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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Aktuelle Rezensionen


Jan Turinski

Leichenpredigten und Trauerzeremoniell der geistlichen Kurfürsten. Studien zum Bischofsideal und zur Sepulkralkultur in der Germania Sacra zwischen Westfälischem Frieden und Säkularisation

(Quellen und Abhandlungen zur Mittelrheinischen Kirchengeschichte 147), Münster 2023, Aschendorff, 560 Seiten


Rezensiert von Britta Kägler
In: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte
Erschienen am 06.05.2026

Die frühneuzeitliche Leichenpredigt zählt zu den besser erforschten Gattungen des religiösen Schrifttums der Frühen Neuzeit und sowohl protestantische als auch katholische Leichenpredigten wurden in den letzten Jahrzehnten verstärkt für die Forschung erschlossen und ausgewertet. Für den bayerischen Raum sei hier explizit auf Georg Schrotts Dissertation zur Leichenpredigt für bayerische Prälaten der Barock- und Aufklärungszeit von 2012 verwiesen. Hinzu kamen in den letzten Jahren allerdings neben geschichts- und literaturwissenschaftlichen Aufsätzen (u.a. Eva-Maria Dickhaut, Leichenpredigten als Medien der Erinnerungskultur im europäischen Kontext, Stuttgart 2014; Mechthild Habermann, Textmuster in protestantischen Leichenpredigten des frühen und späten 17. Jahrhunderts, Berlin 2023, S. 361–394) auch zentrale Monographien (Sarah Lehmann, Jrdische Pilgrimschafft und Himmlische Burgerschafft. Leid und Trost in frühneuzeitlichen Leichenpredigten, Göttingen 2019). Trotzdem ist das Potential von Leichenpredigten als Quelle politischer Normvermittlung und herrschaftlicher Selbstdarstellung noch keineswegs ausgeschöpft – insbesondere dann, wenn der analytische Blick nicht auf biographische Einzelinformationen, sondern auf kollektive Idealbilder (S. 21) gerichtet wird. Inwiefern die in der Forschung bislang noch wenig systematisch ausgewerteten katholischen Leichenpredigten für die geistlichen Reichsfürsten des Alten Reiches erhebliche Aussagekraft für die Rekonstruktion von Herrschaftsidealen besitzen, macht die Dissertation von Jan Turinski eindrücklich deutlich. Die 2023 erschienene Studie widmet sich den Leichenpredigten, die im Zeitraum zwischen dem Westfälischen Frieden und der Säkularisation für die geistlichen Kurfürsten der Germania Sacra verfasst wurden, betont deren Quellenwert gerade auch für die Geschichtswissenschaften und setzt sich in der Einleitung noch einmal deutlich von älteren Forschungen ab (Fritz Michel, Die Anfänge des Coblenzer Buch- und Zeitungsdruckes, in: Rheinische Heimatblätter 2 [1925], S. 262–266; Philippine Casarotto, „Plumer le coq gaulois“. Éloge du prince, guerre des images et stratégies médiatiques dans les oraisons funèbres et les catafalques éphémères en l’honneur de Léopold Ier († 1705) et Joseph Ier de Habsbourg († 1711), dans l’Empire et les territoires de la Maison d’Autriche, in: Études Epistémé 38 [2020], journals.openedition.org/episteme/9111).

Turinskis zentrales Erkenntnisinteresse geht über die individuellen Biographien der 23 untersuchten Kurfürsten, für die insgesamt rund 60 Predigten vorliegen, hinaus. Vielmehr fragt er nach dem zugrundeliegenden Idealbild kurerzbischöflicher Herrschaft und dessen diskursiven Varianten (S. 191 ff.). Gegenstand der Analyse sind damit die in den Predigten konstruierten und kommunizierten Leitbilder, die das Amt und seine Träger legitimierten. Diesen Perspektivwechsel von der Biographik zur Diskursanalyse begründet Turinski in seiner Einleitung zunächst methodisch, bevor er die Quellengrundlage, nämlich das Korpus katholischer Funeralsermone als dezidiert „panegyrische Verherrlichung des Verstorbenen“ vorstellt und sie im Rahmen eines gruppenbiographischen Verfahrens analysiert (S. 19; 23–46). Methodisch verknüpft die Studie dabei diskurs- und ideengeschichtliche Ansätze mit Elementen der Kommunikations- und Zeremonialforschung – eine Verbindung, die dem Charakter der Leichenpredigt als zugleich normativem und performativem Text entspricht.

Der Aufbau der Studie folgt dem zugrundegelegten Analysemodell: Vom quellenkundlichen Zusammenhang über die Funktionsanalyse des Trauerzeremonials führt der Weg zur inhaltlichen Auswertung der Predigttexte und schließlich zum Hauptteil mit der (Re-)Konstruktion eines kurerzbischöflichen Idealbilds (S. 191–400). Ein besonderes Verdienst der Studie liegt in der Analyse der Mehrschichtigkeit frühneuzeitlicher Leichenpredigten. Turinski arbeitet heraus, dass sie mehrere einander ergänzende Funktionen erfüllten, die sich analytisch unterscheiden, in den Texten selbst aber kaum voneinander getrennt werden können. Als Memorialtexte dienten Leichenpredigten primär der Erinnerungskonstruktion und einer posthumen Legitimation: Sie schufen ein „Leitbild“ – so Turinski – des Verstorbenen und stabilisierten sowohl die institutionelle als auch die idealerweise dynastische Kontinuität der geistlichen Herrschaft über den Tod des jeweiligen Kurfürsten hinaus. Als politisch-kommunikative Instrumente vermittelten sie zugleich Herrschaftsideale an ein Publikum, das weit über den engeren Hofkreis hinausreichte; ihr Adressat war nicht die versammelte Hofgesellschaft beim Exequienritual, sondern – über die in aller Regel erfolgte Drucklegung – eine breitere gebildete Öffentlichkeit. Als theologisch-didaktische Texte schließlich präsentierten sie Tugendmodelle und stärkten die konfessionelle Identität der Gläubigen (Kap. 5.4: Der Kurerzbischof als Bischof). Turinski zeigt auf, inwiefern „der Kurfürsterzbischof“ in den Leichenpredigten als integrative Figur dargestellt wird, die verschiedene Rollenanforderungen erfüllt: Er ist geistlicher Hirte und weltlicher Landesherr, Repräsentant der Kirche und Garant von Ordnung und Frieden, frommer Christ und politischer Akteur. Diese Rollenvielheit ist nicht als Widerspruch, sondern als komplementäres Herrschaftsmodell konzipiert. Der gute Fürst ist in diesem Deutungsrahmen genau dann ein guter Bischof, wenn er beide Dimensionen seines Amts – die geistliche wie die weltliche – gleichermaßen ausfüllt. In Turinskis Studie wird deutlich, dass dieses kurerzbischöfliche Idealbild über den gesamten Zeitraum von eineinhalb Jahrhunderten weitgehend unverändert bleibt, zugleich aber zeitspezifische Akzentverschiebungen aufweist. Die Phase konfessioneller Konsolidierung nach dem Westfälischen Frieden ist von anderen normativen Akzentuierungen geprägt als die Epoche der Aufklärungstheologie am Ende des 18. Jahrhunderts.

Zu den analytisch innovativsten Abschnitten der Arbeit zählt die Bewertung der allgegenwärtigen frühneuzeitlichen Baupolitik in den Leichenpredigten (Kap. 5.3.2: Das Bauwesen als kurerzbischöfliches Betätigungsfeld). Turinski zeigt überzeugend, dass Bauaktivitäten in der Predigtliteratur zu den wichtigsten Kriterien für die posthume Beurteilung eines Fürsten gehörten, und dass ihre Bedeutung weit über den reinen Bauanlass oder ökonomische Aspekte hinausreicht. Vielmehr erscheint Baupolitik hier im Einklang mit anderen Studien zum barocken Bauen als ein Feld, das in besonderer Dichte die verschiedenen Dimensionen des Herrschaftsideals – religiöse, politische, memoriale – in sich vereint. Die Studie unterscheidet dabei systematisch zwischen weltlichem und geistlichem Bauwesen und analysiert beide im Hinblick auf ihren symbolischen Gehalt. Das weltliche Bauwesen – Residenzanlagen, Verwaltungsgebäude, aber auch Infrastrukturmaßnahmen – erscheint in den Predigten als Ausdruck legitimer Herrschaft und territorialer Ordnung, als sichtbarer Beweis politischer Stabilität und fürstlicher Fürsorge für das gemeine Wohl. Bauleistungen werden nicht als Ausdruck persönlicher Repräsentationslust dargestellt, sondern als Erfüllung einer Herrschaftspflicht: Der gute Fürst baut, weil er für seine Untertanen sorgt, weil er das Land in einem geordneten Zustand hinterlässt und weil er damit Zeugnis seiner Regentschaft für die Nachwelt ablegt. Das weltliche Bauwerk wird in diesem Rahmen zum materiellen Argument für die Qualität des Regenten (S. 238–244). Noch deutlicher tritt diese Bewertungslogik beim geistlichen Bauwesen hervor: Kirchen- und Klosterbauten, aber auch Priesterseminare gelten in den Predigten als paradigmatische Herrschaftsverdienste (S. 238). Sie bezeugen die persönliche Frömmigkeit des Verstorbenen, stärken die konfessionelle Identität des Territoriums und sichern die institutionelle Kontinuität der Kirche. Bauprojekte werden dabei häufig als sichtbare Zeichen göttlicher Ordnung gedeutet – eine Deutung, die das Bauwerk zum materiellen Ausdruck einer transzendent begründeten Herrschaftsordnung erhebt und dem Bauherrn eine quasi-sakrale Handlungsqualität zuweist. Das geistliche Bauwerk erscheint damit nicht allein als frommer Stiftungsakt, sondern ein Medium der Herrschaftslegitimation: Der Fürst, der Kirchen baut, handelt gewissermaßen als Vollstrecker göttlichen Willens auf Erden (S. 244–250). Insbesondere die Qualität dieser Analyse liegt nicht zuletzt darin, dass Turinski die Baubezüge konsequent in den übergreifenden Interpretationsrahmen einbettet und nicht als isoliertes Thema behandelt. Baupolitik ist daher kein Nebenmotiv der Leichenpredigten, sondern ein zentrales Element des kurerzbischöflichen Idealbilds – und als solches gibt sie Aufschluss über die normativen Grundlagen frühneuzeitlicher Herrschaftskultur insgesamt. Wer sich für die Geschichte des frühneuzeitlichen Kirchenbaus oder der residenzstädtischen Bautätigkeit an den kurfürstlichen Höfen interessiert, wird in der Studie wichtige Anregungen finden.

Insgesamt hat Turinski mit seiner Dissertation einen methodisch fundierten, quellengesättigten und inhaltlich ertragreichen Beitrag zur frühneuzeitlichen Kulturgeschichte vorgelegt. Für die Erforschung der Reichskirche im 17./18. Jahrhundert, für die Geschichte (kur-)fürstlichen Selbstverständnisses und für die Sepulkralkulturforschung bietet die Studie neue Ergebnisse und vielfältige Anknüpfungspunkte. Dass die materielle Dimension der Sepulkralkultur – allen voran die Grabdenkmäler selbst, aber auch Exequienausstattungen und architektonische Kontexte der Beisetzungsfeierlichkeiten – im Gegensatz zur Textgrundlage der Predigten weniger systematisch einbezogen wird, obwohl „Leichenpredigten“ und „Trauerzeremoniell“ im Titel gleichrangig nebeneinanderstehen, mindert den grundlegenden Erkenntniswert der Arbeit nicht wesentlich. Schließlich wäre an einigen Stellen eine straffere Darstellung wünschenswert gewesen; so werden einzelne Beobachtungen im Verlauf der Studie mehrfach variiert, ohne dass damit zur analytischen Schärfung beigetragen wird.

Schreibt ein Zeitgenosse 1774 nach den Exequien für den verstorbenen Mainzer Kurfürst: „Eben komme ich aus der Leichenrede des höchstseeligen Churfürsten und habe nun kaum noch eine halbe stunde bis zum abgang der post. […] Heute um 9 Uhr fing die Leichenpredigt an; der Beichtvater des Höchstseligen hielt sie, und ich mus(sic!) sagen, daß er sich mit Ehren aus dieser critischen Lage gezogen hat“ (S. 23), so lässt sich zur Studie von Jan Turinski festhalten, dass sich der Verfasser angesichts des breiten Quellenmaterials ebenfalls mit Ehren aus der anspruchsvollen Lage gezogen hat und seiner Studie viele Leserinnen und Leser zu wünschen sind; auch wenn ein Personenregister leider fehlt.