Aktuelle Rezensionen
Regina Demiral
Die Welt im Klassenzimmer. Das Neue Realgymnasium in München 1918-1938
St. Ottilien 2025, EOS, 390 Seiten, zahlreiche Abbildungen
Rezensiert von Norbert Lehning
In: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte
Erschienen am 12.06.2026
Manchmal muss man im Leben einfach Glück haben. So z.B. wenn man als Historikerin auf einen bis dato unentdeckten Quellenbestand aufmerksam wird wie die Autorin auf die Schüler- und Personalakten des ehemaligen Neuen Realgymnasiums in München, dem heutigen Albert-Einstein-Gymnasium, weil für die zeitgemäße Verwaltung einer Schule die Registratur neu geordnet wird und plötzlich Bestände der Vorgängerschulen zu Tage treten, die als verschollen galten.
Zum Vorschein kamen circa 2000 Schülerakten, die neben rund 300 ausgewerteten Lehrerpersonalakten für den Zeitraum von 1918 bis 1938 die zentrale Grundlage der vorliegenden Arbeit bilden mit der Zielsetzung, die Umbrüche und Krisen der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts in Münchens Isarvorstadt auf einer schul- und sozialgeschichtlichen Ebene nachzuzeichnen. Die Besonderheit dieser Quellenlage, die sich damit in der Folge auch von den bekannten Schulchroniken unterscheidet, liegt darin, dass diese zum einen ursprünglich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war und zum anderen ein „Zufallsprodukt“ (S. 4) darstellt, das keinen Anspruch auf Homogenität, Vollständigkeit und Überprüfbarkeit erhebt. Darin liegt natürlich – wie auch beim klassischen Zeitzeugengespräch – eine nicht zu unterschätzende geschichtswissenschaftliche Problematik.
Die Studie ist damit in das breite Spektrum der Bildungsgeschichte einzuordnen, die seit geraumer Zeit lokale und regionale Bildungswelten stärker in den Blick nimmt und nicht zuletzt aufgrund der divergierenden Erkenntnisprozesse und vielfältigen methodischen Zugriffe ein sehr heterogenes Forschungsfeld darstellt. Methodisch verfolgt Demiral die Perspektive einer Schule und orientiert sich mit ihrem narrativen Zugang am „Ansatz einer Kulturgeschichte“ (S. 8), die auf die Methoden der Diskursanalyse und Sozialgeschichte zurückgreift, um die „Denkmuster im Sprachhandeln der Akteure“ (S. 7) und somit Schule als sozialen Ort zu erfassen. Der Zeitraum der Untersuchung von 1918 bis 1938 wird mit dem entdeckten Quellenbestand sowie äußeren und inneren schulgeschichtlichen Ereignissen, der Eröffnung der Schule 1918 und dem durch die Nationalsozialisten erwirkten Ausscheiden des Schulleiters 1937 sowie der Eingriffe durch die NS-Schulreform von 1938 begründet.
Inhaltlich lässt sich die Arbeit zweiteilen: So werden zunächst die bekannte Entwicklung des Realschulgedankens in Bayern mit der weltanschaulichen und langjährigen Streitfrage zwischen Realismus und Humanismus (verbunden mit der Berechtigungsfrage) bis zur Vereinheitlichung des höheren Schulwesens 1938 sowie die Rahmenbedingungen von schulpolitischen Entscheidungen nachgezeichnet. Des Weiteren werden der Standort des Neuen Realgymnasiums München sowie die Entstehungsbedingungen in der Isarvorstadt in den Blick genommen – ein Stadtbezirk, der als „Arbeitergegend, jüdisches Viertel und frühe NS-Hochburg“ (S. 45) eine doch recht widersprüchliche Entwicklung in sich birgt. Dabei werden auch einzelne Sozialprofile und Lebenswege der Mitglieder der Schulfamilie, insbesondere der Schulleiter, untersucht, um das soziale Milieu der neuen Schule näher zu erfassen. Für diese Zielsetzung werden zudem soziologische Merkmale der handelnden Akteure wie Herkunft, Berufszugehörigkeit, Alter oder Konfession betrachtet, die in drei Querschnitten aus den Schuljahren 1918/19, 1928/29, 1938/39 – begründet mit der in der Regel maximalen Verweildauer eines Schülers von 10 Jahren am Realgymnasium – präsentiert werden. An dieser Stelle wäre für den rund 20-jährigen Untersuchungszeitraum eine jährliche Statistik sehr wünschenswert gewesen, um z.B. den interessanten Befund der sinkenden Anzahl jüdischer Schüler, die zunächst einen sehr hohen Anteil am Neuen Realgymnasium hatten, präziser erfassen zu können und auch für künftige Studien eine durchgehende Vergleichsoption zu bieten.
Der zweite Teil, der klar als Schwerpunkt der Arbeit zu sehen ist, widmet sich unter dem Aspekt „Diskurse und Praktiken“ der Untersuchung des kommunikativen Handelns der Schulgemeinschaft, um die Entwicklung der Schulgemeinschaft im Inneren sowie Denkmuster und Mentalitäten in dieser historischen Umbruchszeit zu eruieren. Dabei werden innerschulische Handlungsfelder wie die Frage nach den Erziehungszielen oder Krankheitsdiskurse herangezogen oder der Umgang mit dem nationalen Empfinden untersucht. Selbstgestecktes Ziel der Autorin ist es, Divergenzen und Konvergenzen der Akteure der Schulgemeinschaft zu erfassen. Leider spiegeln die Schulakten jedoch meist nur eine Sichtweise wider, so dass die Prozesse, in denen sich die Akteure aufeinander zubewegen oder eben voneinander weg nicht immer deutlich werden. Die hierbei formulierten Vermutungen oder wiederholt gestellten rhetorisch-didaktischen bzw. gelegentlich auch suggestiven Fragen können nicht immer darüber hinwegtäuschen (vgl. z.B. S. 137). Überhaupt wäre sprachlich-stilistisch gelegentlich eine etwas kritischere Distanz wünschenswert (vgl. z.B. S. 84). Das gehaltvollste Kapitel der Arbeit widmet sich der Frage nach dem Zusammenspiel von Schulalltag und Gewalterfahrung. Hier gestattet uns die Autorin durch die unterschiedlichen Versionen eines Protokolls einer Lehrerratssitzung exemplarisch eine Teilhabe am Diskurs der Zeit (vgl. S. 292) und damit einen Blick ins Klassenzimmer, auch wenn aufgrund der vorliegenden Aktenlage nicht final geklärt werden kann, ob Gewalt nun zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Schulalltag eine „schleichende Normalisierung“ erfuhr oder ob sie überhaupt eine „Abweichung von der Norm“ (S. 294) bedeutete. In ihrem Schlussgedanken kann sie aber sicherlich folgerichtig formulieren, dass „die politische Sozialisation einer Gesellschaft auch von der Erfahrung […] in der Schulzeit abhängt“ (S. 297).
Demiral stellt in der Einleitung die Frage, ob man mit Schulgeschichte die Welt erklären könne. Diese sehr weite Frage bleibt zwar am Ende bei der Konzentration auf eine Schule, das Neue Realgymnasium München, offen, aber wenn den Schulhistorikern das Glück erneut hold ist, finden sich hoffentlich noch weitere Aktenbestände ähnlichen Zuschnitts, so dass stärker mit Vergleichen gearbeitet werden kann, die uns die Wechselwirkung zwischen Außenwelt und Klassenzimmer näherbringen. Und vielleicht muss man dem Glück gelegentlich auch etwas stärker auf die Sprünge helfen und den Schulen in Bayern die Beschäftigung mit der eigenen Geschichte noch näher ans Herz legen – nicht nur, wenn es um die Suche nach berühmten Persönlichkeiten unter den Schulabgängern geht. Ein Blick in die Altregistratur könnte, wie dank der Autorin geschehen, helfen.