Aktuelle Rezensionen
Frank Brunecker/Sigrid Hirbodian/Edwin Ernst Weber (Hg.)
Vom agrarischen Hinterland zur industriellen Boomregion. Wirtschaft in Oberschwaben von 1850 bis zur Gegenwart
(Oberschwaben. Forschungen zu Landschaft, Geschichte und Kultur 9), Stuttgart 2025, W. Kohlhammer, 580 Seiten, zahlreiche Abbildungen
Rezensiert von Arnd Kluge
In: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte
Erschienen am 28.04.2026
Der Band enthält die Ergebnisse einer Tagung der „Gesellschaft Oberschwaben für Geschichte und Kultur“ aus dem Jahr 2022. Gemeinsam mit zwei Vorgängern liegt nunmehr ein überwiegend forschungsaktueller Überblick der wirtschaftlichen Entwicklung Oberschwabens seit dem Spätmittelalter vor. Oberschwaben ist die Landschaft zwischen Lech und Schwarzwald, Schwäbischer Alb und Bodensee in den Bundesländern Bayern und Baden-Württemberg. Wie bei Sammelbänden nicht anders zu erwarten, werden nicht alle Themen und Gebiete gleichmäßig behandelt. Der geografische Schwerpunkt liegt im württembergischen Teil Oberschwabens.
Mehrere Aufsätze widmen sich Veränderungen von Landschaft, ländlichen Räumen und Landwirtschaft. Andreas Schwab zeigt, dass dafür bislang nicht der Klimawandel seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, sondern direkte Eingriffe des Menschen verantwortlich gewesen sind. Zukünftig könnte der Klimawandel zu massiven Auswirkungen auf die Landwirtschaft und einer Vermehrung der Extremereignisse führen. Am Beispiel des Allgäus und des Donaukreises erläutert Werner Konold Strategien zur Intensivierung der Landwirtschaft seit der Mitte des 19. Jahrhunderts. Trotz Akzentverschiebungen hält er nach wie vor die Interessen der Landwirtschaft für einflussreicher als die des Naturschutzes. Am Wandel eines Dorfes im Landkreis Sigmaringen stellt Edwin Ernst Weber die Veränderungen der Landwirtschaft Oberschwabens seit dem Ende des 18. Jahrhunderts dar. Oberschwabens Exportprodukte Getreide und Wein wurden von Käse und Großvieh, später auch von Obst und Hopfen (und erneut Wein) ersetzt, der Anteil von Grünland und Sonderkulturen an der landwirtschaftlichen Nutzfläche wuchs. Das Anerbenrecht, Flurbereinigungen und Mechanisierung erhielten eine vornehmlich mittelbäuerliche, für die Betriebsinhaber auskömmliche ländliche Struktur bis nach dem Zweiten Weltkrieg. Seither ist auch in Oberschwaben der Trend zu wenigen Großbetrieben, die sich der Agrarpolitik der EU anpassen müssen, ungebrochen.
Steffen Kaiser macht das Anerbenrecht dafür verantwortlich, dass die Bevölkerungszahlen auf dem Land seit dem 19. Jahrhundert stagnierten oder sogar sanken und der ländliche Bevölkerungsüberschuss in die Städte abwanderte. Mit der „Suburbanisierung“ ab den 1970er Jahren, dem Umzug wohlhabender Städter ins ländliche Umland, kehrte sich die langfristige Tendenz an einigen Orten um. Das private Automobil erlaubt es der Landbevölkerung, in Städten einem Erwerb nachzugehen, ohne den Wohnsitz aufgeben zu müssen. Kaiser ordnet die Bevölkerungszahlen in große Entwicklungslinien von Geburtenraten, Zu- und Abwanderung ein und differenziert sie für einzelne Landkreise in Baden-Württemberg.
Die Industrialisierung Oberschwabens blieb zunächst inselhaft und hinter der Export-Landwirtschaft zurück. Im Osten der Region gab es zu Beginn der Industrialisierung eine textilgewerbliche Basis. Für die Frühindustrialisierung relevante Rohstoffe waren nicht vorhanden. Wo sich frühe Industrie etablierte, nutzte sie Wasserkraft, bevor die Elektrifizierung ab den 1920er Jahren die fehlende Steinkohle obsolet machte. Dampfmaschinen spielten in der Industrialisierung Oberschwabens eine geringe Rolle.
Der Anschluss an die württembergische Südbahn von Ulm nach Friedrichshafen zwischen 1847 und 1850 – so Andreas M. Räntzsch – unterstützte die Industrialisierung. Im Wettbewerb mit Baden und Bayern, die eigene Nord-Süd-Projekte verfolgten, wurde die württembergische Südbahn zwar Teil des deutschen Eisenbahnnetzes, blieb aber von untergeordneter Bedeutung. Der Bodensee bildete eine Sperre in Richtung Süden, die von anderen Strecken leichter umgangen werden konnte. Und trotz positiver Effekte auf die wirtschaftliche Entwicklung waren die Potentiale Oberschwabens zu beschränkt, um der Linie zu größerer Bedeutung zu verhelfen. Seit den 1970er Jahren verlagerten sich Güter- und Personenverkehr von der Schiene auf die Straße, sodass die Südbahn weiter an Relevanz verlor.
Mit Hilfe von Wasserkraft, Schweizer Kapital und niedrigen Löhnen und anknüpfend an traditionelle Branchen wurde im Schussental bei Ravensburg die Frühindustrialisierung vorangetrieben. Peter Eitel schildert die erfolgreiche industrielle Entwicklung der Ravensburger Region bis zur Gegenwart im gesamtwirtschaftlichen und politischen Rahmen, ohne dass in jedem Einzelfall deutlich wird, warum bestimmte Maßnahmen erfolgt sind. Nachdem der Bodenseehafen, Tourismus und Schweizer Gewerbegründungen nur begrenzte Effekte gezeigt hatten, erlebte Friedrichshafen nach der Ansiedlung des Zeppelinwerkes im Jahr 1900 eine stürmische Industrialisierung. Obwohl Luftschiffe nach wenigen Jahren technologisch überholt waren, legte das Werk den Grundstein für einen Großkonzern, der Flugzeuge, Motoren und Metallteile herstellte und schließlich vom Rüstungskonzern zu einem der größten Autozulieferer der Welt wurde. Elmar L. Kuhn beschreibt Höhen und Tiefen der Konzernentwicklung und deren Folgen für das Stadtbild, die Arbeiterbewegung und die Stadtpolitik. Frank Brunecker führt den Aufschwung Biberachs zur wohlhabenden Industriestadt nach 1945 auf glückliche Zufälle und wirtschaftsfreundliche Politik zurück. Biberach floriert, weil ein Branchenmix vorhanden ist, der auf dem Weltmarkt stabile Erträge erwirtschaftet, und vor allem ein erfolgreiches Pharmaunternehmen. Gerhard Hetzer gibt einen knappen Überblick der industriellen Entwicklung im bayerischen Regierungsbezirk Schwaben. Bis 1945 spielte sich diese an den Standorten der Textilindustrie ab, bevor eine breitere geografische Streuung begann, verbunden mit einer Diversifizierung der Branchen, dem Bedeutungsgewinn von Dienstleistungen und einer Verschiebung der Eigentümerstrukturen. Aus einem kleinen Hüttenwerk bei Sigmaringen, das regionale Rohstoffe verarbeitete, wurde eine metallverarbeitende Fabrik und schließlich der international operierende mittelständische Konzern „Zollern“, der Metallteile für industrielle Anwendungen herstellt. Volker Trugenberger schildert anschaulich das Auf und Ab des Traditionsbetriebs, der immer noch zu wesentlichen Teilen dem ehemaligen Fürstenhaus Hohenzollern gehört.
Politisch-militärische Katastrophen haben die Wirtschaft in Oberschwaben seit der Frühen Neuzeit weniger negativ betroffen als in anderen Regionen, teilweise profitierte man sogar von ihnen, zum Beispiel von verlagerten Rüstungsbetrieben im und vom Zuzug von Heimatvertriebenen und DDR-Flüchtlingen nach dem Zweiten Weltkrieg. Die späte Industrialisierung hatte den Vorteil, dass man bisher weniger unter schmerzhaftem Strukturwandel litt als andere.
Beim Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft war die attraktive Landschaft hilfreich, die zum Beispiel den Bodensee ab dem Ende des 19. Jahrhunderts zum touristischen Hot Spot entwickelte, der inzwischen unter Auswirkungen von „Overtourism“ leidet. Werner Trapp lässt in seinem schwungvollen Aufsatz vor allem diejenigen zu Wort kommen, die sich an den negativen Auswüchsen des Tourismus stören, während der wirtschaftliche Nutzen für die Region in den Hintergrund tritt.
Da man die heutige Stärke der oberschwäbischen Industrie angesichts der Nachteile, die fehlende Ressourcen und mangelhafte Institutionen Württembergs und Bayerns während der Frühindustrialisierung mit sich brachten, nicht vollständig aus Strukturen erklären kann, wird das Augenmerk auf den persönlichen Faktor gelenkt. Nachdem die Wirtschaftsgeschichte lange Zeit von der Suche nach genialen Unternehmern bestimmt war, dominierten seit etwa 1970 strukturgeschichtliche Ansätze. Gegenwärtig versucht die Geschichtsschreibung, Strukturen und Individuen zusammen zu denken. Doris Astrid Muth stellt jüdische Unternehmen in Hechingen und Laupheim vor, die aus dem textilen Verlagssystem und Handwerksbetrieben hervorgegangen sind. Sie blühten bis zur Unterdrückung der Juden in der Zeit des Nationalsozialismus. In beiden Städten waren jüdische Unternehmer erfolgreicher als es ihrem Bevölkerungsanteil entsprochen hätte. Leider erfährt man nicht, warum. Die Entwicklung der schwachen und politisch meist gemäßigten württembergisch-oberschwäbischen Arbeiterbewegung von 1848 bis zum Nationalsozialismus zeichnet Stefan Feucht nach, soweit es die wenigen Quellen zulassen. Auch hier hätte man gern Näheres über die Hintergründe erfahren. Dass die ländliche Herkunft der Arbeiter, ihre katholische Konfession und geringe Zahl die Arbeiterbewegung behinderten, wird angedeutet. Diese Faktoren können aber nicht allein ausschlaggebend gewesen sein, wie Gegenbeispiele aus anderen Regionen nahelegen. Könnte es im verhältnismäßig liberalen Württemberg zu geringerer Konfrontation zwischen Arbeitern und Staat und in der mittelständischen Wirtschaft Oberschwabens häufiger zur Zusammenarbeit zwischen Arbeitern und Unternehmern gekommen sein? In einem Essay, der weit über oberschwäbische Verhältnisse hinausweist, problematisiert Georg Eckert das Verhältnis zwischen Struktur und Individuum und stellt die Frage, ob Oberschwaben tatsächlich eine Region der „Tüftler“ ist, wie Marketingkampagnen es versichern. Die Folgetagung der Gesellschaft Oberschwaben im Jahr 2023 hat sich damit beschäftigt, die Publikation ist in Vorbereitung.
Der Band ist nicht allein für Wissenschaftler interessant, sondern für alle, die mehr über die Geschichte der Region erfahren möchten. Grafiken, Fotos, Karten, Tabellen und Einzelbeispiele vertiefen und illustrieren langfristige Trends. Alle Aufsätze sind gut lesbar. Dem Buch ist eine weite Verbreitung zu wünschen.