Aktuelle Rezensionen
Wolfgang Zimmermann/Olaf Siart/Marvin Gedigk (Hg.)
Die Klosterinsel Reichenau im Mittelalter. Geschichte – Kunst – Architektur
Regensburg, 2. Aufl. 2024, Schnell & Steiner, 352 Seiten, zahlreiche Abbildungen
Rezensiert von Mechthild Pörnbacher
In: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte
Erschienen am 01.07.2026
Mag auch das Jahr 724 als Gründungsdatum des Männerklosters auf der Bodenseeinsel nicht bis ins Letzte gesichert sein, bot doch das Jahr 2024 die Gelegenheit, die Erinnerung an 1300 Jahre Reichenau mit einer Landesausstellung zu begehen. Die Vorträge einer vorbereitenden Tagung zur Ausstellung sind als Begleitband konzipiert, der noch im Erscheinungsjahr eine zweite Auflage erfahren hat. Namhafte Fachleute aus dem In- und Ausland haben inhaltsreiche interdisziplinäre Studien beigesteuert.
In ihrem Vorwort skizzieren die Herausgeber einen Wandel historischer Deutungen seit der Festschrift von 1925 und formulieren die „Leitlinien“ von Ausstellung und Tagung, nämlich eine „kulturgeographische Kontextualisierung der Abtei Reichenau in räumliche Beziehungsgeflechte, zugleich aber auch eine theologische Einordung, die die Insel als Metapher einer besonderen christlichen Daseinsform deutet“, sodann die Einbettung des Inselklosters in „globale oder [...] europäische Kommunikations- und Wissensräume“ (S. 14).
Die erste Abteilung mit dem Titel „Die europäischen Netzwerke der Reichenau im Früh- und Hochmittelalter: Mönchtum, Reformen, Wissenskultur“ wird eingeleitet von Steffen Patzold. Er versucht eine Neubewertung der eher spärlichen Quellen zur Frühgeschichte der Reichenau, wie der Abtslisten, der Einträge im Reichenauer Verbrüderungsbuch und der „Vita Pirmini“, bezieht die Vita des hl. Meinrad und das neue „Erinnerungsbild“ Hermanns des Lahmen mit ein sowie schließlich die Urkundenfälschungen Ulrichs von Dapfen und schlägt neue Verbindungen vor, die tatsächlich zu neuen Erkenntnissen führen.
Rutger Kramer und Carine van Rhijn sehen das Mönchtum als Stützpfeiler der karolingischen Herrschaft, indem es wesentlich zur Bildung von Netzwerken und Wissensaustausch (S. 42) beiträgt.
Albrecht Diem hinterfragt die Bedeutung der „Regula Benedicti“ für die Mönchsgemeinschaft der Reichenau in ihren Anfängen und zieht Rückschlüsse aus dem Reichenauer Regelexzerpt, das Kritik an der monastischen Lebenspraxis erkennen lässt. Auch Regelkommentare berücksichtigt er als Quellen. Die „Visio Wettini“ deutet er als Reformtext.
Régine Le Jan interpretiert die frühen Einträge im Verbrüderungsbuch und fragt nach den Gründen, warum beispielsweise Paulinus von Aquileia fehlt; auffällig auch, dass kaum Frauengemeinschaften einbezogen sind. In den Verbindungen des Klosters zum Hof Ludwigs des Frommen sieht sie „imperiale Zentralität“ (S. 68 b). Bis ins 10./11. Jahrhundert bleibt eine „starke Verflechtung von Religion und Politik“ (S. 71).
Immo Warntjes zeichnet unter besonderem Augenmerk auf die Komputistik die „Wissenslandschaften“ (S. 84) St. Gallen – Reichenau – Einsiedeln nach, bis zu Hermann. Neue Ansätze, um die Rolle von religiösen Frauen in den Reformprozessen des 12. Jahrhunderts zu bewerten, beschäftigen Alison I. Beach. Der Blick auf den Anteil von Frauen wird oft durch die moderne Forschung verstellt, was das Beispiel der Paulina, Gründerin von Paulinzella, zeigt. Ihr improvisiertes religiöses Leben (S. 95), das durch Quellen belegt ist, wird in der institutionellen Vita ausgeblendet. Auch Belege aus der materiellen Kultur (S. 96), wie die Handschriften der Diemut, der Ordensfrau in Dalheim, der Guda bei Frankfurt am Main, sind einzubeziehen: „Diese neuen Ansätze [...] laden uns ein, uns eine viel komplexere Reformlandschaft vorzustellen, die von Anfang an auch von religiösen Frauen bevölkert und gestaltet wurde.“ (S. 99) – Wie erhellend ist es, einen konkreten Ausschnitt aus der Geschichte aus einer neuen Perspektive zu betrachten. Es muss nicht immer eine Gendertheorie bemüht werden, um einseitige Urteile zu revidieren. Übrigens werden Frauengemeinschaften zwar immer wieder, aber eher en passant erwähnt: eine Aufgabe für die Forschung, diesen Rückstand aufzuarbeiten.
Katharina Gedigk und René Wetzel untersuchen in einem vorbildlich dokumentierten Beitrag die Verehrung des hl. Meinrad „im Kontext der Reichenauer Frömmigkeitskultur und der alemannischen Hagiographie“. Ihr Fazit: „Zu Meinrads Stammkloster auf der Reichenau, welchem für Einsiedeln über ihren Begründer die Bedeutung eines historischen Mutterklosters zukam, stellte er über Jahrhunderte das verbindende Element dar.“ (S. 113) Nicht ganz überzeugend ist dabei nur die Annahme, dass die Heiligenverehrung instrumentalisiert wurde, um bestimmte Ziele zu erreichen. Man sollte zunächst und kann auch von Verehrung ausgehen, deren Ausübung gewisse Wirkungen zeitigt.
Die zweite Abteilung, „Architektur auf der Reichenau“, widmet sich in sieben Aufsätzen den erhaltenen und verlorenen Sakralbauten der Insel. Matthias Untermann gibt eine „Einführung in die Baugeschichte“. Über 20 Sakralbauten befanden sich zeitweilig auf der Reichenau. Da noch nicht alle Ausgrabungen ausgewertet sind, bleibt manches vorläufig hypothetisch. Marlene Kleiner wertet verschiedene Grabungsdokumentationen aus und kommt zu „neue[n] Thesen und offene[n] Fragen zur Baugeschichte des Reichenauer Münsters“ (S. 137).
In seinen „Überlegungen zu Sakraltopographie und Stationsliturgie des Reichenauer Münsters St. Maria und Markus“ stützt sich Andreas Odenthal auf einen – unlängst erst als solcher identifizierten – spätmittelalterlichen „Liber ordinarius“ (Karlsruhe, BLB Cod. Aug. perg. 235), verfasst von Prior Gregor Dietz zwischen 1548 und 1559, der die Stationsliturgie von Mittelzell erkennen lässt. Nach der spätgotischen Erweiterung des Ostchores fand 1477 eine Neuweihe der Kirche statt, die im Zusammenhang mit einer Reform des Klosterlebens stand. Der „Liber ordinarius“ erhellt auch die Rolle der Reichenau bei der Entwicklung der Liturgie. – Frühe Quellen sind ‚tituli‘. In Ermangelung von Gründungsreliquien kommt den Reliquien des hl. Markus und von Heilig Kreuz und Heilig Blut umso größere Bedeutung zu. Odenthal umreißt die Baugeschichte bis 1477 und wertet eine Notiz um 1500 in der Handschrift Karlsruhe, BLB Cod. Aug. perg. 84 über die Neuweihe aus, die Patrozinien und Lage der Altäre überliefert. Ein Lesevergnügen, gut aufgebaut und dokumentiert, inhaltsreich und instruktiv.
„Neue Beobachtungen zu Schriftgeschichte, Wortlaut und Rezeption des St. Galler Klosterplans“ teilt Tino Licht mit. Nach einem recht hilfreichen Überblick über „Wegmarken auf der Strecke zum richtigen Verständnis des (St. Galler) Klosterplans“ (S. 168) untermauert Licht mit paläographischen Kriterien die Identifizierung von Reginbert und Walahfrid als Schreiber und weist mit philologischen Kriterien nach, dass die Nachträge bereits in St. Gallen eingetragen wurden. Die Datierung kann auf 825/826 festgelegt werden. Ziel der Studie ist die Scheidung der Hände zu den einzelnen Beschriftungen. Sprachliche Beobachtungen stützen die Annahme, dass dem Plan Lehrcharakter zukommt. Eine Umzeichnung der Gebäude und Zuweisung der Tituli an die beiden Hände ist ein erhellendes Hilfsmittel (S. 170 f.).
Sandra Kriszt zeichnet die Baugeschichte von St. Peter in Niederzell nach, die in sechs Grundrissrekonstruktionen greifbar wird. Burghard Lohrum zeigt, wie man auf der Reichenau exemplarisch den Übergang von offenen Dachräumen zu geschlossenen Dachwerken in Sakralbauten im frühen Mittelalter beobachten kann. Er beschreibt die verschiedenen Techniken von Dachwerkkonstruktionen von Nordwesteuropa bis in den Mittelmeerraum, die auch kartiert sind. Um „Häfen und Schiffsländen der Reichenau und ihrer Marktorte“ Allensbach und Radolfzell geht es Bertram Jenisch. Damit verbunden sind Markt-, Lager- und Produktionsstätten und das Wasserwegenetz. Die Forschungen, zu deren Initiatoren Helmut Maurer zählt, stehen erst am Anfang, doch ist erkennbar, wie sich Archäologie und Quellen gegenseitig stützen.
„Die Reichenauer Malerei der ottonischen Zeit“ bildet das nächste große Kapitel, das allein durch die vielen teils ganzseitigen Abbildungen von Miniaturen ein Seh- und Lesevergnügen verspricht. Klaus Gereon Beuckers untersucht die Buchmalerei im 10. Jahrhundert, genauer 960 bis 980, beginnend mit dem Gero-Codex, und die Frage einer „Reichenauer Schule“. Die Eburnant-Anno-Gruppe und die Ruotprecht-Gruppe – Reichenauer Produktion von Prachthandschriften – werden kursorisch vorgestellt.
Jochen Hermann Vennebusch setzt den Liuthar-Codex aus dem Aachener Domschatz in Zusammenhang mit den Reichenauer Evangelien-Büchern. Doris Oltrogge und Robert Fuchs geben anhand kunsttechnologischer Befunde von einigen Handschriften der Liuthar-Gruppe Einblicke in die Verwendung von Farbmitteln und Metallen, in Unterzeichnungen und Maltechniken. Rainer Warland beobachtet in den Wandmalereien von St. Georg in Reichenau-Oberzell einen Einfluss frühbyzantinischer Vorlagen, wie sie exemplarisch im „Codex Rossano“ greifbar sind. Das Bildmaterial ermöglicht überzeugende Vergleiche. In der Fußwaschung im Evangeliar Ottos III. (Clm 4453, fol. 237r – in der Bildlegende fälschlich 337r) deutet Warland den „Sandalenlöser“ nach antikem Vorbild – der auch im „Codex Egberti“ vorkommt – als allegorische Verdoppelung eines der Jünger. Auffällig ist jedoch die unterschiedliche Gewandung der beiden Gestalten. Es handelt sich also entweder um einen elften Jünger oder einen Helfer, der Wasser zum Nachgießen bereithält.
Ein letzter Abschnitt über „Die Reichenau im Spätmittelalter“ bietet Raum für zwei Aufsätze. Harald Derschka gibt ein differenziertes Bild der Personen, die die geistliche Reform der Abtei im Spätmittelalter im Wesentlichen getragen haben, und bereitet damit den Weg für eine neue Einschätzung der letzten Jahre der immer kleiner werdenden klösterlichen Gemeinschaft. Felix Heinzer stellt die „Cronick des gotshuses Rychenowe“ aus der Feder Gallus Öhems und ihre Entstehungsgeschichte vor. Das Werk war nie für den Druck bestimmt.
Der Anhang besteht aus Literaturverzeichnis, Orts- und Personenregister, Handschriftenverzeichnis und Bildnachweis. Angaben zu den Autorinnen und Autoren finden sich im Impressum (S. 350). Auch in der zweiten Auflage ist der eine oder andere flüchtige Druckfehler stehen geblieben. Die Übersetzung des Beitrags von Kramer/van Rhijn aus dem Niederländischen ist bisweilen etwas holprig. In der Bibliographie wären unter anderem folgende Titel nachzutragen: Mirco Breitenstein zu den Benediktinern; Götz 2001 (S. 114 Anm. 41); Kogler 2009 (= Herders neues Bibellexikon; S. 287 Anm. 19). Angesichts der Fülle an gelehrten Informationen mag die Überlegung, was noch wünschenswert gewesen wäre, fast unangemessen erscheinen. Dennoch sei die Frage gestellt, ob nicht die Literaten und ihre Werke zu beiläufig behandelt werden, bilden doch die Förderung der Literatur, ihre Produktion, Pflege und Verbreitung Charakteristika der Reichenauer Klosterkultur. Auch ein Ausblick auf die Strahlkraft der Reichenauer Buchmalerei wäre lohnend gewesen (vgl. etwa Irmgard Siede, Zur Rezeption ottonischer Buchmalerei in Italien im 11. und 12. Jahrhundert, St. Ottilien 1997). Hervorgehoben seien noch die Qualität der vielfach großformatigen Abbildungen und das so ansprechende wie sorgfältige Layout des Bandes.