Aktuelle Rezensionen
Dieter Voigt
Die Augsburger Baumeisterbücher 1402-1440
2 Bde., Augsburg 2024, Context, 91 + 912 Seiten, zahlreiche Abbildungen
Rezensiert von Christian Kayser
In: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte
Erschienen am 30.03.2026
Die Stadt Augsburg ist als seit dem Mittelalter international vernetzte Großstadt ein Forschungsthema von höchstem Rang. Ihre Geschichte fasziniert in vielfältigsten Facetten – baulich, soziologisch, ökonomisch. Umso erstaunlicher ist, dass, trotz der inzwischen erfolgten Nobilitierung der historischen Wasserwirtschaft zum UNESCO-Weltkulturerbe, das überreiche Erbe Augsburgs bisher wissenschaftlich wenig erforscht ist. Die an sich gut überlieferten materiellen und archivalischen Zeugnisse der großen Vergangenheit sind, trotzdem sie die notwendige Grundlage jeder weiteren wissenschaftlichen Auseinandersetzung bilden, nur ansatzweise aufgearbeitet. Dies galt namentlich auch für die seit 1320 erhaltenen Baumeisterbücher der Stadt, nach „jetzigem Wissensstand die früheste und dichteste Reihe von städtischen Rechnungsbüchern“ (Voigt, S. 5). Nach der Bearbeitung der Baumeisterbücher des 14. Jahrhunderts als Dissertation an der Universität Augsburg legt Dieter Voigt nun, in verdienstvoller Privatinitiative, die Transkription der Baumeisterbücher der Jahre 1402-1440 vor. Die im Augsburger Context-Verlag im März 2023 publizierte Arbeit erscheint als Zweibänder, mit einem schmalen ersten Band „Einführung und Analysen“ und dem gewaltigen, 912 Seiten starken Transkriptionsband mit den eigentlichen Quellen.
Während zweiterer notwendig einen gewaltigen Steinbruch und eine kaum erschöpfliche Ressource für die zukünftige Forschung bildet, doch kaum jemals als eigenständiges Werk gelesen werden wird, fasst Voigt im ersten Band konzentriert die Darstellung zu methodischen Grundlagen und wesentlichen Ergebnissen zusammen – dieser steht damit notwendig auch im Fokus des Rezensenten.
Bereits in diesem zusammenfassenden Exzerpt zeigt sich, welche Schätze in dem Quellenbestand zu heben sind. Beispielhaft sind hier etwa die Rechnungen zum Söldnerwesen der Stadt zu nennen, die, gewissermaßen als „Beifang“, bezeugen, dass die Stadt bereits um 1370 frühe Feuerwaffen (S. 56) erwarb und nutzte – ein sowohl militär-, wie, indirekt, auch bauhistorisch relevanter Fund, denn vor einigen Jahren wurde im nahen Memmingen der um 1373 errichtete, älteste bisher bekannte gedeckte Stadtmauer-Wehrgang entdeckt – die Wehrgangüberdachung diente weniger dem Schutz der Stadtverteidiger, als des trocken zu haltenden Pulvers für Feuerwaffen, der Archivfund kontextualisiert damit den baulich nachweisbaren Paradigmenwechsel.
In Voigts betont nüchternen Zusammenschau finden sich immer wieder Perlen, die in wenigen Sätzen einen Kosmos von Themenfeldern eröffnen, so etwa in dem Absatz zu den städtischen „schönen Frauen“ (s. 64/65), dem Vermerk, dass 1438 eine Augenärztin in der Stadt tätig war (S. 81) oder schließlich der lapidaren Feststellung, dass städtische Boten, die auf ihren Reisen ausgeraubt wurden, üblich aus der kommunalen Kasse entschädigt wurden – „Item 1 Guldin an gelt Vnd an sinen Plunder der Im genommen Ward.“ (S. 76)
Besonderer Wert kommt den Rechnungsbüchern auch hinsichtlich des großen Themenkomplexes der Augsburger Wasserwirtschaft zu, die gerade im Untersuchungszeitraum wesentliche Impulse empfing. Die Stadt wandte bereits damals erhebliche Summen für die Wasserversorgung auf, im Durchschnitt immerhin „5,83% an städtischen Ausgaben“ (S. 72). Der hohe Anspruch an die Qualität der unternommenen Maßnahmen wird deutlich durch das verwendete Material illustriert, denn wir erfahren, dass für einen Teil der Leitungen die teuren, mühsam herzustellenden geschmiedeten Eisenrohre an Stelle der üblichen hölzernen Deichelrohre („Tücheln“) zum Einsatz kamen (S. 71) – dies ebenso wie die wasserbetriebenen Förderanlagen in den Stadttürmen Hightech des Spätmittelalters.
Die starke Verdichtung von Dieter Voigts Analyseband geht allerdings mit einem Verzicht auf weitergehende Auswertungen einher – dies teils auch auf Kosten der Lesefreundlichkeit, denn, um etwa die am Rand erwähnten historischen Ereignisse der Zeitläufte mit den befunden kontextualisieren zu können, bedürfte es hier ungewöhnlich guter Kenntnisse der Lokalgeschichte. Ebenso erführe man doch gerne mehr über die Rolle und die Kompetenzen des Augsburger Stadtbaumeisters, auch in Bezug auf die Abgrenzung zu den ihm zugeordneten „Abtleilungsleitern“ wie Lech-, Graben oder Brunnenmeistern. Auch ist etwas bedauerlich, dass die Möglichkeiten, die sich aus der Digitalisierung und der geschilderten Datenerfassung in einer marktgängigen Tabellenkalkulation ergeben, nur ansatzweise genutzt wurde: Eine grafische Aufbereitung und Auswertung der Ereignisse steht damit letztlich noch aus, doch - aufgeschoben ist nicht aufgehoben, der Datens(ch)atz steht zur Verfügung, und es wäre unbedingt eine Überlegung wert, die Digitalisierung auch interessierten Forschenden etwa über kommunale Einrichtungen zugänglich zu machen.
Die genannten, dem gewählten System eignenden Kritikpunkte mindern dabei nicht den außerordentlich hohen Wert von Voigts Quellenerschließung. Am Ende dominiert die Freude über die unternommene Mühwaltung, und die Hoffnung auf weitere Folgebände mit Auswertung der Quellen ab 1441.