Aktuelle Rezensionen
Louisa Mathes
Von Erwählten zu Unerwünschten. Die Verdrängung der als „nichtarisch“ oder „jüdisch versippt“ verfolgten Mitglieder aus der Bayerischen Akademie der Wissenschaften nach 1933
Regensburg 2026, Verlag Friedrich Pustet, 238 Seiten, 34 Abbildungen
Rezensiert von Stephan Deutinger
In: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte
Erschienen am 11.05.2026
Die Bayerische Akademie der Wissenschaften schließt sich in letzter Zeit dem allgemeinen Trend in den deutschen Forschungsorganisationen an und widmet sich verstärkt ihrer Geschichte unter der Herrschaft des Nationalsozialismus. Ein zentraler Prüfstein ist hier der Umgang mit ihren jüdischen Mitgliedern, der in einer allein auf „wissenschaftliche Tätigkeit und Forschung“ verpflichteten Gelehrtengemeinschaft überhaupt kein relevanter Gesichtspunkt hätte sein dürfen (Organisationsverordnung vom 18. Juli 1923). Durch die „staatliche Fürsorge“, der sie unterstellt war, unterlag jedoch auch die Akademie den Bedingungen einer totalitären, den Antisemitismus zum zentralen Programm erhebenden Diktatur. Wie die Akademie diesen Konflikt löste, ist grundsätzlich seit langem bekannt: Sie trennte sich von ihren jüdischen Mitgliedern und Mitarbeitern und gab so um den Preis ihres Fortbestandes das Ideal der alle Grenzen von Stand oder Herkunft überwölbenden Gelehrtenrepublik auf.
Die Vorgänge um diese systematisch von 1938 an betriebene Trennung bilden den Gegenstand des von der Akademie getragenen Buches, das aus einer Münchener Masterarbeit im Fach „Jüdische Geschichte und Kultur“ hervorgegangen ist. Auf der Grundlage von zwei „Verdrängungslisten“ – einem Schreiben des Akademiepräsidenten Karl Alexander von Müller an das Kultusministerium vom 22. September 1938 und einem Schreiben des Kultusstaatsekretärs Ernst Boepple an das Reichserziehungsministerium vom 22. Juni 1939 – wird für die darin genannten „nichtarischen“ oder „jüdisch versippten“ Personen akribisch aus allen erreichbaren gedruckten und ungedruckten Quellen der Prozeß ihrer Verdrängung rekonstruiert, die bei den ordentlichen Mitgliedern im Regelfall durch einen „freiwilligen“ Austritt, bei den korrespondierenden Mitgliedern durch Streichung aus dem Mitgliederverzeichnis erreicht wurde. Auf anderer Quellengrundlage wird zudem das Ausscheiden der wissenschaftlichen Mitarbeiter aus derselben Personengruppe dokumentiert. Insgesamt erhalten 25 „von Verdrängung betroffene“ Mitglieder und acht Mitarbeiter eine Würdigung in biographischen Porträts, in denen in aller Kürze ihre Persönlichkeit und um so detaillierter ihr Verhältnis zur Akademie geschildert wird. Das Buch leistet damit einen wesentlichen Beitrag zum Gesamtbild der jüngeren Akademiegeschichte und zur bayerischen Wissenschaftsgeschichte insgesamt.
Die hohe Zahl der betroffenen Gelehrten und Wissenschaftler wird den informierten Leser freilich zunächst überraschen. Man muß jedoch genau lesen und sich bewußt machen, daß dem von der Autorin für die von ihr untersuchte Personengruppe geschaffenen Terminus „von Verdrängung betroffen“ in fast der Hälfte der Fälle keine tatsächliche Verdrängung entspricht:
Der Historiker Robert Davidsohn und der Philosoph Edmund Husserl, beide Korrespondierende Mitglieder im Inland, konnten aus dem einfachen Grund nicht wirklich „verdrängt“ werden, weil sie bereits im Herbst 1937 bzw. im Frühjahr 1938 verstorben waren. Der Polarforscher Erich von Drygalski stand unter dem besonderen Schutz des „Stellvertreters des Führers“ und gehörte der Akademie als ordentliches Mitglied ununterbrochen bis zu seinem Tod an. Der Anglist Max Förster, ebenfalls ordentliches Mitglied, wurde zwar von der Münchener Universität, nicht aber von der Akademie behelligt.
Bei den Korrespondierenden Mitgliedern im Ausland ist überlieferungsbedingt der Nachweis nicht zu führen, daß sie tatsächlich Opfer einer Verdrängung wurden, die nur darin hätte bestehen können, daß ihr Name aus dem Mitgliederverzeichnis gestrichen wurde. Der tatsächliche Mitgliedsstatus des Physikers Niels Bohr und seines weniger bekannten Bruders, des Mathematikers Harald Bohr, des Zoologen Richard Goldschmidt und des Genetikers Thomas H. Morgan ist deshalb nach heutigem Kenntnisstand offen. Daß der Name des Biochemikers Phoebus Levene, der bereits 1940 verstarb, je aus der Mitgliederliste gestrichen wurde, bezeichnet die Autorin selbst als „unwahrscheinlich“ (S. 161). Der Physiker Robert Emden starb ebenfalls 1940 „vor einer möglichen Verdrängung“ (S. 155). Die irrtümliche Streichung der Klassischen Philologin Medea Norsa wurde 1942/43 wieder rückgängig gemacht.
Von 25 Akademiemitgliedern, die als „von der Verdrängung betroffen“ bezeichnet werden, sind demnach zwei in jedem Fall aus dem Kreis der tatsächlich Verdrängten auszuscheiden, drei kommen todeshalber nicht in Frage, bei einem bestand die Diskriminierung allenfalls vorübergehend, bei einem ist die Verdrängung unwahrscheinlich, bei weiteren vier ist sie aktenmäßig nicht zu belegen.
Genau hinschauen muß man auch bei den wissenschaftlichen Mitarbeitern und den nicht zur Akademie selbst gehörenden Kommissionsmitgliedern. Die Tätigkeit von Otto Skutsch, Hans Julius Wolff und Charles Oscar Brink beim Thesaurus linguae Latinae endete mit dem Ablauf ihrer Rockefeller-Stipendien im November 1934, September 1935 und März 1938. Zweifellos diskriminiert wegen seiner Ehe mit einer „Halbjüdin“, aber keineswegs „verdrängt“ aus der Kommission für bayerische Landesgeschichte wurde der pensionierte Staatsarchivdirektor Ivo Striedinger. Er blieb wie seit 1929 ihr außerordentliches Mitglied, auch wenn das Kultusministerium die laut Kommissionssatzung von 1927 notwendige Bestätigung der Wahl zum ordentlichen Mitglied 1939 versagte, was während der NS-Zeit übrigens auch bei weiteren Kandidaten, wenn auch aus anderen Gründen, der Fall war. Der Austritt dieses freien Geistes im Jahr 1943 wenige Monate vor seinem Tod erfolgte nach allem, was man heute weiß, nicht auf Grund äußeren Druckes.
Genausowenig „verdrängt“ wurde der Historiker Helmut Weigel. Ganz im Gegenteil sicherte ihm die Historische Kommission noch bis 1964 durch seine Beschäftigung bei der Edition der Reichstagsakten das wirtschaftliche Überleben, nachdem der überzeugte frühe Nationalsozialist 1935/36 Opfer der von ihm selbst vertretenen menschenverachtenden Ideologie geworden und wegen seiner Ehe mit einer „Nicht-Arierin“ erst aus der NSDAP und dann aus der Universität Erlangen ausgeschlossen worden war.
Von acht „von Verdrängung betroffenen“ Mitarbeitern verbleiben somit zwei, die wirklich entlassen wurden, ein dritter wurde als Beamter vorzeitig in den Ruhestand versetzt. Da die „Verdrängung“ in vielen Fällen mit Fragezeichen zu versehen ist, könnte man auf den Gedanken kommen, den Band einfach als Gedenkbuch für die jüdischen oder als „jüdisch versippt“ diskriminierten Mitglieder und Mitarbeiter der Akademie aufzufassen. Dem steht aber einerseits mangelnde Vollständigkeit entgegen, denn etwa der durch seine Bienenforschungen berühmte Karl von Frisch fand keine Aufnahme, weil sein Fall bis zum Kriegsende vertagt worden war.
Auf der anderen Seite wird die Eignung als Gedächtniswerk empfindlich durch die Berücksichtigung Helmut Weigels gestört. Die „klare Abgrenzung zu den anderen als Opfer nationalsozialistischer Maßnahmen zu bezeichnenden Personen“ (S. 192), die das Buch selbst fordert, ist in seiner Anlage nur schwer zu erkennen. Daß Weigel zwar menschlichen Respekt für die Haltung gegenüber seiner Ehefrau verdient, aber keinerlei Anspruch auf das Gedenken einer Akademie und schon gar nicht der bayerischen erheben kann, offenbart ein Blick in seine Publikationen. Seine Bekenntnisschrift aus dem Jahr 1933, eine als „Chronik“ getarnte Jubelhymne auf die gewaltsame nationalsozialistische Machtübernahme in Bayern, schloß mit dem Passus: „Bayern, das Land Adolf Hitlers, hat sich nach langem Kampf voll und ganz auf seine Seite gestellt. Es gibt keine Mainlinie mehr, nicht einmal mehr den Wunsch nach ihr. Bayern hat nur einen Wunsch: seine Pflicht zu tun als deutsches Land im Dritten Reich. Ein neues Jahr tut sich auf. Wir gehen hinein: Deutsches Reich und Bayern, Sieg Heil!“ (Bayern im Dritten Reich, in: Das Bayerland 44, 1933, S. 705-760; auch als Separatdruck). Weigel lernte nach 1945 aus der Katastrophe des deutschen Nationalismus nichts dazu und bezeichnete es noch 1953 als sein wissenschaftliches Anliegen, „die Idee des Reiches zu bewahren auf den Tag, da, wie so manchmal in deutscher Geschichte, aus dem Bund wieder das Reich zur Wirklichkeit ersteht“ (Epochen der Geschichte Frankens, in: Mainfränkisches Jahrbuch 5, 1953, S. 1-30, hier 29).