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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Alexander Eiber

Caspar von Schrenck-Notzing. Konservatives Denken und Leben in Deutschland nach 1945

Wien/Leipzig 2025, Karolinger, 303 Seiten, 24 Abbildungen


Rezensiert von Dieter J. Weiß
In: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte
Erschienen am 13.07.2026

Caspar von Schrenck-Notzing, geboren am 23. Juni 1927, entstammte dem im frühen 18. Jahrhundert nach Oldenburg übersiedelten und erst im 20. Jahrhundert nach Bayern zurückgekehrten Zweig eines der ältesten blühenden Münchner Patriziergeschlechter, das in der Neuzeit im bayerischen Landadel aufgegangen war. Sein Vater Gustav wirkte nach dem Einsatz im Ersten Weltkrieg im Umfeld des Militärs als Kommandeur des Heeresrennstalls, die Großmutter Gabriele „Ella“ von Schrenck-Notzing war die Tochter des BASF-Mitgründers Gustav von Siegle, seine Mutter Martha „Maggi“ von Schrenck-Notzing, geborene Wedekind, in zweiter Ehe von und zu der Tann, war eine Enkelin des Schriftstellers Ludwig Ganghofer. Caspar von Schrenck-Notzing entstammte einem sehr vermögenden adelig-großbürgerlichen, protestantischen Milieu. Seine Kindheit verbrachte er in München, Ammerland (Villa Siegle) am Starnberger See und seit der Scheidung der Eltern 1937 beim Vater in Potsdam. Das Kriegsende erlebte der seit 1943 als Flakhelfer eingesetzte Schrenck bei seiner Mutter am Tegernsee und erhielt Privatunterricht, bis er das Abitur 1946 am Münchner Maxgymnasium ablegte. Ein Brotstudium war auf Grund der Vermögensverhältnisse nicht notwendig, der junge Mann studierte in München, Freiburg und Köln ein breites geisteswissenschaftliches Fächerspektrum mit Schwerpunkt Geschichte, Philosophie und Soziologie, ohne einen Abschluß zu machen. Er war vielseitig interessiert, entwarf mit Armin Mohler verschiedene publizistische Projekte, seine erste große Veröffentlichung im Jahr 1961 war der politischen Entwicklung Indiens 1857 bis 1960, „100 Jahre Indien“, gewidmet. Bereits hier lehnte er „den Dogmatismus der Ordnung eines bewahrenden Konservatismus“ (S. 102) ab. Bekannt wurde er aber als Publizist und Vordenker des Konservatismus in der Bundesrepublik Deutschland der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Alexander Eiber befaßt sich in seiner Passauer Dissertation mit der Biographie des Freiherrn, die er aus zahlreichen Familiendokumenten, einem umfangreichen Briefwechsel und Interviews mit Familienangehörigen und weiteren Zeitzeugen rekonstruiert. Der familiäre Hintergrund wie die politische Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland ab den 60er Jahren und besonders nach der Adenauerzeit waren prägend für das politische Denken Schrenck-Notzings. Eiber wertet dazu das umfangreiche publizistische Werk Schrencks, den Geschäftsnachlaß von „Criticón“ und die Nachlässe langjähriger Weggefährten wie Armin Mohler oder Erik von Kuehnelt-Leddihn, aber auch konservativer CSU-Politiker aus. Die Dissertation ist somit weit mehr als die erste umfassende kritische Biographie Schenck-Notzings, sie bildet einen grundlegenden Beitrag zur Entwicklung des Konservatismus in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts in der Bundesrepublik und leistet damit Pionierarbeit.

Der zweite Hauptteil der Arbeit ist Schrenck-Notzing als politischem Schriftsteller vorbehalten. Bei einem von dem renommierten Historiker Heinz Gollwitzer geförderten USA-Aufenthalt bearbeitete er die Unterlagen der US-Militärregierung in Deutschland und veröffentlichte seine Ergebnisse 1965: „Charakterwäsche. Die amerikanische Besatzung in Deutschland und ihre Folgen“. Für die „Selbstumerziehung der mentalitätsgewandelten Deutschen in Form der Vergangenheitsbewältigung“ (S. 105) machte er den neuen Liberalismus der USA verantwortlich. Das Werk erreichte zwar mehrere Neuauflagen, wurde aber in der breiteren Öffentlichkeit kaum rezipiert. Auch mit seinem nächsten Werk „Zukunftsmacher. Die neue Linke in Deutschland und ihre Herkunft“ wandte er sich einem Schlüsselthema der Entwicklung seit 1968 zu. Sein für die öffentliche Debatte einflußreichstes Projekt sollte aber die Gründung einer Zeitschrift werden, das 1970 beginnende „Criticón“, mit dem Untertitel „Bücher – Autoren – Zeitschriften – Verlage“. Der Titel war einem Werk des spanischen Jesuiten Balthasar Gracián entlehnt und sollte inmitten der zeitgenössischen Utopien das konservative Prinzip der Wirklichkeit durch Meinungsbeiträge und Rezensionen vertreten. „Criticón“ mauserte sich in den Jahrzehnten seines Bestehens unter der Leitung Schrenck-Notzings von einem Besprechungsorgan zu einer allgemein politisch-kulturellen Zeitschrift mit konservativer Ausrichtung und Verbindungen zu verschiedensten konservativen Zirkeln.

Im dritten Hauptteil wendet sich Eiber dem politischen Denken Schrenck-Notzings zu, der eine Typenlehre über den Konservativen, den Liberalen und den Linken entwickelte. Auch politische Zentralbegriffe im Denken Schrenck-Notzings wie etwa Vergangenheitsbewältigung, Umerziehung oder Kulturrevolution werden ausführlich behandelt. So entsteht ein klares Bild der politischen Überzeugungen eines der führenden intellektuellen konservativen Protagonisten der Bundesrepublik. Auch dieser Abschnitt zeichnete sich durch die gründliche Auseinandersetzung mit dem Werk Schrenck-Notzings unter Einbeziehung seines ungedruckten Nachlasses aus.

In seiner Zusammenfassung betont Eiber, aus dem familiären Hintergrund Schrenck-Notzings erklärbar, die Distanz als ein zentrales Charaktermerkmal des Barons, der die Rolle eines Beobachters einnahm. Daraus erkläre sich auch, daß er die Tagespolitik aus einer Metaebene betrachten konnte. Er war als Rationalist fest in der Welt der Wirklichkeit verankert und verwahrte sich zeitlebens gegen Utopien oder Moral als politische Kategorien. Konservative Gedanken wollte er nicht auf die Ebene des Bewahrens reduziert wissen, sondern verstand wie Chateaubriand das Konservative als eigene Kategorie. Konkretes politisches Handeln war freilich nicht seine Stärke, viele seiner Projekte scheiterten. Zusammenfassend urteilt Eiber sicher zutreffend: „Als Doyen des deutschen Konservatismus bestand seine wahrscheinlich wichtigste Rolle in der des Netzwerkers und Organisators eines Milieus.“ (S. 295) Sein Erbe bewahren die von ihm initiierte Förderstiftung für Konservative Bildung und Forschung (FKBF) und die damit verbundene Bibliothek des Konservatismus in Berlin.

Die letzten Jahrzehnte seines Lebens befaßte sich Caspar von Schrenck-Notzing, der sich gegen Spekulantentum für den Erhalt der durch Villen geprägten Kulturlandschaft am Ostufer des Starnberger Sees einsetzte, nebenbei mit der Ausformulierung eines Kriminalromans, in dessen Mittelpunkt der autobiographische Züge tragende Freiherr Tryphon von Karbunkel steht. Namen und Handlung scheinen der Welt Fritz von Herzmanowsky-Orlandos entsprungen zu sein und zeigen doch den konservativen Einsatz für die Bewahrung von Schöpfung und bayerischer Kultur. Als Titel des Buches und Erkennungszeichen der Mitstreiter Karbunkels dient die Formel: „Schwere Wetter – Schwere Reiter: Eine Kriminalerzählung“ Alexander Eiber hat mit der Herausgabe dieses Romanfragments, gleichzeitig eine Abrechnung mit der zeitgenössischen kommerzialisierten Freizeitgesellschaft, die bayerische Facette im Wirken Schrencks ins Licht gerückt und ermöglicht damit eine umfassende Sicht auf diesen konservativen Intellektuellen.