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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Aktuelle Rezensionen


Gerhard Fritz

Limpurg und der Bauernkrieg

(Forschungen aus Württembergisch Franken 55), Ostfildern 2025, Jan Thorbecke, 254 Seiten


Rezensiert von Helmut Flachenecker
In: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte
Erschienen am 07.04.2026

Ein Blick in die Region zwischen Schwäbisch Hall und Schwäbisch Gmünd – im Land am Kocher – aus der Perspektive einer Adelsfamilie, der Schenken von Limpurg, eröffnet einen reizvollen Zugang in die allgemein höchst komplexe Lage während der Bauernkriegsunruhen. Die Limpurger verfügten über eine dreigeteilte, meist auf der Grundlage von Burgen gesicherten Herrschaft um die Burg Limpurg (zusammen mit einer fränkischen Herrschaft Speckfeld) und auf dem Gebiet um die von ihnen gegründeten Stadt Gaildorf. Aufgrund der Erbteilungen lag dieser Besitz nicht in einer Hand. In vorhandenen Rechnungen lassen sich dabei Verschuldungen feststellen, die der Verfasser als moderat einordnet. Gerade bei den wirtschaftlich motivierten Klagen der Bevölkerung könnte sich nicht nur die Willkür der Herren verbergen, sondern auch eine Modernisierungskrise: Die Herren von Limpurg versuchten mit einer ‚modernen‘ Infrastruktur (Schwellseen, Holzabfuhrwege) den Holztransport von abgelegenen Waldgebieten über die Flößung auf dem Kocher zu den Salinen in Schwäbisch Hall zu verbessern. Deren Nutzung stand allen an diesem Wirtschaftsprozess Beteiligten offen, allerdings nur gegen neue Abgaben („Stamm-Miete“) statt der bisherigen Grundzinsen. Der Wald wurde mit Hilfe eines eigenen Forstamtes stärker überwacht und die Eingriffe reguliert. Statt fixer Abgabenhöhen, die durch die Inflation der Gefahr einer Entwertung ausgesetzt waren, verlangten die Schenken zunehmend prozentuale Abgaben. Die Beschwerden aus den limpurgischen Ämtern Anfang April 1525 an ihren Herren geben darüber Auskunft. Viele Kritikpunkte handeln vom Flößen, Lagern von Holz, Gebühren bei Holzentnahmen aus den Forsten. Religiöse Forderungen sind wenige, politische gar keine enthalten. Allerdings scheint die Situation aus der Sicht der meisten limpurgischen Bauern nicht so dramatisch gewesen zu sein, viele von ihnen verließen den Gaildorfer Hellen Haufen meist nach sehr kurzer Zeit und suchten einen friedlichen Ausgleich. Den Schenken gelang es in einigen Fällen, die Bauern zu beruhigen. Allerdings kam es dann doch zu Plünderungszügen durch den Hellen Haufen, besonders in Klöstern der Umgebung. Die Schenken beugten sich, aus nicht ganz einsichtigen Gründen, dem Diktat der Aufständischen und akzeptierten die Zwölf Artikel.

Eine Kooperation mit den württembergischen Bauern gelang nicht, weil diese die limpurgischen als „fremde nation“ ansahen bzw. „diewyl sie nit us disem land“ seien. Auch kam es zu keinem Zusammenwirken mit den Ellwanger Aufständischen – das regionale Selbstbewusstsein verhinderte eine übergreifende Koordination des Vorgehens!

Der Helle Haufen setzte sich in seinen Leitungspositionen aus Angehörigen der dörflichen Elite zusammen (Vögte, Schultheißen, Schmiede, Gastwirte), Hinweise auf Aktivitäten von Frauen sind sehr spärlich. Die Sorge der Territorial- und Landesherren war auch im Limpurgischen groß, dass der Widerstand wieder ausbrechen könnte. Analog dem Vorgehen des Deutschmeisters in Mergentheim wurden hier ebenfalls Streifrotten eingesetzt (Limpurg mit Schwäbisch Hall, Hohenlohe und der Deutschordens-Kommende Kapfenburg), um Verdächtige aufzuspüren.

Die Untersuchung ist stark auf bisher wenig genutzte Quellen basiert, dies macht ihren hohen Wert für weitere Forschungen aus: Etwa die Hälfte des Buches ist gefüllt mit Transkriptionen, die für weiterführende, eventuell komparatistisch angelegte Untersuchungen eine ausgezeichnete Grundlage bilden. Sie leisten einen erheblichen Beitrag zur Frage nach den wirtschaftlichen und sozialen, aber auch religiösen Ursachen. Dagegen erweist sich die Auseinandersetzung mit der vielfältigen Bauernkriegsliteratur in der Darstellung als ausbaufähig, die Vielfalt der Handlungsweisen, wie sie sich aus der Quellenlektüre eröffnen, stehen eindeutig im Vordergrund. Diskussionsoffen wird immer bleiben, inwieweit die Bauernhaufen irgendeine Chance gegen die Landknechtsheere hatten, inwieweit reformatorische Gedanken wirklich von den Dorfbewohnern verstanden wurden sowie inwieweit Plünderungen einen rechtlichen Hintergrund hatten oder ‚nur‘ dem Eigennutz dienten. Umstritten bleibt, wie das Ausmaß der Bestrafungen bzw. Hinrichtungen zu bewerten sei.