Logo der Bayerischen Akademie der Wissenschaften

Kommission für bayerische Landesgeschichte

Menu

Aktuelle Rezensionen


Bettina Wagner/Cornel Dora (Hg.)

Inkunabelforschung für morgen – Wege, Ziele, Perspektiven

Tagung des Wolfenbütteler Arbeitskreises für Bibliotheks-, Buch- und Mediengeschichte, 27. bis 29. September 2023 (Medium Buch. Wolfenbütteler interdisziplinäre Forschungen 5 [2023]), Wiesbaden 2023, Harrassowitz, 276 Seiten, zahlreiche Abbildungen und Diagramme


Rezensiert von Berthold Kress
In: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte
Erschienen am 28.04.2026

Der Großteil dieses Bandes besteht aus Ergebnissen einer Tagung zur Inkunabelkunde: zunächst drei wissenschaftliche Beiträge zu geistlichen Texten, dann zehn Vorstellungen diverser Forschungs-, Katalogisierungs- und Editionsprojekte. Den Abschluss bilden zwei Aufsätze und zwei Miszellen zu verschiedenen buch- und bibliotheksgeschichtlichen Themen und ein kurzer Tätigkeitsbericht des Wolfenbütteler Arbeitskreises für Bibliotheks-, Buch- und Mediengeschichte.

Günter Hägele untersucht Exemplare der editio princeps des Erbauungsbuchs „Die 24 goldenen Harfen“ von Johannes Nider (GW M26853), für das er eine Datierung auf Anfang 1472 statt auf 1470 vorschlägt, womit es nicht mehr der früheste Druck des Augsburgers Johann Bämler wäre. Nach einem Eintrag in einem Berliner Exemplar wurden nicht weniger als 27 Exemplare dieses Werks vom Probst der Alten Kapelle in Regensburg, Konrad Schenck von Schenckenstein, an Frauenklöster im süddeutschen Raum geschenkt. Davon sind elf hier nachgewiesen, die meist eine Bitte um Gebet für das Seelenheil von Konrads Bruder und Amtsvorgänger Caspar, gelegentlich auch persönliche Widmungen, enthalten. (Der Berliner Druck ist hingegen eine Schenkung des Augsburger Arztes Ulrich Ellenbog an ein Kloster in seiner Heimat.) Hägele entwirft ein Netzwerk, zu dem die beiden Pröbste, Ellenbog, Bämler und der Pfarrer von St. Moritz in Augsburg, Johannes Molitoris, wohl Verfasser eines Vorworts, gehören und schlägt vor, Bämler habe die Harfen auf Anregung Konrad Schencks durch Vermittlung von Ellenbog gedruckt.

Stefan Matter verfolgt die Entwicklung deutschsprachiger Gebetbuchinkunabeln ausgehend von individuell zusammengestellten und häufig bilderlosen Gebetbuchhandschriften. Die Beschreibung von sechs meist südwestdeutschen Gebetbüchern (GW 12981, 12988, 12985, 12996, 12990 und 12969) im Hinblick auf die Texte (liturgisch/Reihengebete), Ordnungssysteme (Register, Blattzählung) und Illustrationen zeigt, dass es sich hier um eine Phase unterschiedlicher Experimente gehandelt hat, aus der schließlich der erstmals 1498 erschienene „Hortulus animae“, ein typographisch anspruchsvolles, illustriertes Werk, das überwiegend liturgisch gegliedert ist, aber auch zahlreiche beliebte Gebetstexte der Handschriftentradition aufnimmt, hervorging und ein Gegenstück zu den bereits etwas früher standardisierten, ebenfalls liturgisch gegliederten und noch reicher illustrierten französischen Stundenbüchern bildet.

Peter Schmidt vergleicht Fassungen des als „Die Ritterschaft“ bekannten erbaulichen Texts, der verschiedene Tugenden mit Elementen der Ausrüstung eines Ritters vergleicht und nach realienkundlichem Befund noch aus dem 14. Jahrhundert stammt: zwei Handschriften aus dem letzten Drittel des 15. Jahrhunderts (Dresden, SLUB, M 209, und Gießen, UB, Hs 852) und eine 1494 in Heidelberg von Heinrich Knoblochzer in Verlegung Jakob Köbels gedruckte Inkunabel (GW 10429). Während die Dresdner Handschrift nur knappe Kapitelüberschriften hat, sind in Gießen ausführliche Beschreibungen der ausgedeuteten Gegenstände im Stil von Maleranweisungen beigegeben. Der Druck bildet die Gegenstände ab, allerdings wesentlich simpler als in Gießen vorgeschlagen. Hier werden die Kapitel auch gezählt und in einem Index (nach Tugenden, nicht nach Rüstungsteilen) erschlossen.

Am Beginn der Projektbeschreibungen geht Claudia Fabian auf verschiedene bibliothekarische Ansätze zur Beschreibung von Inkunabeln, vor allem von exemplarspezifischen Informationen, ein, darunter die Datenbank „Material Evidence in Incunabula“ zur Erfassung von Provenienzen. Eine Gruppe um Nikolaus Weichselbaumer untersucht technische Aspekte der Inkunabelproduktion bis 1470, vor allem den Druck des „Catholicon“ (GW 3182). Hier werden drei dabei eingesetzte Methoden vorgestellt: die Extraktion der einzelnen Glyphen aus dem Digitalisat und deren Reduktion zu Graphen, um Abstände zwischen einzelnen Punkten und Winkel besser bestimmen zu können, außerdem Experimente zur Abnutzung sowohl von modernem wie auch der Inkunabelzeit nachempfundenem Typenmaterial.

Nun werden drei Editionsprojekte vorgestellt. Joachim Hamm beschreibt eine Edition der beiden lateinischen Fassungen von Sebastian Brants „Narrenschiff“, durch die das Werk erst seine internationale Bedeutung erhalten hatte. Die „Stultifera Navis“ wurde von Brants Schüler Jakob Locher 1497 mit zahlreichen Paratexten und Marginalien, die teilweise von Brant selbst hinzugefügt wurden, herausgegeben (GW 5054); die „Navis Stultifera“ von Iodocus Badius erschien in Paris im Jahr 1505 und kann als Schulbuch zum Erlernen der lateinischen Poesie verstanden werden. Bernd Posselt widmet sich dem ursprünglichen lateinischen Text von Hartmann Schedels Weltchronik, der zwar intensiv rezipiert, von der heutigen Forschung im Vergleich zu den Illustrationen aber vernachlässigt wurde. Paul Schweitzer-Martin erarbeitet mit Studenten mehrerer Hochschulen eine Ausgabe der „Kölnischen Chronik“, die 1499 von Johann Koelhoff gedruckt wurde (GW 6688). Alle Ausgaben sollen (wenn auch nicht ausschließlich) digital erscheinen – eine große Sorge der Bearbeiter ist die Nachhaltigkeit, sowohl von benutzerfreundlichen Viewern, als auch von eingebundenen Links zu Vergleichstexten. Johanna Meyer berichtet über eine – noch nicht extern zugängliche – Sammlung von Digitalisaten sämtlicher erhaltener niederdeutscher Drucke bis zum Jahr 1520 und gibt eine Liste von Ausgaben, die im Standardwerk Conrad Borchling/Bruno Claußen, Niederdeutsche Bibliographie.             Gesamtverzeichnis der niederdeutschen Drucke bis zum Jahre 1800, 2 Bde., Utrecht 1976, fehlen.

Adinel C. Dincă beschreibt die Inkunabelforschung in Rumänien, vom unveröffentlichten und aus politischen Gründen lange unzugänglichen Katalog des Diplomaten und Sammlers Constantin Karadja zu einem 2007 erschienenen Gesamtverzeichnis, das durch neue Entdeckungen teilweise überholt ist, und gibt eine Bibliographie rumänischer inkunabelkundlicher Veröffentlichungen der letzten Jahre.

Die drei letzten Beiträge haben kunsthistorische Themen. Christine Saur beschreibt die ungewöhnlich reiche Sammlung von in Nürnberg illuminierten und gebundenen Inkunabeln und Handschriften des 15. Jahrhunderts, überwiegend aus Klosterbesitz, in der Nürnberger Stadtbibliothek und empfiehlt gerade die bisher weniger erschlossenen Bibliotheken der Männerklöster für weitere Studien. Susanne Rischpler berichtet über den Katalog der illuminierten Handschriften und Drucke des 15. und frühen 16. Jahrhunderts der Staatsbibliothek Bamberg – hier entschied man sich nach mehreren Versuchen, den Katalog nach stilistisch verwandten Illustrationen zu gliedern und zu jeder eingehenden Beschreibung der Gruppe nur eine knappe Liste der dazugehörigen Bände und ihres jeweiligen Schmucks anzugeben. Pia Rudolph stellte den bereits der Fertigstellung entgegengehenden „Katalog der deutschsprachigen illustrierten Handschriften des Mittelalters“ vor, der Inkunabeln aufnimmt, sofern vom gleichen Text auch illustrierte Handschriften vorliegen – wie demonstriert wird, kann der Vergleich von Illustrationen Beziehungen zwischen handschriftlichen und gedruckten Fassungen aufzeigen. Auch hier wurden die Einträge für Inkunabeln in späteren Bänden gestrafft.

Außerhalb der Inkunabelforschung behandelt Sven Kuttner das Personal der Universitätsbibliothek München zwischen 1945 und 1960 nach den erhaltenen Akten, neben generellen demographischen Daten (etwa wenig Kinder, wenig Scheidungen) erscheinen dabei auch zeittypische Probleme wie Wohnen in Notunterkünften oder eine Denunziation wegen Schwarzhandels. Nach Mona Kirsch und anderen zeigte eine spektrographische Untersuchung der Peptide im Kollagen, dass eine Hippokrates-Ausgabe der Universitätsbibliothek Göttingen entgegen einem Auktionskatalog von 1754 nicht in Menschenhaut, sondern wohl in Schafsleder gebunden ist. Maximilian Bach stellt neuentdeckte Gelegenheitsgedichte Philipps von Zeesen in einem kürzlich von der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel erworbenen Konvolut vor, und Henning Ohst weist nach, dass eine angeblich für einen Habsburgerprinzen verfasste Grammatik ein Nachdruck der bekannten „Grammatica Regia“ für Christina von Schweden ist. Am Ende steht ein Verzeichnis der (Schwarz-Weiß)-Abbildungen des Bandes, eine Liste der behandelten Inkunabelausgaben wäre noch eine schöne Ergänzung gewesen. Gerade durch seine Heterogenität gibt dieser Band einen guten Einblick in die Vielfalt von Forschungsansätzen in der Inkunabelkunde: von Untersuchungen zu Textgestaltung und Drucktechnik zu Fragen von Besitzgeschichte und Ausmalung.