Logo der Bayerischen Akademie der Wissenschaften

Kommission für bayerische Landesgeschichte

Menu

Aktuelle Rezensionen


Roman Tischer

Abwesende Hirten. Personengeschichtliche Studien zu kreuzfahrenden und pilgernden Geistlichen aus dem Reich (11.–12. Jahrhundert)

(Mittelalter-Forschungen 72), Ostfildern 2025, Patmos, 432 Seiten


Rezensiert von Christof Paulus
In: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte
Erschienen am 13.07.2026

Bisher ungedruckt geblieben ist die Habilitationsschrift Stefan Tebrucks „Aufbruch und Heimkehr. Jerusalempilger und Kreuzfahrer aus dem thüringisch-sächsischen Raum (um 1100–1230)“ aus dem Jahr 2007. Der Gießener Mediävist plant die Drucklegung, hat aber einige zentrale Überlegungen, so rund um den Landgrafenhof oder zur Reinhardsbrunner Geschichtsschreibung, bereits in erweiterten Aufsätzen veröffentlicht. Sein Schüler Roman Tischer ist nun auf prosopographischer Basis von über 180 Personen den Motiven von Geistlichen (Bischöfen, Domherren, Äbten, Mönchen etc.) nachgegangen, an Kreuzfahrten des 11. und 12. Jahrhunderts – v.a. Erster bis Dritter Kreuzzug, Wendenkreuzzug, Kreuzzug Kaiser Heinrichs VI. – teilzunehmen oder der „peregrinatio et expeditio“ fernzubleiben. Deutlich wird ein königsdienstähnlicher Verpflichtungscharakter, der die Geistlichen zur Teilnahme veranlasste; auch scheint im 12. Jahrhundert von Seiten der Zentralgewalt die militärische Expertise bischöflicher „milites“ zunehmend wertgeschätzt worden zu sein (zumindest überliefern dies die Quellen zum Dritten Kreuzzug). Religiöse Beweggründe hingegen prägen vor allem die Sprache der Urkunden, ausgestellt, bevor die Geistlichen, die für die Friedenssicherung im Vorfeld der Reichsheerfahrt eine zentrale Rolle spielten, das Kreuz nahmen. Zu späterem Zeitpunkt verblasst dieser idealtypische Reflex, was aber auch mit der Selbstverständlichkeit bzw. der unausgesprochenen Voraussetzung, Jesus nachfolgen zu wollen, erklärt werden könnte.

Um in Abwesenheit anwesend zu sein, griff das Prinzip der repräsentativen Stellvertretung, bei dem nicht zuletzt dem Domkapitel zentrale Bedeutung für Administration und bei Weihevollmachten zukam. Fragile Zustände in Bistum und Hochstift, so weist Tischer nach, konnten einen Oberhirten dazu bewegen, daheim zu bleiben oder sich in einen Kreuzzug zu flüchten (und auf geklärte Verhältnisse bei der Rückkehr zu hoffen). Grundsätzlich und wenig überraschend förderten Abwesenheiten die Gefahren von Besitzentfremdungen oder zumindest von Versuchen, das Hochstift zu schmälern. So galt es, im Vorfeld längerer Abwesenheit bestmöglich Vorkehrung zu treffen. Die Quellenbasis der Untersuchung stellen vornehmlich historiographische Zeugnisse, Urkunden sowie Korrespondenzschrifttum dar. Hieraus und aus Reinhold Röhrichts 1894 erschienenem „Chronologischen Verzeichnis derjenigen Deutschen, welche als Jerusalempilger und Kreuzfahrer sicher nachzuweisen oder wahrscheinlich anzusehen sind“ filtriert der Autor seinen zentralen, chronologisch und alphabetisch geordneten Katalog (S. 215–336), dessen Einträge jeweils ein Biogramm, Quellen- und Literaturangaben enthalten. So kommt es zu einigen Doppelungen mit der allgemeinen Studie, etwa bei der Darstellung des von den „Annales Zwifaltenses“ als „doctor gentium“ gefeierten Abt Ernst (von Zwiefalten), der auf dem Zweiten Kreuzzug sein Leben ließ.

Bereits Thomas Haas hatte in seiner 2012 erschienenen Heidelberger Dissertationsschrift „Geistliche als Kreuzfahrer. Der Klerus im Konflikt zwischen Orient und Okzident 1095–1221“ nach den Motiven gefragt, doch stellte dies nur einen kleinen Themenbereich innerhalb des dort etwas holzschnittig nach internen und externen Aspekten analysierten Handelns der Protagonisten dar. Was Haas noch eher anthologisch unternahm, vollzieht Tischer auf breiter, methodisch reflektierter und schon länger als Desideratum formulierter Basis. Zu den besonders starken Passagen gehören die über die gesamte Arbeit verteilten Ausführungen zu einer jeweils individuellen Motivik der Geistlichen; vielleicht wäre man in puncto Differenzierung durch einen stärker „individualisierenden“ Zugriff auf die Quellen, der mittels close und wide reading diese über kontextualisierte Fundstellen hinaus ernster nimmt, sogar noch etwas weitergekommen. Hierfür hätten auch die regen theologisch-kanonistischen Diskussionen um das rechte Verhalten der Geistlichen bezüglich Gewaltanwendung und Blutvergießen, differenziert nach Weihestufen, stärker einbezogen werden können.

Der Katalog listet nur eine Frau auf, die Schaffhauser Nonne Hedwig, die ein um 1125 entstandener Translationsbericht von Kreuzesreliquien und weiterer Reliquien in das Allerheiligenkloster als „famula Dei“ erwähnt. Keine Einreihung erfuhr hingegen Hildegund von Schönau, die als Kind ihren Vater ins Heilige Land begleitete und als Novizin im Jahr 1188 starb, wohl deshalb, weil die Wallfahrt vor ihrem Eintritt in den geistlichen Stand erfolgt war.

Das Titelbild von Tischers Studie zeigt einen Ausschnitt aus dem berühmten stauferzeitlichen Freskenzyklus im romanischen Saalbau der Gamburg im Taubertal. Die Inschrift Godefrid EPS verweist auf Bischof Gottfried von Würzburg, der Kaiser Friedrich I. Barbarossa auf der Fahrt ins Heilige Land begleitete. Die bildliche Darstellung findet in der Studie kurz Erwähnung, die literarische Überformung, die sich in ihr widerspiegelt, behandelt Tischer indes nicht; das Fresko gilt ihm als Pendant und Bestätigung der im Zentrum stehenden historiographischen Texte. Durch die stets hart an ihren Quellen segelnde, breit in der Literatur verankerte, angenehm zu lesende und inhaltlich nicht zuletzt auf die vielfachen Vernetzungen von landes- (etwa bezüglich des Kreuzzugkontingents Herzog Welfs IV. von Bayern), reichs- und kreuzzugsbezogener Geschichte hinweisende und diese sich argumentativ zunutze machende Arbeit liegt ein wichtiges Nachschlagewerk zur Geschichte vornehmlich des 12. Jahrhunderts vor, die gern ihren zeitlichen Fokus noch etwas hätte ausweiten können.