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Adrian Ruda

Der Totenkopf als Motiv. Eine historisch-kulturanthropologische Analyse zwischen Militär und Moden

(Mode global 4), Köln 2023, Böhlau, 610 Seiten mit  Abbildungen, ISBN 978-3-412-52890-4


Rezensiert von Andrea Schilz
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 24.04.2026

Diese Rezension beginnt mit einem in diesem Forum eher unkonventionellen Einstieg: dem sinnlichen Eindruck, den das vorliegende Werk unmittelbar hervorruft. Als wissenschaftliches Werk, das diese Studie selbstverständlich in jeder Hinsicht ist, wurde es in einer fast an Coffee Table Books gemahnenden Anmutung gestaltet. Schon das Sonderformat von 21 x 24 cm springt ins Auge, das schiere Gewicht der rund 600 Seiten in Softcover tut ein Übriges. Beim Aufschlagen und Durchblättern wird die geweckte Neugier nicht enttäuscht – es entfaltet sich eine farbige Bebilderungspracht mit großer Bandbreite. Abgebildete Quellen datieren vom 18. Jahrhundert bis ins Heute und umfassen eine Palette von Äußerungen materieller Kultur: Kleidung, diverse Objekte, Druckerzeugnisse, Fotografien. Dass sich der Kulturanthropologe Adrian Ruda für diese visuell ansprechende Form der Publikation seiner Dissertationsschrift „Der Totenkopf als Motiv. Eine historisch-kulturanthropologische Analyse zwischen Militär und Moden“, entstanden am Institut für Kunst und Materielle Kultur der Technischen Universität Dortmund, entschieden hat, mag kein Zufall sein; er hat (auch) einen ausgeprägten medienpädagogischen Hintergrund, wie die Homepage des Seminars für Kulturanthropologie des Textilen der TU Dortmund zeigt. Die Umsetzung mit dem Böhlau Verlag (Wien – Köln; heute bei Vandenhoeck & Ruprecht, unter De Gruyter Brill) war offensichtlich ein Match: „interdisziplinär ausgerichtet […] steht das Böhlau-Programm für Publikationen, die sowohl Wissenschaftler/innen als auch ein breiteres Lesepublikum mit anspruchsvollen Inhalten, aber auch durch eine ästhetisch ansprechende Ausstattung fesseln“, bewirbt Böhlau sein Verlagsprofil.1 Das hat natürlich buchstäblich seinen Preis, der für das analoge Produkt die Grenze zum Dreistelligen erreicht und damit nolens volens eine gewisse distinktive Wirkung entfaltet.

Bei der Arbeit handelt es sich um eine kulturhistorische Betrachtung vestimentärer Kommunikation2 im Feld und Umfeld des Militärischen – ab dem 18. Jahrhundert, mit Schwerpunkten zuerst auf Preußen, dann auf Deutschland – sowie von Strängen jeweiliger Rezeptionsgeschichten und deren sich wandelnden ikonografischen Zusammenhängen. Im umfassenden methodischen Teil wird dies als leitend für das Erkenntnisinteresse beschrieben. In der motivanalytischen Praxis geschieht dies, unter Rückbindung an die Theorie, unter Einbezug multipler Faktoren zur Annäherung an symbolische Bedeutungsgeflechte. Ein aufwändiges Unterfangen, ausgeführt mit hoher Gründlichkeit. Darauf verweist schon ein dicht ausgearbeiteter Forschungsstand. Sodann begegnet man über hunderte Seiten einer großen Quellenfülle, mit der die einzelnen, immer wieder auch verschränkten Themenstränge der Analyse angeführt und belegt werden.

In einer Art einleitendem Exkurs thematisiert Adrian Ruda den Topos des Piraten – eine der heute wirkmächtigsten Assoziationen, was das Totenkopfmotiv betrifft (22). Aufgezeigt wird, dass dafür die Rezeptionsgeschichte maßgeblich ist, nicht militärhistorische Fakten. Danach steigt der Autor in sein eigentliches Kernthema ein, beginnend mit den Totenkopfhusaren des preußischen Militärs. Er sieht die mit ihren Totenkopfabzeichen verbundenen Verweise auf einen elitären, todesverachtenden Kampfesmut als Ausgangspunkt für spätere militärische Adaptionen – zuerst durch die Braunschweigische „Schwarze Schar“ und das „Lützow’sche Freikorps“, später durch weitere Tradierungen. Auch zeitgenössische Revolutionäre bedienten sich in einer Art motivsymbolischer Gegenrhetorik des Totenkopfmotivs, bevor dieses dann bald in nationalistisch aufgeladener (Schwarzer) Pädagogik und der Alltagskultur anlangte. Im Ersten Weltkrieg und in der Zwischenkriegszeit setzte sich die eingeübte Konnotation des Aggressiven weiter fort, bis sie im Nationalsozialismus ihre bekannten und auch weniger bekannten Kumulationspunkte erreichte. Doch hier wieder: Auch Widerständigkeit bediente sich mitunter des Totenkopfs als Abzeichen; manche nonkonforme Jugendliche griffen darauf zurück, verfolgt durch das NS-System. Nach dem Krieg profilierte sich mit dem Aufstieg von Jugend- beziehungsweise Popkulturen ab den 1950er Jahren der Totenkopf als Zeichen diverser Wahlidentitäten, um später im Mainstream der Mode anzukommen.

An dieser Stelle, an der Einleitung zur Kritik, sei auf die bekannte Aussage verwiesen, dass die Form der Funktion folge – im Sinne ihres Schöpfers, des Architekten Louis Henry Sullivan (1856–1924), der damit auf das Ornament als „wesentlich“ abzielte.3 Etwas wesentlich Ornamentales liegt auch dem vorliegenden Werk zugrunde. Die wissenschaftliche Abhandlung ist hoch detailliert, ohne den methodisch und thematisch gesetzten Pfad zugunsten weiterer, anderer Perspektiven zu verlassen. Methodisch beiseite bleibt, den empirischen Resonanzraum des Symbolischen – über durchaus benannte Verknüpfungen hinaus – dezidiert vertieft zu betrachten; angesichts des gewählten Zugangs kein Manko, sondern ein Merkmal. Thematisch beiseite bleiben Totenkopf-Symboliken aus anderen, weiten Feldern – etwa die Komplexe von Vanitas und Saturnischem, im Katholischen, im Medizinhistorischen; eine notwendige explizite Eingrenzung angesichts des „Totenkopfs als Motiv“. Doch die Tiefe und Breite, die Adrian Ruda bei der Ausarbeitung der gewählten militärischen Kontexte als Thema verfolgt hat, ist markant und lässt mich das oben genannte Ornamentale assoziieren: Ein Vielfaches, und doch Eines. Dies ist nicht als eindimensional misszuverstehen; es ist einfach das Wesen dieser Arbeit mit ihrem konzentrierten, thematisch eng geführten Fokus. Der Titel mag hier allerdings, genau deshalb, etwas in die Irre führen. Präziser ist der Untertitel: Das Profil der „historisch-kulturanthropologische(n) Analyse zwischen Militär und Moden“ wird mutmaßlich dafür sorgen, dass man – im besten Sinne – nicht mehr an diesem Werk vorbeikommen wird, wenn es um das Motiv des Totenkopfs in seiner dedizierten Ableitung aus dem Militärischen geht, mit dem räumlichen Schwerpunkt Deutschland. Insbesondere (auch) für etwaige zukünftige Arbeiten mit empirisch ausgerichteten Erkenntnisinteressen zu Aspekten der Totenkopfmotivik kann diese kulturhistorische Ausarbeitung eine wichtige Komponente sein. Denn zur Einordnung von Phänomenen in diversen populären Kulturen können, neben anderen kulturgeschichtlichen Linien, auch die dargelegten militärgeschichtlichen Tradierungen bedeutend sein – gerade auch in der Praxis mehrfacher bewusster und unbewusster Rückgriffe. Damit leistet diese Arbeit den nicht geringen Beitrag, für diese Thematik notwendige Rückbindungen anzubieten. Ohne diese kann die motivgeschichtliche Seismik des Wandels nicht oder nicht ausreichend gelesen und gedeutet werden. Und dies kann wiederum Auswirkungen auf die Einordnung ähnlicher Phänomene beziehungsweise auf die sie (re)produzierenden beforschten Gruppen haben.

 

 

2 Vergleiche Adrian Ruda: Von wegen hohl! Vestimentäre Kommunikation am Beispiel des Totenkopfsymbols. In: ...textil... Wissenschaft - Forschung - Unterricht 96 (2025), H. 1, S. 5–12, hier S. 5, https://www.fv-textil.de/fileadmin/Medien/Zeitung_Verband/Texte_geschuetze_dateien/Ausgabe/textil_2025/Ausgabe_1-2025/Seite_5_-_12_Von_wegen_hohl_.pdf [22.4.2026].

3 Vergleiche zum Beispiel die Ausstellung „Form follows function“ im Red Dot Design Museum Essen, https://www.red-dot-design-museum.de/essen/ausstellungen/design-grundlagen/designprinzipien/form-follows-function [22.4.2026].