Logo der Bayerischen Akademie der Wissenschaften

Kommission für bayerische Landesgeschichte

Menu

Aktuelle Rezensionen


Mechthild Habermann/Peter Fleischmann/Klaus Herbers (Hg.)

Post aus Nürnberg. Interdisziplinäre Forschungen zu den Briefbüchern des 15. Jahrhunderts

(Nürnberger Forschungen 34), Neustadt an der Aisch 2024, Verlag Ph.C.W. Schmidt, 251 Seiten, zahlreiche Abbildungen


Rezensiert von Philipp T. Wollmann
In: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte
Erschienen am 16.03.2026

Der zu besprechende Band bildet den Abschluss des von 2019 bis 2022 an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg angesiedelten DFG-Projekts „Kommunikation und Sprache im Reich. Die Nürnberger Briefbücher im 15. Jahrhundert: Automatische Handschriftenerkennung – historische und sprachwissenschaftliche Analyse“. Dabei bietet er mit seinen zwölf Aufsätzen ein Potpourri an interdisziplinären Beiträgen aus der Geschichtswissenschaft, Germanistik und den Digital Humanities, in die bereits die Einleitung (S. VII–XX) fachübergreifend und umfassend einführt.

Der Geschichtswissenschaft kann der Großteil der Beiträge zugeordnet werden. Den Beginn macht Sabrina Späth (S. 1–17), die das Aufkommen der Nürnberger Briefbücher in den Reichskontext einordnet sowie eine kodikologische Beschreibung und eine Auswertung hinsichtlich Empfänger, Gesandten, Ausstellungsgründen und Sachverhalten des ältesten Briefbuchs für die Jahre 1404 bis 1408 bietet. Wichtig erscheint dabei die Konzeption der Briefbücher als „städtisches Gedächtnis“ (S. 17). Christopher Folkens und Michael Rothmann analysieren in ihrem Beitrag (S. 19–44) Kommunikationsnetzwerke und Argumentationsstrategien der Reichsstädte Frankfurt und Nürnberg im 1431 ausgebrochenen Streit um den Nürnberger Jahrmarkt. Beide setzten auf eine situationsabhängige Verschränkung aus mündlicher und schriftlicher Kommunikation; eine endgültige Entscheidung vermied Kaiser Sigismund jedoch. Hervorzuheben bleibt, dass trotz des Konflikts die beiden Reichsstädte in anderen Dingen weiterhin kooperierten (S. 41). Der Rolle des Nürnberger Rats bei Konflikten innerhalb von Familiengesellschaften widmet sich Mechthild Isenmann (S. 107–135). Anhand von Klagen und Prozessen gegen Mitglieder der Arzt-Gossembrot-Paumgartner und der Imhoff-Gesellschaft verdeutlicht sie die Möglichkeiten und Grenzen der Vermittlung, des Einsatzes und teilweise sogar der Vernehmung durch die Ratsmitglieder. Profitieren konnten die Akteure besonders von der Doppelfunktion einzelner Mitglieder sowohl als Ratsherren als auch als Gesellschafter. Das auf die Quantität der Briefe zurückgehende Narrativ des „europäischen Kommunikationszentrums“ Nürnberg (S. 170) konnte Julian Krenz in seinem Beitrag (S. 155–171) für das Spätmittelalter relativieren. Anhand der Verbreitung der Nachrichten über die Tode Ruprechts I., Sigismunds I. und Albrechts II. zeigte er eindrücklich, dass Nürnberg diese zwar meist innerhalb weniger Tage erreichten, sie sie aber nur an die oberdeutschen Reichsstädte mit Fokus auf Franken weitergaben. Nürnberg kam damit genauso wie Ulm, Frankfurt oder Straßburg als „Nachrichtenumschlagplatz für eine Region“ (S. 170) gelten. Schließlich widmen sich sowohl Steffen Krieb (S. 191–202) als auch Franz Fuchs und Rainer Scharf (S. 203–217) der Kommunikation der Pegnitzstadt mit Kaiser Friedrich III. Krieb stellt dabei die Bedeutung der Nürnberger Briefbücher für die Überlieferung von Briefen Friedrichs dar; allein 352 Deperdita ließen sich daraus erschließen (S. 193). Der Inhalt der Briefe bietet ein breites Themenfeld, wie Krieb an dem Mandat zur Entsendung von Schützen, der Überstellung von Geldern oder dem Auftrag zur Anfertigung eines goldenen Kreuzes verdeutlicht. Genauso umfangreich war nach Fuchs und Scharf mit etwa 1360 Schreiben (S. 206) die Korrespondenz Nürnbergs mit dem Kaiserhof. Davon ergingen aber nur etwa 200 direkt an den Kaiser, während es sich bei dem Großteil um Nachrichten oder Instruktionen an Mitglieder der 137 Nürnberger Gesandtschaften an den Kaiserhof handelte.

Eine Interdisziplinarität wird durch die bereichernden Beiträge von Natalia Filatkina (S. 69–86), Katharina Neumeier (S. 87–104) und Monika Hanauska (S. 137–151) geschaffen. Ausgehend von den Methoden der Textlinguistik untersucht Filatkina die Kontenbücher der Stadt Luxemburg nach ihrer Formelhaftigkeit. Trotz der nachweisbaren Zweisprachigkeit der Stadt sind diese stets auf Deutsch verfasst, weisen eine stark reduzierte Syntax bis hin zu elliptischen Sätzen auf und werden in der Regel durch eine starre Formel mit „Item“ eingeleitet. Letzteres wurde aus der lateinischen Tradition des Rechnungsbuches übernommen. Den Revisionsvermerken im ältesten Nürnberger Briefbuch widmet sich Neumeier. Anhand markanter Textveränderungen konnte sie überzeugend nachweisen, dass die Regeln der „ars dictaminis“ hinsichtlich der Verständlichkeit, Knappheit und Vermeidung von Wiederholungen in den städtischen Kanzleien bewusst berücksichtigt wurden. Zwei Texte der Kölner Stadthistoriographie („Nuwes Boych“ und „Weverslaicht“), die den Kölner Weberaufstand von 1369 bis 1371 behandeln, dienen Hanauska als Ausgangspunkt zur Frage nach textgestalterischen Mitteln zur Inszenierung von Glaubwürdigkeit. Ziel der Glaubwürdigkeitserzeugung war in beiden Texten die Unterstützung des vertretenen Narrativs, wobei Hanauska einen Zusammenhang zwischen dem Genre und den verwendeten Praktiken feststellt.

Die Beiträge von Achim Rabus (S. 47–60), Tobias Hodel (S. 61–66) und Martin Mayr (S. 175–188) können den Digital Humanities zugeordnet werden. In die Möglichkeiten von Handwritten Text Recognition (HTR) wie das Programm Transkribus führt Rabus ein. Dabei verdeutlicht er an verschiedenen Beispielen, dass mit genügend Trainingsdaten durchaus hervorragende Ergebnisse mit unter 5 Prozent Fehlerquote in der Buchstabenerkennung erzielt werden können. „Smarte Modelle“ (S. 52) können weitere Erleichterungen bringen, indem sie die Worttrennung, eine Modernisierung der Orthographie, Auflösung von Abkürzungen oder Transliterationen übernehmen. Wie dieses Training abläuft, beschreibt Mayr am Beispiel der Nürnberger Briefbücher. Dabei ist ihm zuzustimmen, dass durch KI und LLMs in zukünftigen Projekten Kosten und Aufwand reduziert werden können. Dass KI die menschliche Arbeit an den Editionen vollständig ersetzen kann, wie von Hodel in seinem als „Provokation gegen das etablierte Feld der Editionswissenschaft“ (S. 61) gedachten Beitrag vertreten wird, überzeugt dagegen nicht. Schließlich bieten Editionen von Quellen eben nicht nur einen „vereinfachten Zugang“ (S. 65) zu diesen oder stellen sogar einen „Originalersatz“ (S. 63) dar, sondern eröffnen durch geleistete Untersuchungen zum Autor, der „causa scribendi“, der Materialität, der Identifikation von Vorlagen und der Abhängigkeit von Texten einen wesentlich breiteren Kontext.

Hilfreiche Personen- (S. 219–223) und Ortsregister (S. 224–226) schließen einen rundum gelungenen Band ab, der erneut die Vorteile der interdisziplinären Arbeit hervorhebt und dessen Beiträge zur Rezeption und Adaption auf neue Projekte einladen.