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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Aktuelle Rezensionen


Lukas Wollscheid/Katharina Roth/Matthias Georgi

Strom für Bayerisch-Schwaben. Die Geschichte der Lechwerke

Regensburg 2025, Friedrich Pustet, 327 Seiten, zahlreiche Abbildungen


Rezensiert von Elias Blüml
In: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte
Erschienen am 07.04.2026

Anlässlich des 120-jährigen Bestehens haben die drei Autoren Lukas Wollscheid, Katharina Roth und Matthias Georgi erstmals eine historische Gesamtdarstellung der Lechwerke AG (LEW) vorgelegt. Im Auftrag der LEW realisiert von der auf Unternehmensgeschichte spezialisierten Gruppe Naumann & Kamp Historische Projekte beschreibt das Buch die Geschichte des regionalen Energieversorgers in Schwaben von der Gründung bis in die Gegenwart.

Die Mutterfirma der LEW, die Elektrizitäts-Actien-Gesellschaft EAG, geht zurück auf Wilhelm Lahmeyer (1859–1907). Unter seinem Nachfolger, Bernhard Salomon (1855–1942), erlangte man 1896 die Konzession zum Bau eines Wasserkraftwerkes am Lech, welches 1901 in Gersthofen in Betrieb ging. Eingebunden in wechselnde Mutterkonzerne, zuerst der EAG, dann RWE und seit 2019 E.ON, konzentrierte sich die LEW seit der offiziellen Gründung des Energieversorgers am 29. April 1903 auf die Elektrifizierung Bayrisch-Schwabens mit dem Zentrum Augsburg und den Ausbau der Infrastruktur. Die anfangs kleinteilige Stromversorgung und Kraftwerkstechnik wuchs zu einem immer größer werdenden Feld unternehmerischen und technischen Handelns. Nicht mehr nur reine Stromerzeugung oder Netzinfrastruktur, sondern integrierte Lösungen, Digitalisierung, klimaverträgliche Energieerzeugung und Krisenresilienz seien heute für die LEW die größte Herausforderung.

Untergliedert ist das Buch in 13 Kapitel, beginnend mit einer hilfreichen Einführung in die Geschichte der Stromerzeugung und -versorgung in Deutschland um 1900 sowie der Anfänge der LEW. Ausgehend vom Jahr 1903 beleuchten die folgenden zehn Abschnitte jeweils eine Dekade. Zu jedem Jahrzehnt finden sich kleine Einschübe, in welchen einerseits Entwicklung und Produktion der LEW knapp dargestellt und etwa mit Lebenshaltungskosten in Bezug gesetzt werden. Andererseits werden mit diesen kurzen Schlaglichtern jeweils prägende politische, soziale oder globale Ereignisse referenziert und das Agieren der LEW historisch kontextualisiert und in den Lesefluss des Buches eingebettet, beispielsweise die erste Ölkrise 1973 (vgl. S. 206). Zwei Abschlusskapitel reflektieren die Entwicklung der LEW im beginnenden 21. Jahrhundert und präsentierten Strategien für die Zukunft und die angestrebte nachhaltige Transformation des Unternehmens.

Die Autoren Wollscheid, Roth und Georgi stützten sich bei der Recherche auf eine breite Quellen- und Literaturbasis, vor allem natürlich auf das Unternehmensarchiv der LEW, sowie zusätzlich auf Überlieferungen staatlicher und kommunaler Archivbestände und Presseartikel. Das Buch soll auch, so der Anspruch, über eine reine Unternehmensgeschichte hinaus Zugang zu wirtschafts- und regionalgeschichtlichen Quellen und Kontexten bieten (vgl. S. 327). Die Anmerkungen sind jeweils am Ende der Kapitel untergebracht, die zahlreichen Abbildungen in den Text integriert.

Die Autoren integrieren verschiedene Sichtweisen in die Darstellung der LEW, z.B. von Seiten des Bayerischen Staates oder der Kommunen, mit der Stadt Augsburg etwa als wichtigem Akteur (vgl. S. 81). Die Konsolidierung von Stromerzeugungs- und Versorgungslandschaften benötigte teils langwierige Verhandlungen und Planungsverfahren, involviert waren konkurrierende wie auch kooperierende Firmen und Behörden auf allen Ebenen. Die Wechselwirkungen mit Politik, Verwaltung und Öffentlichkeit zeigten sich beispielsweise an den beständig notwendigen und nicht immer reibungslos verlaufenden Aushandlungen zu Fragen des Netz- und Infrastrukturausbaus oder der Strompreise. Dass das Atomkraft-Projekt der LEW nicht nur angesichts der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986, sondern auch bedingt durch massive lokale Widerstände an den potentiellen Standorten Rehling und Pfaffenhofen schließlich aufgegeben werden musste, ist ein Beispiel für die Verbindung von Mikro- und Makroperspektive (vgl. S. 234-247).

Aufschlussreich wird dargelegt, wie die aufstrebende Elektrizitätsindustrie für das Produkt Strom warb und den Nutzen potenziellen Abnehmern gegenüber propagierte (vgl. S. 15, 89-94, 171-179). Der private wie gewerbliche Konsum sollte mittels Ausstellungen und Aufklärungskampagnen gesteigert werden. Hierzu zählten die bereits Ende des 19. Jahrhunderts üblichen Industrie- und Gewerbeschauen, aber auch Testküchen und Vorführungen elektronischer Haushaltsgeräte. Mithilfe unternehmenseigener Publikationen und Zeitschriften sollten Kunden aufgeklärt und an die LEW gebunden werden. So versuchte man bereits seit den 1920er Jahren, den damaligen Geschlechterrollen entsprechend, gezielt Frauen als Kunden zu gewinnen und argumentierte mit Zeit- und Arbeitsersparnis durch elektrische Küchengeräte. Solche ausgefeilten Werbestrategien kombinierten Vorführungen mit Testgeräten und Berechnungen über Energie- oder Brennstoffverbrauch. Darüber hinaus sollte der Einsatz von Strom als Kraftquelle die Produktion in Landwirtschaft, Handwerk und Industrie erleichtern und ankurbeln. Die Entwicklungsbemühungen der LEW brachten, neben Lösungen für großtechnische Systeme wie Hochspannungsleitungen, auch eigene Küchengeräte hervor. Dabei waren die Produkte nicht immer ausgereift. 1932 meldete die LEW ein Patent für den sogenannten Strahlungsherd an, welcher die Abwärme beim Kochen nutzte, um Wasser nebenbei zu erhitzen. Bei der praktischen Erprobung stellte sich jedoch heraus, dass sich zu viel Kondenswasser bildete und die Küche überfluten konnte. Nachvollziehbar vermuten die Autoren hier ein Missverhältnis von männlicher Ingenieurskunst und vorrangig weiblicher Haushaltsexpertise (S. 94).

Wie von den Autoren selbst hervorgehoben, erlaubt das Fehlen des historischen Personalaktenbestandes vor allem für die NS-Zeit leider keine tieferen Einblicke in die Sozialstruktur des Unternehmens. Nichtsdestotrotz vermittelt das Buch einen Einblick in die als kriegswichtiges Unternehmen eingestufte LEW während Diktatur und Krieg und legt Verstrickungen offen (S. 100-161). Dies umfasste etwa das Hineinwirken des Regimes in die LEW, die ambivalente Systemtreue der Unternehmensführung oder das Profitieren von der massiven Aufrüstung. Es wird überzeugend herausgearbeitet, wie umfangreich und unerlässlich der massenhafte Einsatz von Zwangsarbeitern für das Unternehmen war. Vor allem personalintensive Aufbau- und Reparaturarbeiten an der durch Mangelwirtschaft und Bombardierung leidenden Infrastruktur waren nur so möglich und erlaubten der LEW selbst ein Wachstum im Krieg. Dieser Unrechtskontext wird klar benannt (S. 137-150).

Die Erweiterungen der Unternehmensgeschichte um verschiedene Perspektiven helfen, das Handeln der LEW besser einzuordnen. Die letztlich aufgegebenen Ambitionen im Bereich der Elektromobilität verdeutlichen die Gebundenheit an den jeweiligen historischen Kontext. Ausgelöst durch die erste Ölkrise 1973 standen grenzenloses Wachstum und fossile Mobilität auf dem Prüfstand. Der Mutterkonzern RWE versuchte sich angesichts dessen in der Entwicklung von Elektrofahrzeugen, beworben auch vom Tochterunternehmen LEW in Augsburg. Diese Innovationsarbeit wurde aber, nachdem die Auswirkungen der Ölkrise bescheidener ausfielen als befürchtet, ab 1979 eingestellt (S. 212 f.). Die generellen Ursachen und Gefahren der Klimakrise blieben jedoch bestehen, wurden aber nicht mehr wahrgenommen bzw. verdrängt und verschärfen sich so immer mehr. Ausdrücklich will sich die LEW als inzwischen zukunftsorientiertes Unternehmen positionieren. Die Autoren verweisen hier auf Umweltschutzmaßnahmen, Projekte zur grünen Stromerzeugung und die angestrebte Rolle der LEW als Innovationspartner der nachhaltigen Transformation (S. 258-304).

Die nach Dekaden aufgebauten Einschübe bieten hilfreichen Kontext und betten Strategie und Handeln der LEW in breitere politische und gesellschaftliche Zusammenhänge ein. Umrahmt wird dies durch die Visualisierung mittels reichen Bild- und Kartenmaterials. Die Autoren arbeiten fokussiert heraus, dass die Versorgung mit Energie keine natürliche Ausgangssituation von Angebot und Nachfrage war. Vielmehr mussten durch Werbekampagnen und Lobbyarbeit die Notwendigkeit, Verfügbarkeit sowie Realisierbarkeit von elektrischer Erzeugung wie auch Nutzung immer wieder verhandelt und glaubhaft gemacht werden. Potentielle Abnehmer mussten gewonnen und Partner in Politik und Verwaltung eingebunden werden, um z.B. Großprojekte überhaupt realisieren zu können oder lokale Probleme anzugehen. Die ausgeglichene Berücksichtigung von Mikro- und Makroperspektive gelingt den drei Autoren über die Gesamtheit des Werkes und den langen Betrachtungszeitraum hinweg. Mit dem Fokus auf teils langwierige und schwer zu lösende Auseinandersetzungen, im Falle des Atomkraftprojekts gar auf das kostspielige Scheitern, vermeidet das Buch auch das Erzählen einer reinen Erfolgsstory des Unternehmens. Dies wirkt insgesamt überzeugend, auch wenn die letzten beiden Kapitel vielleicht etwas zu euphorisch Nachhaltigkeit und Potential des Unternehmens preisen. Ergänzend zu wertvollen Einblicken in unternehmerisches Handeln oder zur Innenansicht der LEW eröffnet das Buch interessante regional-, technik- und umweltgeschichtliche Perspektiven. Das 'weiße Gold' von Lech und Iller ist hier nicht nur eine zur Stromerzeugung mobilisierte Ressource, sondern Bestandteil breiterer Zusammenhänge wie Infrastruktur, Industrie, Wohnen, Arbeiten und Umwelt. So ist beispielsweise das begehbare historische Kraftwerksgebäude in Langweid, ans Netz gegangen 1907, inzwischen Teil des UNESCO-Weltkulturerbes und immer noch in Betrieb.