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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Aktuelle Rezensionen


Jürgen Hillesheim

Lotte Lenya und Bertolt Brecht. Das wilde Leben zweier Aufsteiger

Darmstadt 2022, wbg Theiss, 304 Seiten, zahlreiche Abbildungen


Rezensiert von Klaus Wolf
In: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte
Erschienen am 19.06.2026

Das Buch bietet den erstmaligen Versuch, in einer Doppelbiographie zwei Lebensläufe zu kontextualisieren und parallel zu erzählen, die auf den ersten Blick nur wenig miteinander zu verbinden scheint. Zwar ist einer breiteren Öffentlichkeit Lotte Lenya (so ihr Künstlername statt Karoline Wilhelmine Blamauer) als geradezu legendäre Interpretin der Dreigroschenoper bekannt, aber die Verbindung zum Dichter Bert Brecht ist doch weit enger als die anderer Schauspielerinnen und Schauspieler. So verknüpften sich in der Realität und in der vorliegenden Doppelbiographie nicht nur die Lebensläufe von Bert Brecht (vgl. zu ihm neuerdings Stephen Parker, Bertolt Brecht. Eine Biographie, Suhrkamp Verlag 2026), Lotte Lenya und Kurt Weill, sondern die Sängerin teilt auch die Wiener Herkunft mit Helene Weigel, der kongenialen Mitautorin und Regisseurin von Brechts Werken. Es geht in der lebendig geschriebenen Monographie von Jürgen Hillesheim – auch wenn der Titel es zunächst zu suggerieren scheint und dies wohl werbetechnisch suggerieren will – aber keineswegs um das vor einigen Jahren skandalisierte Thema Brecht und die Frauen. Vermeintliche Plagiate Brechts zulasten der Frauen spielen in der künstlerischen Symbiose von Brecht und Lenya durchaus keine Rolle (vgl. dazu John Fuegi, Brecht & Co. Biographie, Europäische Verlags-Anstalt 1997). Es geht vielmehr um ein sich wechselseitig befruchtendes künstlerisches Milieu, zu dem auch Lenyas Mann Kurt Weill nicht wenig beitrug.

Die Erträge des Buchs lassen sich deshalb so in keiner der bisherigen Darstellungen zu Bert Brecht finden. Die in der Summe neuen Erkenntnisse speisen sich vielmehr aus intensivem Quellenstudium. Dies verwundert nicht, denn der Verfasser leitet die Forschungsstelle zu Bert Brecht an der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg. Dort wurden und werden wertvolle Archivalien und Lebenszeugnisse Bert Brechts gesammelt, inventarisiert und erforscht. Immer wieder trägt eine gezielte Erwerbungspolitik zum wachsenden Gewicht der Sammlung bei. Von daher bietet der Band erwartungsgemäß in vieler Hinsicht Neues.

Man erfährt nicht nur spannende Ergänzungen zum künstlerischen Netzwerk Bert Brechts und seinen Verfahrensweisen, die Kenntnisse und Fähigkeiten anderer für das eigene Werk produktiv abzuschöpfen. Beeindruckend bis berührend ist darüber hinaus die Nachzeichnung von Lotte Lenyas Aufstieg aus einfachsten Wiener Verhältnissen gepaart mit einem konsequenten Streben nach Aufstieg und Emanzipation. Exil und Emigration nach 1933 gehören ebenso zu den gemeinsamen Erfahrungen von Brecht und Lenya (vgl. zu Brecht im Exil Klaus Wolf, 1933. Bert Brecht – Dichter aus dem Land der Henker, in: Andreas Fahrmeir (Hg.), Deutschland. Globalgeschichte einer Nation, C.H. Beck 2020, 2., durchgesehene Auflage 2021, S. 581–585). Auch als Brechts und Lenyas Wege sich in der Nachkriegszeit trennten und der eine im Osten, die andere im Westen reüssierte, einte beide die Technik des von Hillesheim in den letzten Jahren für Brecht überzeugend herausgearbeiteten Lavierens (Vgl. Jürgen Hillesheim, Zwischen Affirmation und Verweigerung. Brecht und die Revolution, Königshausen & Neumann 2019). Und wenn die gegenwärtige Brechtforschung tendenziell immer noch zwischen den Extrembildern vom marxistischen Brecht gegen den lavierenden, eigentlich bürgerlichen Brecht schwankt, hält sich der Autor Hillesheim, obwohl sonst der Richtung eines bürgerlichen Brecht anhängend, in seinen Beurteilungen im Gesamtduktus der neuen Monographie zurück. Den Leser erwartet vielmehr eine nüchtern aus den Quellen erarbeitete Doppelbiographie. Diese bietet nicht nur für Germanisten inhaltlich immer wieder Überraschendes und Erhellendes und ist in ihrem flüssigen Schreibstil unbedingt lesenswert. Was Bayern anbelangt, so werden natürlich der Augsburger Bert Brecht und seine Beziehungen nach München und andernorts in Bayern (Marieluise Fleißer in Ingolstadt) immer wieder luzide gemacht. Nicht zu vergessen ist, dass der frühe Brecht in der Gestalt des Kaspar Pröckl im Münchenroman ,Erfolg‘ von Lion Feuchtwanger im dortigen Milieu der „Hauptstadt der Bewegung“ verortet wird. Nicht zuletzt im Blick auf die insgesamt nicht wenigen Bayernbezüge der Doppelbiographie ist die Lektüre unbedingt lohnend.