das sie über Jahre hinweg intensiv beschäftigt hat. Kurz zum Inhalt: Das Buch setzt sich aus einer zwölfseitigen Einleitung und einer rund 80-seitigen Edition zusammen und wird von Editionsrichtlinien, Bibliographie, Verzeichnis der Bibelstellen und Namensregister gerahmt. Die Einleitung ist dreigeteilt: Knapp umreißt die Herausgeberin den Inhalt der Grimlaic-Regel, diskutiert ebenso knapp die „deutsche Überlieferung“ des Textes, um abschließend auf den Codex Cgm 4884 zu fokussieren, der in das letzte Drittel des 14. Jahrhunderts datiert. Dabei kann sie sich auf die wertvollen Vorarbeiten von Karin Schneider im Katalog der deutschen Handschriften der Bayerischen Staatsbibliothek aus dem Jahr 1996 stützen.
Die Handschrift Cgm 4884 trägt die Signatur L der St. Emmeramer Laienbrüderbibliothek. Solche statusspezifischen Sonderbibliotheken sind im späteren 15. Jahrhundert mehrfach belegt; insofern ist St. Emmeram nicht als Ausnahme zu diskutieren (S. 9), sondern als Teil einer Entwicklung, die einen neuen Typus Laienbruder voraussetzt. Eine solche Bibliothek ist im späten 15. Jahrhundert beispielsweise auch für das Kloster St. Gallen belegt sowie für das Augustinerchorherrenstift Rebdorf und die Basler Kartause, wo sie sich im Schlafsaal der Laienbrüder befand und unter der Obhut des Kellerars stand.
Die ursprüngliche Bibliotheksheimat der St. Emmeramer Grimlaic-Regel ist nicht identisch mit dem Zielpublikum der Übersetzung, das als „Einsiedler und Klausner“ angesprochen wird und nicht als Laienbrüder, womit die beiden wichtigsten Formen asketischer Weltabkehr bezeichnet werden: die Einsiedler, die sich „in aynod oder in den walden“ zurückziehen, und die Klausner, die sich „pey den muͤnstern“ einschließen ließen (S. 25). Ausführlich diskutiert findet sich in der Vorrede der Regel auch der Unterschied zwischen Latein und Umgangssprache, in der die Welt zweigeteilt wird, in die Welt der lateinkundigen Gelehrten und eine der lateinunkundigen Laien, für die der Text in die deutsche Sprache übertragen wird. Unterschieden wird in der Vorrede ausdrücklich zwischen dem Autor, dem Klausner, der den Text „gefruͤmet“ habe, und dem Übersetzer, „mit des hilf es allen dautschen ainualtigen vnd verstendlich ist geschriben“. Wie schon Karin Schneider geht auch Freundl auf die auffälligen Genus-Korrekturen der Grimlaic-Regel ein. Zu berücksichtigen wären in diesem Zusammenhang die schon seit Längerem geführten Diskussionen über die Genus-Frage bei den Übersetzungen der Benedikt-Regel für Frauengemeinschaften.
Die Übersetzungsleistung von Cgm 4884 begreift Freundl als einen „Transformationsprozess“ (S. 14 f.), „der die Überlieferung von klerikalem Expertenwissen und etablierten Verhaltensnormen prägt in einer Epoche, in der das Publikum der Laien offensichtlich zu einem eigenen Selbstbewusstsein findet“. Das sind große Worte für einen singulären Text, die kaschieren, wie wenig wir über seinen Gebrauch, seinen Sitz im Leben wissen, und die letztlich auch die Spezifika ausblenden, die Übersetzungen des 14. von denen des 15. Jahrhunderts unterscheiden.
Die Edition hinterlässt beim Leser am Schluss mehr Fragen, als dass sie Antworten böte. Das ist schade. Mit heute gebräuchlichen technischen Hilfsmitteln wäre es etwa ein Leichtes gewesen, der Edition ein Glossar nachzustellen, das erlaubte, sich der zeitspezifischen Semantik der Weltabkehr anzunähern. Wäre dies für eine Edition, die in einer Reihe erscheint, die auf ein germanistisches Publikum zielt, nicht auch naheliegend gewesen? Die Edition zeugt von größter Sorgfalt, zweifellos; die Einleitung macht aber deutlich, dass die Herausgeberin wenig mit dem Text selbst anzufangen wusste, der seinen Sitz im Leben einer Einrichtung hatte, die weit in das frühe Mittelalter zurückreichende Traditionen hatte und die im 14. Jahrhundert in Reaktion auf die Krise des traditionellen Mönchtums im Süden des Reichs neu an Attraktivität gewann.