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Erich Schneider
Balthasar Neumann. Schlussakkord der Barockarchitektur
(kleine bayerische biografien), Regensburg 2023, Friedrich Pustet, 168 Seiten, zahlreiche Abbildungen
Rezensiert von Britta Kägler
In: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte
Erschienen am 21.04.2026
Bereits im zweiten Kapitel seiner kleinen bayerischen Biografie fällt der Begriff „Bauwurmb“ (S. 34), womit Erich Schneider die Bauleidenschaft der gräflichen Familie Schönborn mit dem „fleißigen Genie“ (ebd.) Balthasar Neumann verbindet. Neumann stand als Offizier und Baumeister im Dienst der Fürstbischöfe von Würzburg und war damit lebenslang an diese Familie, seine Auftraggeber und Mäzene, gebunden.
Schneiders Untertitel „Schlussakkord der Barockarchitektur“ gibt Aufschluss über den doppelten Anspruch, vor dem Biografien bedeutender Baumeister oft stehen und dem sich auch Schneider stellt: Sie sollen einerseits das individuelle Leben eines Menschen rekonstruieren, der vor allem die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts architektonisch geprägt hat, andererseits komplexe Bauprozesse, deren institutionelle Strukturen, aber auch ästhetische Entwicklungen verständlich machen. Das gelingt in der knappen, nur etwa 160 Seiten umfassenden Darstellung zu Balthasar Neumann in einer bemerkenswert ausgewogenen Weise. Die vorgelegte Monografie richtet sich nicht vorrangig an ein Fachpublikum, sondern vermittelt historische und kunstgeschichtliche Zusammenhänge in einer Form, die ebenfalls interessierten Laien zugänglich bleibt, ohne dass dafür wissenschaftliche Genauigkeit preisgegeben wird. Besonders hervorzuheben ist die Fähigkeit des Autors, administrative oder genealogische Zusammenhänge erzählerisch so zu strukturieren, sodass selbst komplexe Verflechtungen nachvollziehbar bleiben. Fachbegriffe werden eingesetzt, ohne erklärungsbedürftig zu sein; die zahlreichen Illustrationen unterstützen diesen Zugang.
Die Biografie folgt keiner rein chronologischen Vorgehensweise, sondern kombiniert Balthasar Neumanns Lebenslauf mit seiner Werkentwicklung und kontextualisiert zugleich, was man über die barocke Bauweise im 18. Jahrhundert zum vertieften Verständnis wissen muss und welche Strukturen innerhalb des Alten Reichs Neumanns Baupläne – u.a. in Würzburg – erst ermöglichten. Die thematisch gegliederten Kapitel lassen Neumann dadurch weniger als „isoliertes Genie“ hervortreten, sondern als einen befähigten Akteur innerhalb eines weit verzweigten politischen, sozialen und administrativen Gefüges. In gewisser Weise lässt sich diese Perspektiv-Entscheidung als entscheidende interpretatorische Leitlinie der Biografie ausmachen.
Im Verlauf des Buches zeigt Schneider seinen Lesern Balthasar Neumann als Militäringenieur, Verwaltungspraktiker und Hofbeamten gleichermaßen und wird damit auch der Mehrfachrolle barocker Baumeister gerecht, denn diese verschiedenen Rollen und Verantwortungsbereiche waren für das frühneuzeitliche Bauwesen konstitutiv. Die Architektur erscheint vor diesem Hintergrund nicht als ein von äußeren Faktoren losgelöstes Kunstschaffen, sondern als das Ergebnis höfischer Machtpolitik, ökonomischer Ressourcen und organisatorischer Kompetenz. Implizit korrigiert Schneider, der als Balthasar Neumann-Spezialist die Erkenntnisse seiner langjährigen Forschungen zusammenträgt, damit das ältere Bild des barocken „Geniearchitekten“. Neumann erscheint vielmehr als hochqualifizierter Projektmanager frühneuzeitlicher Großbaustellen (S. 34 f.).
Als besonders aufschlussreich erweist sich Schneiders Darstellung der Baustelle als Ort kontinuierlicher Kommunikation: Bauprozesse waren von Anpassungen geprägt und Entscheidungen bzw. Veränderungen mussten häufig situativ getroffen werden. Schneider sieht hierin vielleicht den wichtigsten Aspekt von Balthasar Neumanns Alltagskompetenz, wenn er dessen Vorgehen als pragmatisch und lösungsorientiert beschreibt. Allerdings geht er auch darauf ein, dass bewusstes Umgehen von Verwaltungsvorgaben, wenn es praktische Notwendigkeiten verlangten, innerhalb der Baukommission zu Konflikten führen konnte (S. 112). Schneider behandelt neben diesem Baupragmatismus aber noch einen weiteren Aspekt, der das Bild von Neumann als Architekt und Planer von bekannten Kloster- und Wallfahrtskirchen sowie profanen Barockbauwerken (z.B. die Würzburger Residenz, die Schlösser Bruchsal, Werneck, Augustusburg oder Schönbornslust) deutlich erweitert: Über diese einzelnen Bauwerke hinaus thematisiert Schneider urbane Entwicklungsprozesse, zu denen etwa die Regulierung von Straßenzügen oder die Verbreiterung von bestehenden Straßen gehörten, die nicht nur repräsentative Wirkung entfalten, sondern zugleich praktische Vorteile schaffen sollten. Sie führten zu mehr Licht und damit zu einem „gesünderen Wohnklima“ (S. 112), was Schneider für Würzburg als Beispiel einer gesteuerten Raumplanung interpretiert.
Zentrale Abschnitte des Buchs widmen sich zwar – zu Recht – der Beziehung zwischen Balthasar Neumann und Vertretern der Familie Schönborn. Es wird deutlich gemacht, dass Neumanns Karriere ohne diese Auftraggeber kaum denkbar gewesen wäre. Die weit verzweigten kirchlichen und reichspolitischen Positionen der Schönborn ermöglichten überhaupt erst Bauprojekte in unterschiedlichen Territorien und schufen damit einen außergewöhnlich weiten Bau- und Erfahrungsraum für den Baumeister. Trotzdem zählen die Ausführungen zur städtischen Raumplanung zu den besonders instruktiven Kapiteln und sie zeigen, wie tiefgreifend Neumann in die bauliche Transformation Würzburgs eingriff. Architektur erscheint hier letztlich bereits als Instrument frühaufklärerischer Stadtplanung und greift damit den Begriff des barocken Schlussakkords aus dem Titel auf.
Insgesamt gelingt es Erich Schneider mit seiner gut lesbaren Biografie, Balthasar Neumann als exemplarische Figur in der höfischen Baukultur des Alten Reiches vorzustellen. Und gerade darin liegt die Stärke des Buches, das erklärt, warum Neumann, der im August 1753 in Würzburg verstarb, zu den bedeutendsten Architekten des 18. Jahrhunderts zählte, ohne seine Leistungen aus den zeitgenössischen Baubedingungen herauslösen zu wollen. Die Biografie eines Barockbaumeisters wird hier gemeinsam mit der Architekturgeschichte des 18. Jahrhunderts als Sozial-, Verwaltungs- und Kulturgeschichte sichtbar gemacht.