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Benedikt M. Röder
Das Königliche Erziehungsinstitut für Studierende in München 1806–1918. 450 Jahre Wittelsbacher Stiftung Domus Gregoriana – Hollandeum – Albertinum 1574–2024
Eschenbach i.d. Opf. 2024, Stiftung Studienseminar Albertinum, 674 Seiten, zahlreiche Abbildungen
Rezensiert von Stephan Deutinger
In: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte
Erschienen am 13.07.2026
Das katholische Studienseminar Albertinum in München führt die 1574 von Herzog Albrecht V. gegründete Domus Gregoriana bis in die Gegenwart fort und gehört damit zu den ältesten ununterbrochen bestehenden Erziehungsanstalten Bayerns. Unter diesen steht das Albertinum vom Traditionsbewußtsein her an erster Stelle, denn wohl keine andere Bildungseinrichtung kann auf eine derart umfassende Dokumentation ihrer Geschichte verweisen. Sie ist mit der vorliegenden umfangreichen Veröffentlichung, die die letzte zeitliche Lücke zwischen mehreren gewichtigen Studien schließt, zu denen die Dissertation von Hannelore Putz in der „Schriftenreihe zur bayerischen Landesgeschichte“ 2003 den Auftakt bildete, nun vollständig dargestellt.
Von seinem zweiten Direktor, dem Exbenediktiner Benedikt Holland, der das Institut im Königreich mit den Montgelas’schen Vorgaben neu auf die Beine stellte, blieb dem Internat in München bis ins 20. Jahrhundert hinein die Bezeichnung „Hollandeum“, seine Zöglinge waren die „Holländer“. Das Erziehungsinstitut residierte seit 1806 im Komplex des ehemaligen Karmelitenklosters und wuchs dort nach und nach zu einem beeindruckenden Baukörper im Herzen der Landeshauptstadt heran. 1817 wurde ein eigenes Institutsgymnasium errichtet, das von 1824 an auch externen Schülern zugänglich war und als zweitältestes Münchener Traditionsgymnasium unter dem Namen Ludwigsgymnasium ebenfalls bis heute fortbesteht. 1840 übergab Ludwig I. das Institut den Benediktinern. Bis 1864 waren es Patres aus dem niederbayerischen Metten, die die Jugend nach Ludwigs Vorstellung „frisch, munter und gesund an Körper und Geist“ für das Vaterland heranbilden sollten, danach erst war die Münchener Neugründung St. Bonifaz so weit, um wie ursprünglich vorgesehen diese Aufgabe zu übernehmen. Von 1893 an leiteten Weltpriester die Anstalt, die 1905 Albertinum getauft wurde.
Auf der Grundlage einer breiten Überlieferung an ungedruckten und gedruckten Quellen schildert der Verfasser bis in alle Details den Weg des Instituts durch das Königreich und arbeitet die wechselnden Schwerpunkte der Entwicklung unter den verschiedenen Direktoren heraus. Neben einem chronologischen Durchgang durch die Geschichte widmet er einzelnen Themenkomplexen eigene Abschnitte, so den der Erholung der Schüler dienenden Institutsgärten vor dem Schwabinger Tor, am Alten Botanischen Garten und am Englischen Garten, den evangelischen und den griechisch-orthodoxen Zöglingen, die jedoch nur bis 1840 zugelassen waren, dem Internatsalltag, der 300-Jahrfeier von 1874, der Gründung des Ehemaligen-Vereins 1908 sowie den Satzungen und Vorgaben für das Haus- und Lehrpersonal.
Für die bayerische Geschichte insgesamt wichtig ist das Albertinum, weil seine Zöglinge aus dem ganzen Land inklusive der Pfalz stammten; nur weniger als ein Drittel von ihnen kam aus München selbst. Ihre Väter waren vorzugsweise Beamte, Ärzte oder Anwälte. Ein Charakteristikum des Hollandeums bildete der hohe Anteil an Sprößlingen des bayerischen Adels; mit dem später so volkstümlichen Herzog Max in Bayern wuchs sogar ein Angehöriger der regierenden Dynastie dort auf.
Eine besondere Leistung des Verfassers liegt darin, daß er sich der schier unglaublichen Mühe unterzogen hat, die Lebenswege der insgesamt 3431 Zöglinge weiterzuverfolgen, die das Institut zwischen 1806 und 1918 beherbergte. Die bekannteren unter ihnen sind, angelehnt an das Muster, das Andreas Kraus seinerzeit für das Münchener Jesuitengymnasium vorführte, nach Rubriken zusammengestellt: Mediziner, Juristen, Ingenieure und Erfinder, Geistliche, Parlamentarier, Offiziere, Künstler. Daneben werden aber auch ganz spezielle Gruppen gebildet: Ordensträger, Maximilianeer, Edelknaben, Mitglieder der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und nicht zuletzt „Anhänger und Opfer der NS-Diktatur“.
In jeder Abteilung stößt man auf illustre Namen, von denen hier nur auf einige wenige hingewiesen werden kann. Bei den Politikern finden wir etwa die Vorsitzenden im Ministerrat Friedrich von Hegnenberg-Dux und Otto von Dandl, den Kultusminister Robert von Landmann, den Handelsminister Gustav von Schlör, dem die bayerischen Eisenbahnen so am Herzen lagen, den Nazi-„Reichsstatthalter in Bayern“ Franz von Epp oder den Wirtschaftsstaatssekretär des Wiederaufbaus Hugo Geiger. Unter den Gelehrten stechen heraus der streitbare Rechtshistoriker Karl von Amira, der deutsch-nationale Bayern-Historiker Karl Theodor von Heigel, der Strömungsmechaniker Ludwig Prandtl, von dem die jedem Ingenieur geläufige „Prandtl-Zahl“ ihren Namen hat, und der Kunsthistoriker und Numismatiker Franz von Streber, der als erster den keltischen Ursprung der berühmten „Regenbogenschüsselchen“ erkannte. Bei den Geistlichen springen ins Auge der für das Oberammergauer Passionsspiel bedeutsame Josef Alois Daisenberger, aber auch der umstrittene „ultramontane“ Münchener Erzbischof Karl August Graf von Reisach. Im Bereich der Wirtschaft wird man über den Pionier der Elektrifizierung Oskar von Miller nicht hinweglesen, ebensowenig über die Vertreter der Münchener Bierdynastien Mathäser, Pschorr und Sedlmayr. Unter den Künstlern sei hier nur genannt der Vater des Paradebayern des Bayerischen Rundfunks Gustl Bayrhammer, der vielseitige Schauspieler Max Bayrhammer. Wenn auch viele, so wie die meisten „Holländer“, nicht die ganze Schulzeit, sondern nur wenige Jahre im Internat wohnten, so läßt sich nun doch diese biographische Station bestens einordnen und kontextualisieren.
Umfangreiche Listen aller je am Institut tätigen Personen runden die Dokumentation ab. Eigene Lehrer für Kalligraphie, „Mappierkunst“, Deklamation, Tanzkunst oder Fechtkunst lassen auf die Erziehungsideale schließen, die das Institut betreuenden Haus-, Zahn- und Augenärzte stehen für eine vorbildliche gesundheitliche Fürsorge. Das Verzeichnis sämtlicher Zöglinge, ein weiteres Dokument im Umfang von 800 Seiten, wurde aus verständlichen Gründen nicht mitgedruckt. Es ist aber digital über den Katalog der Bayerischen Staatsbibliothek verfügbar; der etwas versteckte Hinweis darauf findet sich auf Seite 385.
Einziger Schönheitsfehler des Buches ist der Verzicht auf ein Register, das dem wissenschaftlichen Benutzer die individuelle Auswertung des gewaltigen Datenschatzes deutlich erleichtert hätte. Das schmälert freilich in keiner Weise die immense Leistung des Verfassers. Er hat die Literatur zur bayerischen Geschichte um ein wichtiges Referenzwerk bereichert, für das ihm Dank und hohe Anerkennung gebührt.