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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Aktuelle Rezensionen


Olaf Blaschke/Guido Hitze/Manfred Körber (Hg.)

Gefährdete Demokratie. Rechtskatholizismus in der Weimarer Republik

(Forschungen zur Regionalgeschichte 90), Paderborn 2024, Brill, 379 Seiten


Rezensiert von Martin Hille
In: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte
Erschienen am 19.06.2026

Als Dauerbrenner der Geschichtswissenschaft ist das Ende der Weimarer Republik heute so aktuell wie nie. Nicht nur angesichts des phönixhaften Aufstiegs der rechtsradikalen AFD und der zunehmenden Fragilität des deutschen Regierungssystems drängen sich historische Analogien zum dramatischen Handlungsgeflecht der Jahre 1929 bis 1933 auf. Auch das politische Klima ist in den letzten Jahren rauer geworden. Besorgte Gemüter stellen sogar die Frage nach einer Wiederholung des Schicksals der ersten deutschen Demokratie, eine Frage, die sehr gut vereinbar ist mit dem Grundansatz des vorliegenden Sammelbandes. Hervorgegangen aus Vorträgen einer Münsteraner Tagung vom Mai 2022, zieht sich der rote Faden entlang der Leitfrage „nach dem Anteil des Rechtskatholizismus am Untergang der ersten deutschen Demokratie“. Mit der Wahl der regionalen Schwerpunkte Rheinland und Westfalen sowie Schlesien setzt der Band eindeutig ,preußischeʼ Akzente, schlägt aber auch Brücken nach England und Österreich. Berücksichtigt wird die Zeitspanne vom späten Kaiserreich bis 1933, allen voran die Revolutions- und Umbruchsphase von 1917/21, dann die neue Aktivität rechtskatholischer Kreise um 1924/25 sowie schließlich die Phase der Auflösung und Zerstörung der Weimarer Republik 1929 bis 1933.

In Anschluss an den Einführungsteil widmen sich weitere Sektionen dem schillernden Begriff des „Rechtskatholizismus“, dem Verhältnis von Rechtskatholizismus und Amtskirche, den industriell-agrarischen Netzwerken des Rechtskatholizismus im Rheinland und in Westfalen sowie den dazugehörigen Diskursen in überregionaler und transnationaler Perspektive. Der Kreis schließt sich mit der Sektion „Gegenwartsperspektiven“, die neben „rechtspopulistischen Radikalisierungen im konservativ-katholischen Milieu der Bundesrepublik“ aktuelle fundamentalistische Strömungen in diesem Umfeld thematisiert.

Jeder Beitrag setzt seine individuellen Akzente. Keine Ausnahme bildet die Einleitung samt Forschungsüberblick von Olaf Blaschke, die eine gewisse Affinität zur mittlerweile stark in Frage gestellten Sonderwegsthese aufweist. Die Sonderwegsthese suggeriert, dass es so etwas wie ein westeuropäisches Modell für den Weg zur modernen Demokratie gegeben habe, dem Deutschland im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts weitgehend nicht gefolgt sei. Stattdessen habe sich eine politisch-soziale Sonderentwicklung abgezeichnet, die wiederum als langfristige Mitursache für die Schwäche der Republik von Weimar und ihres Scheiterns 1933 anzusehen sei. Nicht von ungefähr bemüht Blaschke bei seiner Erörterung der kurz-, mittel- und langfristigen Erklärungsmodelle für den Untergang der ersten deutschen Demokratie bevorzugt exponierte Verteidiger der Sonderwegsthese wie Hans-Ulrich Wehler, Eckhart Conze oder Heinrich-August Winkler (S. 7 f.). Vor diesem Hintergrund schätzt er den Beitrag der Rechtskatholiken zum Untergang des Weimarer Staates als hoch ein, ja qualifiziert diese sogar als „Totengräber der Republik“ (S. 54). Mit dieser Einschätzung folgt Blaschke nicht unbedingt den bevorzugten Perspektiven der neueren Forschung. Gerade mit Blick auf die rasch wechselnden sozio-politischen Konstellationen und Figurationen der Weimarer Republik unterstreicht diese immer wieder die Offenheit der Entwicklungen: Entwicklungen, die sich nicht so ohne weiteres in das Schema linearer Untergangsnarrative und ihrer Fixierung auf den 30. Januar 1933 fügen.

Ein besonderes Augenmerk richtet der Sammelband auf den Begriff des „Rechtskatholizismus“, ein Kompositum, das zunächst im Zeichen des Aufbruchs von 1968 Karriere machte, ehe es sich ab den 1980er Jahren als seriöser Terminus technicus der Geschichtswissenschaft etablierte. Nicht weniger als drei Beiträge widmen sich der Definition und Abgrenzung der Fremdbezeichnung „Rechtskatholiken“ respektive „Rechtskatholizismus“. Ganz vorne steht der Aufsatz von Christoph Hübner, der 2014 die wegweisende Studie „Die Rechtskatholiken, die Zentrumspartei und die katholische Kirche bis zum Reichskonkordat von 1933“ vorlegte. Hübner fasst den Rechtskatholizismus weniger als festen Begriff, denn als politisch-soziales „Phänomen“ auf, das sich seit etwa 1900 aus der Opposition zur sogenannten „Kaplanokratie“ und zu den demokratie- und gewerkschaftsfreundlichen Tendenzen innerhalb der Zentrumspartei herausgebildet habe. Mit der Gründung der „Deutschen Vereinigung“ am 15. Januar 1908 in Köln habe es erstmals organisatorische Gestalt angenommen (S. 63), ohne damit das gesamte Spektrum rechter katholischer Strömungen abzubilden. Dafür teilten all diese Gruppierungen die mehr oder weniger deutliche Kritik an den Mobilisierungsstrategien des Zentrums unter maßgeblicher Mithilfe katholischer Geistlicher. Hübner sieht darin das „eigentliche rechtskatholische Argument“ (S. 62), das bis 1933 immer wieder aufs Neue bemüht wurde. Im Übrigen sei im Umfeld der „Deutschen Vereinigung“ von 1908 erstmals die Idee eines Reichskonkordats zur Ausschaltung der tonangebenden Zentrumsmehrheit aufgekommen, eine Linie, die Hübner bis zum Reichskonkordat mit dem Heiligen Stuhl vom 20. Juli 1933 zieht.

Schon an dieser Stelle schimmert durch, dass wir es beim Rechtskatholizismus weniger mit einem Gesamt-, als mit mehreren, teilweise disparaten Einzelphänomenen zu tun haben. Insofern erscheint es sinnvoller, von einem vielschichtigen Komplex aus integralistischen, reform- und nationalkatholischen Strömungen zu sprechen, der sich wiederum mit romantisch-katholischen Reichsvorstellungen sowie handfesten aristokratischen, schwerindustriellen und episkopalen Interessen vermengt. Und doch findet sich ein gemeinsamer Nenner, der sich in der grundsätzlichen Opposition zur Republik von Weimar und zum prodemokratischen Mehrheitskurs der Zentrumspartei manifestiert.

Ein weiterer Beitrag stammt von Gabriele Clemens, die bereits 1983 eine ausführliche Untersuchung über den prominenten Reformkatholiken und Sammlungspolitiker des späten Kaiserreichs und der Weimarer Republik, Martin Spahn, vorgelegt hat. Dieses Mal geht es um die Rolle Spahns innerhalb der Netzwerke des rheinisch-westfälischen Rechtskatholizismus, in denen katholische Aristokraten und Agrarlobbyisten und weniger Schwerindustrielle den Ton angaben. Später sollten – so Clemens – nicht wenige dieser Mitstreiter Spahns, der selbst 1933 der NSDAP beitrat, die politische Position des Zentrums nachhaltig schwächen und nationalsozialistisches Gedankengut in breite katholische Kreise hineintragen (S. 193). 

Mit dem Münchner katholischen Theologen und Kirchenhistoriker Klaus Unterburger, der übrigens im Autorenverzeichnis nicht auftaucht, stoßen wir auf den einzigen Referenten, der auch die bayerischen Verhältnisse der Jahre 1918 bis 1933 mitberücksichtigt. Sein Augenmerk richtet sich auf den päpstlichen Nuntius in München und späteren Kardinalstaatssekretär und Papst Eugenio Pacelli. Unterburger interessieren vornehmlich Pacellis Perspektiven auf die Politik des Zentrums sowie auf die Intrigen rechtskatholischer Kreise bei ihm und beim Papst gegen republiktreue Zentrumspolitiker. Die Online-Edition des Pacelli-Briefwechsels von 1917 bis 1929 liefert hierzu wichtige Erkenntnisse, wie unter anderem über die neutrale Einstellung des Nuntius zur „Ordnungszelle Bayern“ in den frühen 1920er Jahren. Den rechtskonservativen und konservativen bayerischen Regierungen seit Gustav Ritter von Kahr begegnete er dagegen mit offener Sympathie, wenngleich weniger aus politischen Motiven als in Hinblick auf die seit 1920 laufenden Verhandlungen über ein neues Konkordat Bayerns mit dem Heiligen Stuhl. „Hier boten die bayerischen Mehrheitsverhältnisse die Möglichkeit, viele der vatikanischen Ziele durchzusetzen, was in anderen Ländern oder auf Reichsebene unmöglich schien“, so eine der Feststellungen Unterburgers (S. 144 f.).

Abgesehen von diesen wenigen Streiflichtern des Rezensenten empfehlen sich auch die übrigen Beiträge zur Lektüre. Verfasst von kompetenten Autoren, liefern diese vielfältige Inspirationen für weitere Desiderate zu einem bislang noch zu wenig erschlossenen Forschungskomplex. Positiv hervorzuheben ist des Weiteren der transnationale Vergleichsansatz von nicht weniger als drei Beiträgen. Als gewisses Manko sticht dagegen eine tendenzielle Elitenfixierung der Autoren ins Auge, welche die Ausstrahlung des Rechtskatholizismus in die breite Bevölkerung weitgehend ausblendet. Das Beispiel Bayern, hier speziell Altbayerns, würde sich für einen solchen Ansatz besonders anbieten, genossen doch führende Repräsentanten eines dezidiert republikfeindlichen Katholizismus, wie etwa Kardinal Michael Faulhaber, durchweg hohe Popularität in der Bevölkerung.