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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Aktuelle Rezensionen


Marco Hedler (Hg.)

Südsee & Mehr. Einsichten – Aussichten – Denkanstöße. Festschrift für Hermann J. Hiery

(Quellen und Forschungen zur Südsee. Reihe B: Forschungen 13), Wiesbaden 2024, Harrassowitz, 347 Seiten


Rezensiert von Alois Maderspacher
In: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte
Erschienen am 12.06.2026

Auch wenn Kolonialgeschichte heute zum Standardrepertoire Historischer Seminare gehört, so werden die deutschen Kolonien in der Südsee noch immer eher am Rande behandelt. 1884 wurde Kaiser-Wilhelm-Land (heute Papua-Neuguinea) deutsches „Schutzgebiet“, 1885 die Salomonen und die Marshallinseln. 1899 kamen die Karolinen, Palau und die Marianen, 1900 Samoa hinzu. Der Bayreuther Emeritus Hermann J. Hiery hatte schon in den 1980er und 1990er Jahren seinen großen Forschungsschwerpunkt auf der Geschichte dieser Region und war damit seiner Zeit voraus. Eine zweibändige Festschrift, die Marco Hedler 2024 und 2025 herausgab, würdigt nun seine akademischen Verdienste als Forscher und Lehrer. Der erste Band wird hier besprochen. Er bietet hauptsächlich einen weitgefassten Überblick zu missions-, wirtschafts- und kulturgeschichtlichen Aspekten der Kolonialgeschichte der Südsee.

Der Sammelband setzt sich aus 21 Beiträgen zu unterschiedlichen Themenbereichen zusammen. Wie bei Festschriften üblich, ist die Qualität der Kapitel zum Teil sehr unterschiedlich. Mit wenigen Ausnahmen ist die inhaltliche Ausrichtung auf die ehemals deutsche Südseeregion von vor der kolonialen Inbesitznahme bis in die 1960er Jahre angelegt. Bisweilen wird auch die Kolonialzeit in Afrika vergleichend herangezogen. Der Beitrag zur Berliner Afrika-Konferenz 1884 bis 1885 von Gerd Hardach bietet eine hervorragende Zusammenfassung des Forschungsstandes und ist gleichzeitig ein gut lesbarer Einstieg in das Thema „scramble for Africa“ (S. 27-44). Er eignet sich als gute Lektüre für Studierende und Lehrende gleichermaßen.

Hierys Forschungsansatz eines „pragmatischen, quellenbasierte[n] wissenschaftliche[n] Arbeiten[s]“ (S. V) trägt auch die Beiträge des Bandes. Hervorzuheben ist zudem der Fokus auf die vielen und vielfältigen deutschsprachigen Quellen, die in der internationalen Geschichtswissenschaft mangels Sprachbarrieren oft nicht berücksichtigt werden, wie Ulrich von der Heyden bemängelt (S. 6 f.). Angemerkt sei aber, dass zum Beispiel die Arbeiten des anglo-amerikanischen Historikers Paul Kennedy dies bereits in den 1970er taten, als er den Wettlauf Großbritanniens und Deutschlands (sowie Amerikas) in der Südsee beschrieb.

Im Sammelband geht es primär um die Akteure „on the spot“ und den kolonialen Alltag. Dabei wird im Gegensatz zu den oft mit zu großen Linien gezeichneten Historiographien deutlich, wie vielschichtig und auch widersprüchlich der koloniale Kontakt war. Großhändler wie Johann Karl Vietor, die vom kolonialen Handel immens profitierten, setzten sich gleichzeitig für ein Verbot des Branntweinimports in die Kolonien ein (Bernhard Olpen, S. 45-64). Auch zeigt sich eine bedingte Schwäche kolonialer Herrschaft im Alltag wie der Beitrag von Jürgen Kilian belegt, als Kolonialbeamte versuchten, „durch ein partielles Aufgreifen einiger den Indigenen geläufigen Praktiken […] die Akzeptanz der kolonialen Verwaltung zu erhöhen und damit deren Wirkungsweisen trotz […] personelle[r] wie materielle[r] Defizite zu steigern“ (S. 81). Ebenso deutet die Beständigkeit von Geheimbünden im Bismarck-Archipel auf die agency der Kolonisierten und die Grenzen kolonialer Herrschaft (Simon Haberberger, S. 105-128) hin.

Die christliche Missionsarbeit wird in den Beiträgen zumeist günstig bewertet. Bisweilen verstehen sie sich als Kontrapunkt zu einer allzu missionskritischen Literatur, denn darin werden oft „die als positiv zu wertendenden Leistungen der Mission verschwiegen“ (Marcus Mühlnikel, S. 87). Eine kritische Betrachtung der Missionsarbeit, die durchaus ein Teil – wenn auch oft nur mittelbar – kolonialer Herrschaftsstruktur war, wird meist der Vollständigkeit halber nur angedeutet. Doch zielt Missionierung eben letztlich auf eine „Veränderung und nicht Erhaltung kultureller Identitäten“ (Markus Schindlbeck, S. 221). Und die Absicht war durchaus, „in vielerlei Hinsicht eine ‚Umwertung‘ tradierter Normen herbeizuführen“ (Simon Haberberger, S. 108).

Koloniale Gewalt kommt im Band bedauerlicherweise nicht wirklich zur Sprache. Die Zwangsarbeit auf den Plantagen oder die berüchtigten Strafexpeditionen des Gouverneurs Rudolf von Bennigsen sowie die gewaltsame Niederschlagung von Aufständen (z.B. Sokehs-Aufstand 1910/11) finden keine Beachtung. Auch eine pragmatische Geschichtsschreibung, die sich nicht durch die Deutungsmuster herrschender Schulen einengen lassen will, bedarf am Ende doch eines echten sine ira et studio, das auch die negativen Seiten darlegt. Es empfiehlt sich daher, die Beiträge nur als eine Seite des Kolonialismus zu lesen und die Lektüre unbedingt um die andere Seite, nämlich die der kolonialen Gewalt, zu ergänzen, um ein vollständiges Bild der Zeit zu erhalten.

Der Band betrachtet noch weitere Aspekte kolonialer Herrschaft: Ethnologie, Geographie, Völkerschauen. Exotismus und Abenteuerlust stehen im Fokus der Beiträge zu Kolonialromanen, Postkarten und Reklame. Auch diese kommen zu Ergebnissen, welche die kolonialismuskritische Forschung ergänzen. In den deutschen Kolonialromanen, welche in der Südsee spielen (und nicht wie die bekannteren in Afrika) zeigt sich durchaus eine liberale Gesinnung anstatt des vermuteten konservativen Untertanengeistes (Andre Rank, S. 155 f.). Zu erwähnen sind auch die Blicke auf Handlungen der nicht-deutschen Akteure, wie die der Japaner als Besatzer Neuguineas während des Zweiten Weltkrieges (Paul B. Steffen, S. 239-256) oder die der Briten auf Fidschi 1961 während einer militärischen Rekrutierungskampagne (Dominik Schieder, S. 325-342).

Zusammengenommen eignet sich das Buch nicht unbedingt für einen direkten Einstieg in die Zeit der deutschen Kolonialherrschaft im Pazifik – was auch nicht sein Ziel ist. Es bedarf hier durchaus etwas Vorwissens. Ein Überblick über die koloniale Inbesitznahme der Südsee durch die Europäer wäre zur Einordnung der einzelnen Beiträge hilfreicher gewesen, als der zur Berliner Afrika-Konferenz. Wertvoll ist die Analyse der Akteure „on the spot“ und die unvoreingenommene Herangehensweise der Autoren, welche die oft zu einseitig-kritische Kolonialgeschichtsschreibung, die ihre Blicke einzig auf die negativen Aspekte lenkt, ergänzt. Gleichwohl: Wer ein wirklich kritisches Urteil über die deutsche Kolonialherrschaft sucht, muss woanders suchen.