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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Aktuelle Rezensionen


Manfred Grieger

Die Süddeutsche Zucker-AG im Nationalsozialismus. Zuckererzeugung, Nazifizierung, Zwangsarbeit, Kontinuität

Göttingen 2025, Wallstein, 260 Seiten


Rezensiert von Stephan Deutinger
In: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte
Erschienen am 16.03.2026

Wenige Industrien entfalten eine derart raumprägende Wirkung wie die Zuckererzeugung. Die ausgedehnten technischen Produktionsanlagen in meist ländlicher Umgebung und der große Flächen in einem weiten Umkreis beanspruchende Anbau der Rüben sind unübersehbar; deren massenhafter Transport während der alljährlichen „Kampagne“ schreibt sich in den betreffenden Gegenden jeweils monatelang in das Verkehrsgeschehen, die Dampfemission bei der Verarbeitung nicht zuletzt in die olfaktorische Wahrnehmung ein. Ein zweites Charakteristikum dieses Wirtschaftszweiges ist die weitgehende Monopolisierung der Erzeugung, die in Bayern bekanntlich seit langem in den Händen der Südzucker AG liegt. Die Geschichte dieses Unternehmens muß deshalb auch den Landes- und Regionalhistoriker interessieren.

Sie wurde zum 75-jährigen Südzucker-Jubiläum im Jahr 2001 von Manfred Pohl gediegen dargestellt, doch befand man in der Zwischenzeit den dort keineswegs übergangenen Zwangsarbeitereinsatz während des Zweiten Weltkrieges als nicht mehr hinreichend aufgearbeitet. Der erfahrene Unternehmenshistoriker Manfred Grieger legt deshalb als Auftragsarbeit eine entsprechend erweiterte Studie vor. Er schildert dazu noch einmal die Entwicklung der „Süddeutschen Zucker-Aktiengesellschaft“ aus der – bayerisch-pfälzischen, wie durchgehend zu sagen vergessen wurde – Zuckerfabrik Frankenthal von 1926 an und ihre Startschwierigkeiten im Staat der Nationalsozialisten, denen es ein Dorn im Auge war, wenn ein Unternehmen der Grundversorgung sich überwiegend in ausländischem (italienischem) Besitz befand und außerdem unter jüdischer Leitung (Albert Flegenheimer) stand. Solche „Schwierigkeiten“ waren mit entsprechenden Pressionen natürlich zu überwinden, und so machte Südzucker weiterhin gute Geschäfte und zahlte schöne Dividenden.

Während man hier zwar manche zusätzliche Facettierung von Bekanntem, aber gegenüber Pohl nichts grundsätzlich Neues erfährt, so erweitert ein gut dreißigseitiger Abschnitt über „Zwangsarbeit als repressive Dauerlösung des Arbeitskräftemangels“ (S. 159-193) dann doch erheblich den bisherigen Erkenntnishorizont. Durch eine Betrachtung der einzelnen Produktionsstandorte im Rheinland, in Süddeutschland und in Schlesien kann Grieger zum einen die lokale Varianz des Zwangsarbeitereinsatzes nach Intensität und Arbeitsumständen zeigen, zum anderen aber erstmals Gesamtzahlen für den Zuckerkonzern darstellen. Demnach operierte Südzucker während des Krieges mit Ausländeranteilen von deutlich über 50 Prozent und partizipierte damit am System der Zwangsarbeit in einem doppelt so hohen Maßstab wie die deutschen Unternehmen im Durchschnitt. Die Erklärung dafür liegt aber weniger im politisch-ideologischen als im strukturellen Bereich, denn in der stark saisonalen Zuckerbranche war schon vor dem Krieg der vorübergehende Einsatz von zum Teil zwangsverpflichteten Arbeitskräften und, zumindest in Schlesien, auch von polnischen Arbeitskräften gang und gebe gewesen.

Leider gehen Griegers lokale Beobachtungen nicht arg in die Tiefe. Wenn die örtlichen Archive wirklich ausgeschöpft worden wären, hätte man jeweils sicher ein wesentlich dichteres Bild der Lebens- und Arbeitsbedingungen in den Fabriken und um die Fabriken herum zeichnen können. Es sind aber nicht einmal die einschlägigen, oft sehr ergiebigen lokalgeschichtlichen Publikationen zur Zwangsarbeit herangezogen, wie sie etwa für die beiden Standorte, die den bayerischen Historiker am meisten interessieren – Frankenthal und Regensburg – durchaus vorliegen. Das Thema Zwangsarbeit bei Südzucker erscheint deshalb dem erneuten Forschungsanlauf zum Trotz weiterhin nicht abschließend geklärt. Selbst die reinen Zahlen können noch nicht das letzte Wort sein. Denn die „Fremdarbeiter“ in der Landwirtschaft sind bisher nur für die unternehmenseigenen Gutsbetriebe berücksichtigt; diejenigen aber zu erfassen, die auf den zuliefernden Bauernhöfen die Feldarbeit verrichteten und dabei indirekt auch an der Zuckerproduktion mitwirkten, wurde noch nicht einmal schätzungsweise versucht. – Am Duktus der Darstellung wird nur Freude haben, wer die verdeckte Poesie von Geschäftsberichten zu schätzen weiß. Orts- und Personenregister sind lückenhaft und belegen nicht alle relevanten Fundstellen.