Aktuelle Rezensionen
Max Liedtke/Wolfgang Sosic
Der „Allgemeine Lehrerverein in Bayern“ – Vorgängerverein des BLLV. Verdammt, verboten, vergessen, geehrt
München 2025, Bayerischer Lehrerinnen- und Lehrerverband, 208 Seiten, 34 Abbildungen
Rezensiert von Ulrich Baumgärtner
In: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte
Erschienen am 21.07.2026
Lehrerverbände sind in heutigen bildungspolitischen Diskussionen einflussreiche Akteure, die neben standespolitischen Anliegen ihre Vorstellungen von Schule und Bildung öffentlich artikulieren. In Bayern spielt der Bayerische Lehrerinnen- und Lehrerverband (BLLV) eine entscheidende Rolle. Gerade deshalb lohnt sich ein Blick auf dessen Geschichte. Diese ist nicht unbekannt und wurde gerade auch auf Initiative des Verbands selbst dokumentiert und erforscht. Dass dabei Leerstellen bleiben können, belegt der hier vorzustellende Band über den „Allgemeinen Lehrerverein in Bayern“.
Max Liedtke und Wolfgang Sosic können nämlich zeigen, dass die Geschichte des BLLV, der sich auf den 1861 entstandenen Bayerischen Lehrerverein zurückführt, um die die Geschichte des bereits Anfang der 1820er Jahre, also knapp 40 Jahre zuvor gegründete „Vorgängers“ ergänzt werden muss. Interessanterweise entdeckte der BLLV dies erst spät (S. 124–132). Der Untertitel „Verdammt, verboten, vergessen, geehrt“ verweist somit nicht nur auf die wechselvolle Geschichte des Vereins selbst, sondern auch auf die spätere Rezeption.
Der Band besteht aus zwei getrennt verfassten Teilen (S. 14): Die Ausführungen von Max Liedtke im umfangreichen ersten Teil verfolgen den Weg dieses Zusammenschlusses von der Gründung in den 1820er Jahren über das Verbot 1832, die Wiedergründung1845, das nochmalige Verbot 1850 bis hin zur Neugründung des Bayerischen Lehrervereins 1861. Wegen der institutionellen, personellen, bildungspolitischen und ideellen Kontinuitäten kann diese durchaus auch als Wiedergründung angesehen werden (S. 111–114). Im knappen zweiten Teil werden markante Personen der Vereinsgeschichte biografisch vorgestellt. Wolfgang Sosic hat dafür eine beeindruckende Fülle von Fakten zusammengetragen, die allerdings durch zusammenfassende Würdigungen hätten ergänzt werden können.
Kennzeichnend für den Band ist die konsequent verfolgte Innenperspektive der Darstellung. Entlang der akribisch recherchierten und in zahlreichen Abbildungen präsentierten Quellen erzählt Max Liedtke die Vereinsgeschichte. Dadurch treten die handelnden Personen anschaulich hervor und die zentralen Ereignisse werden nacherlebbar. Es finden sich etwa Mitgliederlisten sowie ausführliche Zitate aus Sitzungsprotokollen, Briefen, Aufrufen, Zeitungen oder Zeitschriften. Die Faksimiles ermöglichen einen unmittelbaren Blick auf die verwendeten Archivalien. Das ist überaus ansprechend und anregend.
Allerdings hat dieser Blickwinkel seinen Preis, da so die Außenperspektive in den Hintergrund tritt und allenfalls in den Verboten und anderen staatlichen Maßnahmen aufscheint. Die historische Kontextualisierung der Vereinsgeschichte erfolgt nur punktuell, was wohl auch dem eigentlichen Zweck der Publikation geschuldet ist.
Dafür liefert die verdienstvolle Zusammenstellung der beiden Autoren außerordentlich interessantes Material. So weist Max Liedtke zu Recht auf die historische Bedeutung des Vereins hin (z.B. S. 124–127), über die es sich lohnen würde, noch ausführlicher unterrichtet zu werden. Es gibt nämlich eine Vielzahl an lohnenswerten Bezügen. Allein die frühe Gründung verweist auf das reiche Vereinswesen Deutschlands im 19. Jahrhundert. Der Allgemeine Lehrerverein war Standesvertretung und bildungspolitischer Akteur, was sich für ähnliche Zusammenschlüsse als prägend erweisen sollte. Bemerkenswert war dabei die überraschend frühe Formulierung standespolitischer Forderungen, etwa nach wissenschaftlicher Lehrerbildung. Das wirft ein Schlaglicht auf eine schulpolitisches Dauerthema des 19. Jahrhunderts, nämlich die Entwicklung der Lehrerbildung. Darüber hinaus zeigt sich am Beispiel des Allgemeinen Lehrervereins, dass bereits früh bildungspolitische Vorstellungen diskutiert und schulpolitische Reformprogramme ausgearbeitet wurden. Ein wichtiger Ideengeber war dabei Pestalozzi, dem der Verein im Jahr 1846 eine eigene Feier widmete. Dies vollzog sich vor dem Hintergrund der außerordentlich dynamischen Entwicklung des Schulwesens im 19. Jahrhundert. Außerordentlich aufschlussreich ist auch, wie sich der Verein in den geschichtlichen Umbrüchen des 19. Jahrhunderts positionierte. Gegen die herrschende Restauration vertrat er liberale und demokratische Standpunkte und unterstützte die Anliegen der Revolution 1848/49. Dies erklärt das zweimalige Verbot in den Jahren 1832 im Zusammenhang mit dem Hambacher Festes und nach dem Scheitern der Revolution 1850. Diese Bezüge werden mitunter angesprochen, aber nicht näher ausgeführt.
Insofern reicht die Bedeutung des Allgemeinen Lehrervereins weit darüber hinaus, die Geschichte des BLLV zu erweitern und zeitlich zu vertiefen, so legitim das Interesse des Verbandes in dieser Hinsicht ist. Vielmehr eröffnet die Publikation den Blick auf einen wichtigen Aspekt der Bildungsgeschichte Bayerns. Das hier zur Verfügung gestellte, ansprechend präsentierte und kenntnisreich kommentierte Material kann mithin die Grundlage für weitere Forschungen sein.