Aktuelle Rezensionen
Horst F. Rupp/Gerhard Simon (Hg.)
Der Rothenburger Prediger Johannes Teuschlein (ca. 1485–1525) im Spannungsfeld von Antijudaismus, Marienfrömmigkeit, Reformation und Bauernkrieg
Lindenberg i. Allgäu 2024, Josef Fink, 272 Seiten, zahlreiche Abbildungen
Rezensiert von Philipp Tolloi
In: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte
Erschienen am 27.02.2026
Der im Folgenden anzuzeigende, von Horst F. Rupp und Gerhard Simon herausgegebene Sammelband entstand im Rahmen der zahlreichen Veranstaltungen und Publikationen anlässlich „500 Jahre Bauernkrieg“, in denen in der Tradition kleindeutscher Geschichtsschreibung leider häufig übersehen wird, dass der Konflikt sich nicht nur über 1524/25 erstreckte (S. 7, 137), sondern 1526 im Erzstift Salzburg seinen Endpunkt erreichte. Die Herausgeber kündigen darin an, nach über hundert Jahren eine Neubewertung der Figur Johannes Teuschleins vorzulegen – eines Akteurs, der die religiösen und politischen Spannungsfelder des frühen 16. Jahrhunderts zwischen Antijudaismus, Marienfrömmigkeit, reformatorischen Impulsen und den sozialen Erschütterungen des Bauernkriegs in seiner Person in exemplarischer Weise bündelt.
Die einzelnen Beiträge eröffnen den Zugriff auf Teuschlein aus unterschiedlichen Perspektiven.
Florian Huggenberger umreißt die grundlegenden Rahmenbedingungen für das Verständnis des Themas. Er skizziert die zentralen politischen, territorialen, wirtschaftlichen, kirchlichen und sozialen Voraussetzungen, die die Entwicklung der Reichsstadt Rothenburg ob der Tauber prägten und somit den historischen Kontext für Teuschleins Wirken bilden.
Karl Borchardt zeichnet die institutionellen Rahmenbedingungen der städtischen Seelsorge nach und analysiert die Vielzahl der Pfründen sowie die damit verbundenen Patronatsrechte. Zwischen dem vom Deutschen Orden eingesetzten Stadtpfarrer und dem vom Rat präsentierten Stadtprediger bestand dabei ein strukturell angelegtes Konkurrenzverhältnis. Mit der Berufung Johannes Teuschleins zum Stadtprediger im Jahr 1512 weiteten sich die Konfliktlagen – sowohl gegenüber seinem Vorgänger Georg Naab als auch im Verhältnis zum Rat.
Claudia Steffes-Maus untersucht das Verhältnis der Rothenburger Judenschaft zu Reich und Stadt. Die seit 1241 nachweislich bestehende Gemeinde durchlief bis zu der unter Teuschleins maßgeblichem Einfluss erfolgten Vertreibung von 1519/20 wechselnde Phasen von Schutz und Verfolgung; als Kammerknechte standen die Juden grundsätzlich unter Reichsschutz, der jedoch – etwa durch König Wenzel – vielfach materiell ausgenutzt wurde. Im 13. Jahrhundert machte Rabbi Meir ben Baruch Rothenburg zu einem Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit, bevor Pogrome und Repressionen die Gemeinde wiederholt dezimierten.
Hedwig Röckelein beginnt ihre Untersuchung mit den jüdischen und christlichen Wahrnehmungen der Gottesmutter ab der Spätantike und zeichnet die Genese des Antijudaismus bis um 1500 nach, als es in vielen europäischen Städten zu systematischen Judenvertreibungen kam. Auch Rothenburg war hiervon betroffen: Innerhalb eines Jahrhunderts wurden zudem zweimal Synagogen in Marienkirchen umgewandelt. Röckelein gelingt es, schlüssig zwischen der Makroebene reichsweiter Entwicklungen und der Mikroebene der Stadtgeschichte zu vermitteln. In dieses mehrdimensionale Kontextgefüge ordnet sie auch das Wirken Teuschleins ein, der einerseits als Förderer einer Marienwallfahrt hervortrat, andererseits als Agitator gegen das Judentum wirkte. Röckelein zeigt damit, dass Teuschlein nicht als isolierte Persönlichkeit zu verstehen ist, sondern als Teil eines Geflechts sich gegenseitig verstärkender Frömmigkeitspraktiken, städtischer Machtkonstellationen und antijudaistischer Deutungsmuster.
Harald Bollbuck befasst sich mit dem akademischen Profil Teuschleins. Bollbuck konnte erstmals eine autographe Notiz auf dem hinteren Spiegel eines Bandes aus Teuschleins Bibliothek vollständig auswerten. Die von Teuschlein dort festgehaltenen Daten weichen in Teilen von den in den Universitätsmatrikeln überlieferten Angaben ab. Intellektuell verortet Bollbuck Teuschlein zwischen Spätscholastik und Universitätshumanismus. Darüber hinaus geht er auf dessen akademische Kontakte ein, insbesondere auf den prägenden Einfluss Karlstadts.
Gerhard Simons Beitrag befasst sich zunächst mit der im Rothenburger Stadtarchiv überlieferten Bibliothek Teuschleins, deren aktueller Bestand mit hoher Wahrscheinlichkeit fragmentarisch ist, da Werke des mit ihm befreundeten Theologen Karlstadt fehlen. In seinem Hauptteil untersucht Simon die erhaltenen Druckschriften Teuschleins, darunter die judenfeindliche „Auflosung ettlicher Fragen […]“ sowie das ihm zugeschriebene Mirakelbuch, dessen einziges erhaltenes Exemplar in der Jagiellonen-Bibliothek in Krakau aufgefunden wurde und das Simon im Anhang des Bandes ediert.
Horst F. Rupp stellt in seinem Beitrag Valentin Ickelsamer, den „neben Meir ben Baruch […] vielleicht bedeutendste[n] Bürger in der Rothenburger Geschichte“ (S. 8) vor. Dabei ist zu präzisieren, dass Juden erst ab 1335 Zugang zum Rothenburger Bürgerrecht hatten, daher die Bezeichnung „Bürger“ für den Rabbi Meir ben Baruch (um 1215–1293) strenggenommen nicht zutrifft. Rupp zeichnet sodann Ickelsamers mutmaßliche Herkunft aus der Rothenburger Landwehr über seine Ausbildung an der Rothenburger Lateinschule und sein Studium der septem artes liberales zu Erfurt nach, zu denen entgegen Rupps Angabe (S. 134) jedoch die Mathematik nicht zählte. Darüber hinaus erläutert er Ickelsamers Netzwerke und seine Schriften, u.a. die in derb-volkstümlicher Sprache verfasste Verteidigungsschrift Karlstadts gegen Luther „Clag etlicher brüder […]“, die möglicherweise im Freundeskreis von Teuschlein und anderen Rothenburger „Dissidenten“ entstanden sein könnte. Nach seinem Tod geriet Ickelsamer rasch in Vergessenheit; erst im 19. Jahrhundert wurde er als Wegbereiter einer innovativen Sprachdidaktik wiederentdeckt.
Ulrich Wagner gliedert seinen Beitrag über Rothenburg im Bauernkrieg in die Abschnitte „Verlauf“ und „Quellen“. Er bietet einen knappen Überblick über die Vorgeschichte sowie die rechtliche Stellung Rothenburgs und schildert sodann die Ereignisse zwischen 1524/25 und dem Speyrer Reichstag (1526). Richtigzustellen ist, dass dem Äußeren Rat nicht ausschließlich „vierzig Patrizier“ (S. 155) angehörten, sondern ebenso Angehörige nicht‑patrizisch geprägter Familien, und – als kleine Notiz am Rande – dass Florian Geyer nicht bereits im März (S. 156), sondern erst im Mai 1525 in der Rothenburger Jakobskirche die Forderungen der Aufständischen publik machte. Der Quellenabschnitt – der aus Exzerpten der Chroniken des Thomas Zweifel bzw. des Michael Eisenhart besteht – hätte aus Sicht des Rezensenten sinnvollerweise in die ereignisgeschichtliche Darstellung integriert werden sollen. Ein eigenständiger Quellenüberblick hätte vor allem dort einen Mehrwert geboten, wo unterschiedliche Quellen aus verschiedenen Beständen herangezogen werden, um die Breite der Überlieferung sichtbar zu machen. Wagners abschließende Einschätzung, der Versuch der Aufständischen von 1525, sich in den entstehenden Territorialstaaten als eigener Stand zu etablieren, sei gescheitert, findet in der überlieferten Quellenlage keine hinreichende Grundlage. Weder die Zwölf Artikel noch andere regionale Artikel lassen ein ständisches Selbstverständnis erkennen; sie formulieren vor allem gemeindliche Forderungen, ökonomische Entlastungen und die Wiederherstellung „alter Rechte“. Auffällig ist ferner, dass der Autor noch nach der 2. Auflage von Blickles „Die Revolution von 1525“ von 1981 zitiert, obwohl mit der 4. Auflage von 2004 eine überarbeitete und hinsichtlich Literatur sowie Argumentationspräzisierung aktualisierte Fassung vorliegt.
Horst F. Rupps zweiter Beitrag bietet eine klare Zusammenfassung der Tagungsergebnisse und stellt Teuschleins Lebensweg, seine Rolle in Rothenburg ab 1512 sowie die Bedeutung von Akteuren wie Karlstadt übersichtlich dar. Vor diesem insgesamt überzeugenden Befund fallen zwei normativ gefärbte Formulierungen auf, die aus wissenschaftlicher Perspektive problematisch sind. Die Einschätzung, Teuschleins Hinrichtung könne „als ausgleichende Gerechtigkeit“ (S. 209) gelten, evoziert ein Vergeltungsnarrativ und unterläuft die notwendige analytische Distanz. Ähnliches gilt für die Charakterisierung der Pogromdynamik als „aggressiv-infantil und sadistisch“ (S. 179); derartige psychologisierende und wertende Begriffe bergen das Risiko anachronistischer Verkürzungen.
Gerhard Simon versucht anschließend, Teuschleins Lebensweg im Vergleich mit fünf zeitgenössischen Akteuren einzuordnen. Einige seiner Urteile wirken jedoch verkürzt. So ist etwa die Einschätzung, Theobald Billicans Lebensweg sei „kaum gelungen“ (S. 215), mit Blick auf dessen hohe Bildung, seine Rolle in der Reformationsbewegung und seine akademischen Spitzenämter wie das Rektorat der Universität Marburg schwerlich anschlussfähig. Auch im Blick auf Teuschlein entsteht – ähnlich wie bei Rupp – der Eindruck einer wertend zugespitzten Darstellung. Teuschlein wird als politisch naiv charakterisiert und sein Name „zu Recht“ mit „einer richtungslosen Wankelmütigkeit“ verbunden (S. 217). Solche Zuschreibungen vereinfachen komplexe Handlungskontexte und reduzieren ambivalente Charakterzüge auf moralische Kategorien. Dies entspricht der von Pierre Bourdieu beschriebenen „biografischen Illusion“, die rückblickend ein kohärentes Persönlichkeitsbild konstruiert, das den zeitgebundenen Handlungsspielräumen historischer Akteure nicht gerecht wird.
Abschließend sei noch auf einige allgemeine Punkte hingewiesen. Die Bebilderung des insgesamt sehr ansprechend gestalteten Bandes ist grundsätzlich gelungen; einige Abbildungen – etwa in den Beiträgen von Rupp (S. 136 f., 183, 199) – sind jedoch nicht funktional eingebunden und tragen zu keinem erkennbaren Erkenntnisgewinn bei, sondern erfüllen nach Ansicht des Rezensenten primär dekorative Zwecke.
Der zufällige Abgleich der in den Beiträgen verwendeten Kurztitel mit den im abschließenden Literaturverzeichnis aufgeführten Volltiteln förderte zudem mehrere Ungenauigkeiten zutage, darunter drei voneinander abweichende und jeweils fehlerhafte Schreibweisen des Namens Ulf Dirlmeier (S. 22, 253), widersprüchliche Datierungen bei Franz, Günther (1935 auf S. 253 bzw. 1936 auf S. 158) sowie die Nennung von Heischmann, Gregor […] in: Archiv für Buchgeschichte, einer Zeitschrift, die in dieser Namensform nicht existiert. Bei mehr editorischer Sorgfalt wären solche formalen Mängel zu vermeiden gewesen. Schließlich ist auch das Fehlen eines Registers zu bemängeln.
Insgesamt vermag der Versuch einer Neubewertung den Rezensenten nur bedingt zu überzeugen. Jene Beiträge, in denen größere historische und systematische Zusammenhänge herausgearbeitet und eine klare analytische Distanz gewahrt wird, wirken in sich schlüssig und methodisch reflektiert. Demgegenüber verlieren jene Beiträge an Überzeugungskraft, in denen Teuschleins Wirken ohne hinreichende Kontextualisierung kritisiert wird – auch wenn, dies sei ausdrücklich hervorgehoben, sein Handeln aus moralischer Perspektive in vielerlei Hinsicht abzulehnen ist. Eine substanzielle Revision des bisherigen Lebensbildes wird damit jedoch nicht erreicht.