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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Aktuelle Rezensionen


Doris Danzer (Hg.)

Landshut im Nationalsozialismus. Opfer. Täter. Zuschauer

(Schriften der Museen der Stadt Landshut 43), Landshut 2024, Museen der Stadt Landshut, 336 Seiten, zahlreiche Abbildungen


Rezensiert von Clara Sterzinger-Killermann
In: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte
Erschienen am 06.05.2026

Der Katalog zur gleichnamigen Ausstellung, die vom 10. März 2024 bis zum 27. April 2025 im LANDSHUTmuseum zu sehen war, ermöglicht einen Ausstellungsbesuch auf Papier. Er enthält die Ausstellungstexte – einleitende Texte und Objekttexte –, Fotografien der Exponate und Flachwaren sowie Einblicke in die Ausstellungsarchitektur und die Farbgestaltung der einzelnen Stationen. Somit ist ein Großteil der Ausstellung im Katalog wiederzufinden. Es ist die erste Ausstellung in der süddeutschen Stadt, die sich mit der Geschichte Landshuts im Nationalsozialismus auseinandersetzt. Dabei wurde das Ausstellungsprojekt nicht allein vom historischen Museum der Stadt getragen, sondern war partizipativ angelegt: So waren auch Schulklassen und Einzelpersonen aus der Stadtgesellschaft involviert. Der farbig und ansprechend aufbereitete, fast 350 Seiten umfassende Katalog lässt sich aufgrund seiner besonderen Buchbindung äußerst angenehm durchblättern. Er ist dreigeteilt: Er enthält eine Dokumentation der Ausstellung im LANDSHUTmuseum, wissenschaftliche Beiträge sowie die Ausstellung im KOENIGmuseum, die sich mit der Erinnerungskultur des Künstlers Fritz Koenig beschäftigt.

Die Ausstellungstexte, die eigentlich dafür gedacht sind, stehend und in Bewegung gelesen zu werden, lassen sich im Sitzen schnell erfassen und angenehm lesen. In einem vorangestellten Stadtplan werden die historischen Ereignisse sowie die Orte und Gebäude mit nationalsozialistischer Vergangenheit und ihre damalige sowie heutige Nutzung verortet. Dadurch wird die NS-Diktatur mit dem alltäglichen Leben in der Stadt in Beziehung gesetzt, was den Zugang zum Thema erleichtern soll. Die von vielen Akteurinnen und Akteuren der Stadtgesellschaft getragene und von ihnen mitgestaltete Ausstellung wird insbesondere durch die im Katalog verteilten QR-Codes sichtbar. Mithilfe dieser wird man zu vielfältigen Medienangeboten der Ausstellung weitergeleitet, wie etwa einem Kunstfilm, der den Holocaust aus der Sicht eines litauischen Jungen schildert, einer von Nachfahren betriebenen Homepage, die Berichte von Holocaustüberlebenden sammelt, Audio-Spuren eines Seminars eines Landshuter Gymnasiums, das über die Schicksale hinter den im Ort verlegten Stolpersteinen berichtet, historischen Interviews des Bayerischen Rundfunks oder einem Podcast von zwei Landshuter Lehrerinnen, Oma und Enkeltochter, die die Erinnerungen der älteren Frau festhalten und sich über diese austauschen.        

Der Katalog bietet eine gute Zusammenstellung der Ausstellungsinhalte und ermöglicht so auch außerhalb der Ausstellungsräume oder nach dem Besuch eine intensive Auseinandersetzung. Zentral ist dabei die Frage, welche Auswirkungen die zwölfjährige Herrschaft des NS-Regimes und ihre bis heute andauernden Nachwirkungen auf eine Kleinstadt hatten. Welche Orte und Themen ergeben sich daraus und wie lässt sich das breite Spektrum der Unterstützung, Teilhabe und Verfolgung der Stadtgesellschaft in Ansätzen begreifbar machen? Dabei wollte das Team um die Historikerin Dr. Doris Danzer den Besucherinnen und Besuchern die NS-Geschichte nicht als etwas Fernes und Abstraktes präsentieren, das sich nur schwer mit der eigenen Lebensrealität in Einklang bringen lässt, sondern als von Menschen gestaltete Realität, die sich an vielfältigen Orten der Stadt finden lässt. In der Ausstellung und dem Katalog werden aktuelle Themen der NS-Forschung an persönliche Geschichten und Objekte rückgekoppelt. Außerdem wird versucht, die Besucher mit direkten Ansprachen und Fragen, die den einzelnen Stationen vorangestellt sind, zum Reflektieren und Einordnen anzuregen. Beispielsweise mit der Frage „War Opa ein Nazi?“ oder dem Impuls, das „Marterl“, das an den polnischen Zwangsarbeiter Tomasz Wolak erinnert, zu besuchen.

Der Umgang mit den wissenschaftlichen Beiträgen im Ausstellungskatalog ist nicht optimal gelöst. Zum einen werden diese im Inhaltsverzeichnis nur lapidar als Gesamtrubrik ausgewiesen, dass sie im zweiten Teil des Buches ein eigenes Inhaltsverzeichnis haben, ist auf den ersten Blick nicht ersichtlich und dadurch werden sie ein Stück weit unsichtbar. Zum anderen sind einige Aufsätze fast identisch mit den Texten im Ausstellungsteil, während andere deutlich ausführlicher sind. Da dies jedoch nicht gekennzeichnet ist, wird erst nach dem Lesen klar, ob neue Aspekte vermittelt wurden oder ob sich die bereits gelesenen Textebenen nur anders zusammengeführt wiederholen. Dies könnte unter anderem dem großen Team und dem partizipativen Ansatz geschuldet sein.

Landshut ist eng mit der Landshuter Hochzeit verbunden. Dieser Aspekt wurde in der Ausstellung und damit im ersten Teil des Katalogs leider nur knapp umrissen (S. 130). Die interessierten Leser hätten sich hier mehr Informationen zu dem historischen Dokumentarspiel als Spezifikum der Stadt sowie zu dem Verein, der es während des Nationalsozialismus trug, gewünscht. Erfreulicherweise wird diese Erwartungshaltung in den wissenschaftlichen Beiträgen bedient, in denen der Verein „Die Förderer“ e.V. und die Landshuter Hochzeit im Nationalsozialismus thematisiert und Ausblicke auf aktuell laufende Forschungsprojekte gewährt werden (S. 279–291). Dass Heinrich Himmler als Reichsführer SS, der hier als Jugendlicher lebte und später als junger Mann den Grundstein für seine Karriere in der NSDAP legte, als Akteur der NS-Bewegung in Landshut vorgestellt wird, erschließt sich und weckt Interesse, da in zwei Aufsätzen bisher weniger beleuchtete Stationen seines Lebens behandelt werden (S. 222 f. und S. 271). Doch warum Hans Frank, Reichsminister und späterer Generalgouverneur im besetzten Polen, nach einem einmaligen Auftritt bei einer Propagandakundgebung 1936 als Akteur der NS-Bewegung in Landshut gilt, ist fraglich (S. 228). Dadurch wird das Spezifische der Landshuter NS-Akteure verwässert und deren Netzwerke werden undeutlicher.

Der ästhetisch ansprechende Katalog, der häufig mit Bildmaterial und seltener mit langen Texten arbeitet, ist ein gelungener und gewinnbringender Einstieg für die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus vor Ort. Dabei adressiert er vor allem ein nicht-wissenschaftliches Publikum und zeigt die gesellschaftliche Bedeutung auf, die partizipative Projekte und die Auseinandersetzung mit der NS-Diktatur außerhalb der bekannten Städte haben können.