Aktuelle Rezensionen
Marianische Männer-Congregation Amberg (Hg.)
Ambergs Kongregationen in Vergangenheit und Gegenwart
Mit Beiträgen von Johannes Laschinger und Markus Brunner, Kallmünz 2026, Michael Lassleben, 115 Seiten, zahlreiche Abbildungen
Rezensiert von Andreas Erb
In: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte
Erschienen am 21.07.2026
Traditionell präsentiert sich die deutsche Sozietätsforschung mit einem starken Fokus auf deren protestantische Vertreter, während katholische Sozietäten vor allem in der Spätaufklärung und als Übernahmen evangelischer Gesellschaftsmodelle in den Blick kommen. Hierbei geraten spezifisch katholische Sozietätstypen häufig ins Hintertreffen, obwohl gerade sie einen frühen und relevanten Beitrag zur Geschichte der Geselligkeiten leisten können.
Die vorliegende Studie widmet sich der Marianischen Männer-Congregation im oberpfälzischen Amberg und erscheint zu deren 400-jährigem Geburtstag in Regie der Jubilarin selbst. Neben der Sozietätsforschung wendet sie sich damit vor allem an die Mitglieder der Kongregation sowie die breitere, stadtgeschichtlich interessierte Öffentlichkeit. Schon das hohe Alter der Vereinigung und ihre wechselvolle, letztlich aber ununterbrochene Geschichte lässt aufhorchen und verspricht zahlreiche Erkenntnisse für die Stadtgeschichte und darüber hinaus. Zudem kann die vorliegende Studie auf einer früheren Darstellung des Direktors des Königlichen Studienseminars, Georg Blößner, sowie vor allem auf einer umfangreichen Überlieferung im Archiv der Kirchengemeinde St. Georg, dem Stadtarchiv Amberg, den gedruckten Theaterprogrammen der Provinzialbibliothek Amberg und dem Staatsarchiv Amberg ruhen. Johannes Laschinger, ehemaliger Stadtarchivar Ambergs, hat diese Quellen umfassend ausgewertet und die Geschichte der Marianischen Kongregationen Ambergs minutiös nachgezeichnet.
Deren Gründung vollzog sich 1626 im Amberg der einsetzenden Gegenreformation und bezog zunächst die Schüler des neu errichteten Jesuitengymnasiums ein. Früh kam es zu Aufspaltungen und Neugründungen nach Geschlecht und Alterskohorte, so 1629 zu einer „Congregatio civica“ nichtstudierender Sodalen, während sich im Folgejahr die Studentenkongregation nach jüngeren und älteren Mitgliedern teilte. Im gleichen Jahr gründete sich unter dem Namen „Maria unter dem Kreuz“ eine weitere, beiden Geschlechtern offenstehende Gemeinschaft in der Amberger Frauenkirche. Mit ihrem Anwachsen traten die männlichen Sodalen zur „Congregatio civica“ über.
Dass die Räumlichkeiten einer Gesellschaft eine Menge über ihr Selbstverständnis, ihre materiellen Möglichkeiten und ihre Position in der Stadtgesellschaft verraten, zeigt der zweigeschossige Kongregationssaal, der mit der 1678 vollzogenen Aufstellung des Altars einer der frühesten deutschen Säle dieser Art ist und bis heute der Kirchengemeinde St. Georg sowie vielen anderen städtischen Akteuren als Veranstaltungsraum dient. Immer wieder versuchte der Landesherr, den geräumigen und prunkvoll ausgestatteten Saal der Kongregation zu entziehen, wogegen diese sich mit wechselndem Erfolg zur Wehr setzte. Damit erwies sich der Saal häufig als Schauplatz dramatischer Ereignisse der Stadtgeschichte, so als Unterbringungsort von Verwundeten in den Kriegen des 18. Jahrhunderts und als Ort einer Volksversammlung im Revolutionsjahr 1848.
Die Marianische Kongregation stand in der Stadtgesellschaft keineswegs isoliert. Laschinger zeigt detailliert auf, wie stark deren Führungsebene von den landesherrlichen Eliten dominiert war. Dies darf als Geben und Nehmen verstanden werden, konnten sich die Sodalen so eines besonderen landesherrlichen Schutzes erfreuen, während dieser maßgeblichen Einfluss auf deren Aktivitäten nehmen konnte. In die Krise geriet dieses Modell mit der Säkularisierung, als die Kongregation sich wiederholt gegen staatlichen Zugriff auf ihre Besitztümer zur Wehr setzen musste. Dass dies mit Einschränkungen gelang, bezeugt ihre tiefe Verwurzelung in der Stadtgesellschaft, die eine Eskalation für den Staat nicht als ratsam erscheinen ließ. Im Gefolge des Kulturkampfs konnte man im Kontext der Wallfahrten auf den Mariahilfberg und des Katholikentags seine Stellung konsolidieren und mit der erneuten Gründung einer Studentenkongregation sogar ausbauen. Zugleich baute die Marianische Männer-Congregation ein kleines Netzwerk unter den anderen Kongregationen des süddeutschen Raumes auf. Hier erwiesen sich die Gebetsverbrüderungen, bei denen die Verstorbenen anderer Kongregationen in das Gebet aufgenommen wurden, als probates Medium, Verbindungen aufzubauen und zu pflegen.
Markus Brunner, Pfarrer der Amberger Stadtpfarrei St. Georg und damit zugleich Zentralpräses der Kongregation, konzentriert sich auf die Rolle des Jesuitenordens im Amberg der 1620er Jahre. Die volkstümliche Auflösung des Kürzels SJ als „schlaue Jungs“ aufgreifend, betont er die werbenden Aspekte ihrer Missionsbemühungen. Zentral dafür war die Einbeziehung der Gläubigen in die religiösen Praktiken wie Prozessionen und das „theatrum sacrum“ und in diesem Kontext sind – völlig zu Recht – die Kongregationen und Bruderschaften zu sehen. Im weiteren Verlauf stellt Brunner die Struktur, die Räumlichkeiten und Kunstschätze der Marianischen Männer-Congregation vor.
Stärker als ihr protestantischer Widerpart war die katholische Kultur und Geselligkeit seit dem Barock auf das Sichtbare ausgerichtet. Entsprechend haben die Autoren in großem Umfang Bild- und Sachquellen herangezogen und den Band reich und instruktiv bebildert. Wünschenswert wären angesichts der zahlreichen Namensnennungen von Funktionsträgern ein Personenregister und deren Aufführung in Tabellen gewesen.
Es bleiben diejenigen Amberger Kongregationen, denen ein solches Jubiläum nicht vergönnt war, deren Wirken aber gut überliefert ist. Zu hoffen ist, dass sie eine ähnlich fundierte und gut lesbare Darstellung erfahren wie die Jubilarin.