Aktuelle Rezensionen
Filippo Forlani/Ansgar Frenken/Thomas Prügl (Hg.)
Synodalis consonantia. Konziliengeschichte als Spiegelbild kirchlicher Diskussionskultur und Identitätsfindung
Johannes Grohe zum 70. Geburtstag, Münster 2024, Aschendorff, XIV + 759 Seiten
Rezensiert von Mechthild Pörnbacher
In: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte
Erschienen am 27.07.2026
Anlässlich seines 70. Geburtstages und der Emeritierung von seiner universitären Lehrtätigkeit, zuletzt in Rom, erhielt Johannes Grohe eine monumentale Festschrift, die die Autorität des Geehrten auf dem Gebiet der Konziliengeschichte erkennen lässt. Nach den einleitenden persönlichen Worten von Walter Kardinal Brandmüller und Jerónimo Leal würdigt Ansgar Frenken insbesondere den „Beitrag Johannes Grohes zur Erforschung des spanischen Mittelalters“ (mit Bibliographie 1989 bis 2020).
Die 38 weiteren Beiträge sind chronologisch geordnet in die Bereiche Alte Kirche – Mittelalter – Neuzeit. Deutsch, Englisch, Italienisch und Spanisch sind als Sprachen vertreten. Die Wissenschaftlerinnen und Forscher verschiedenster Herkunft eint ihre Fachkenntnis, die vielfach anhand von Detailfragen zu unerwarteten Einsichten und neuen Ergebnissen bei der Interpretation der Quellen führt. Dabei tragen etliche Aufsätze dem Interesse des Geehrten für die iberische Halbinsel Rechnung.
Vorweg seien zwei Aufsätze vorgestellt, die sich mit bayerischen Themen in Mittelalter und Neuzeit auseinandersetzen, sowie weitere Beiträge mit ausdrücklichem Bezug zu Deutschland und Österreich. Peter Segl († 17. Oktober 2025) zeichnet ausgehend vom entsprechenden Eintrag in den „Annales Schirenses“ des Johannes Aventinus und unter Heranziehung zahlreicher archivalischer Quellen das turbulente Abbatiat (1427–1436) Konrads VI. Weickmann von Scheyern nach (S. 363-383). Offenbar war der Abt als Reformer unbeliebt und wurde von einer Gruppe aus seinem Konvent beim Konzil in Basel verklagt. Dies führte schließlich zu seiner Absetzung, obwohl er seinerseits „im Dienst des Konzils“ 1434 mit der Beilegung der Schwierigkeiten um Abt Simon Kastner von Ebersberg betraut war. Der Fall des Scheyrer Abtes Konrad, an dem auch die Herzöge Ernst und Wilhelm von Bayern-München interessiert waren, steht exemplarisch für die Funktion des Konzils als Justizbehörde.
Bernward Schmidt erläutert am Beispiel der Eichstätter Diözesansynode des Jahres 1548 (S. 457–473) die Bedeutung lokaler Synoden für die „umfassende Transformation des westlichen Christentums im 16. Jahrhundert“. Er schildert die Ausgangslage in dem kleinen Bistum und beschreibt den Ablauf und die Ergebnisse der Synode. Ralf van Bühren stellt die Trierer Domkanzel (1570–1572) von Hans Rupprecht Hoffmann als „frühes Hauptwerk künstlerischer Rezeption des Trienter Konzils“ vor (S. 495–519, mit drei Abbildungen). Das anspruchsvolle Bildprogramm der Reliefs an Kanzelbrüstung und ‑aufgang stellt die sieben Werke der Barmherzigkeit dar. Da es in den Konzilsakten des Tridentinums „keine Aussagen über die liturgische Gestaltung des Kirchenraums oder über ikonographische Inhalte“ (S. 497) gibt, zieht van Bühren andere Quellen heran, um seine Hypothese zu stützen.
Christina Traxler verfolgt „die tatsächlichen Verbreitungswege der gedruckten Trienter Dekrete“ in Österreich (S. 521–538, hier 521). Sie stützt sich auf Druckverzeichnisse, Sortimentskataloge und die Messkataloge von Frankfurt und Leipzig. Die Verbreitung der Dekrete wurde päpstlichen Gesandten anvertraut, erwies sich aber im Land der Reformation als schwierig. Kaiser Maximilian II. zögerte, die Dekrete anzunehmen. In Folge sollten die deutschen Bischöfe persönlich ein Breve des Papstes und eine authentische Ausgabe der Konzilsdekrete erhalten. Doch der Überbringer Antonius Cauchius wurde im Juli 1565 Opfer eines Überfalls, bei dem ihm alle Bücher geraubt wurden. Ersatzdrucke wurden im Geheimen vorbereitet und Petrus Canisius mit ihrer Verteilung beauftragt. Die Auswertung der Quellen führt zu interessanten Ergebnissen. So wurden etwa die Trienter Dekrete im 16. Jahrhundert in Österreich selbst nicht gedruckt.
Ansgar Frenken würdigt den Historiker Heinrich Finke (1855–1938), der sich schwerpunktmäßig mit dem Konzil von Konstanz beschäftigte und für seine Quelleneditionen kostbare Funde aus spanischen Archiven (S. 621) heranziehen konnte, „als Brückenbauer nach Spanien“ (S. 617–644). Im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts knüpfte Finke intensive Wissenschaftskontakte zwischen Deutschland und Spanien. Er selbst war in Spanien als Historiker hoch angesehen und wurde mit anspruchsvollen Forschungen betraut. Als Präsident der Görres-Gesellschaft war er 1925 auch „maßgeblich an der Einrichtung eines Forschungsinstituts in Madrid beteiligt“ (S. 639).
Soviel vorweg. – Den Einstieg in die Spätantike macht Andreas Weckwerth, der drei spanische „Ordines de celebrando concilio“ auswertet, um den liturgischen Rahmen spätantiker westlicher Synoden zu umreißen. Thomas Graumann fragt nach den hierarchischen, kanonischen und soziologischen Faktoren, die sich auf „die Abläufe synodaler Interaktion“ (S. 60) auswirken. Beginnend beim Ersten Konzil von Nizäa zeigt Richard Price, wie die auf den ältesten Konzilien festgelegten Definitionen eigentlich theologische Ausarbeitungen ermöglichen und dadurch zur Entwicklung der Glaubenslehre führen. Giulio Maspero befasst sich mit der Verurteilung und Rehabilitierung des Johannnes von Damaskus wegen seines Standpunkts zur Bilderverehrung und sieht darin einen Schlüssel zum Verständnis der ersten sieben Ökumenischen Konzilien. Manuel Mira Iborra sieht in den Canones der Provinzialsynode von Gangra in Kleinasien (deren Datierung zwischen 340 und 373 umstritten ist) bezüglich der asketischen Haltung der Eustathianer deutliche inhaltliche Einflüsse der Schriften des Eusebius von Caesarea. Alberto Ferreiro kommt zu dem Schluss, dass nicht nur die auf verschiedenen Versammlungen gegen Priscillian erhobenen Anklagen anfechtbar sind, sondern vor allem der Vorwurf der Häresie haltlos ist. Luise Marion Frenkel schreibt über „Power and Authority in Late Antique Synods: Memnon of Ephesus and the Leadership of the Council of Ephesus (431)“. Die Rolle des Faustus von Riez auf den 14 Gallischen Synoden des 5. Jahrhunderts beschäftigt Silvia Mas. Die Situation von Sklaven ist nicht immer befriedigend durch Quellen belegt. Filippo Forlani gelingt es, aufgrund der Regelungen, die auf den Konzilien und Synoden unter westgotischer Herrschaft auf der Iberischen Halbinsel getroffen wurden, Schlüsse zu ziehen, die zu neuen Fragestellungen führen. Er sieht auch Parallelen zur aktuellen Situation. Interessant ist die Problematik der Sklaverei in einem christlich-kirchlichen Umfeld. Dazu gehört die Frage, ob Freigelassene zur Priesterweihe zugelassen werden können. Stefan Heid untersucht „Synodalakten als Quellen der Christlichen Archäologie am Beispiel Spaniens“. Indirekt geben die Texte Informationen zur Topographie des jeweiligen Versammlungsortes, zur Organisation der Versammlungen und zur Versorgung der Teilnehmer, zur (Bischofs-)Kirche und deren Ausstattung als Tagungsort, zum Baptisterium und anderen Bauten in kirchlichem Besitz, zu Archiv und Bibliothek.
Der Bereich „Mittelalter“ wird eingeleitet von Thomas Woelki über Regelungen in Synodalstatuten bezüglich der Gefahr, dass Kleinstkinder erdrückt werden, wenn sie im elterlichen Bett schlafen, und hygienischer Anweisungen zum Umgang mit Babys. Nicólas Álvarez de las Asturias studiert die pseudoisidorischen Dekretalen betreffend das Konzil von Nizäa. Lukasz Zak rekonstruiert die Umstände einer Reformsynode, die Ende 1079 oder Anfang 1080 „apud Sanctum Genesium“, also in San Genesio di San Miniato in der Toskana stattgefunden hat und nur noch in der metrischen Lebensbeschreibung des Reformbischofs Anselm von Lucca aus der Feder des Rangerius greifbar ist. Peter Bruns schildert das Ringen mit der Häresie des Nilus von Kalabrien, wie es die Geschichtsschreiberin Anna Komnene aufgreift, quasi ein „Nachspiel zu Chalkedon“ in der Kreuzfahrerzeit. Petar Vrankić geht einer Partikularsynode fern von Rom nach, nämlich der Legatensynode in Bosnien von 1203 (mit Text des Synodalaktes, S. 302 f.). Federica Germana Giordani ediert zwei noch unpublizierte „litterae clausae“ bezüglich des Konzils von Perpignan aus dem Bullarium Benedikts XIII. Sebastián Provvidente zeigt am Fall der „Satira“ des Theologen Johannes Falkenberg, wie man auf dem Konzil von Konstanz zu Entscheidungen fand („conciliariter“ – „nationaliter“). Alberto Cadili nimmt sich den „modus sedendi“ beim Konzil von Basel vor. – Die Klage gegen Abt Konrad VI. von Scheyern beim Konzil in Basel wurde bereits eingangs vorgestellt (Peter Segl). – Thomas Prügl beschreibt einen in einer Sammelhandschrift (Bibl. Apostolica Vaticana, Chigi E.VII.208) anonym überlieferten und neu aufgefundenen Traktat zur Autorität der Konzilien von Andreas Dias de Escobar (ca. 1357–1448), der für die Ekklesiologie Escobars interessant ist. Thomas M. Izbicki setzt sich mit dem Umgang mit den „Irrtümern“ der Griechen auseinander, wie er sich im „Directorium Inquisitorum“ des Nicholas Eymerich und der Aktualisierung durch Francisco Peña manifestiert. Evangelos Chrysos legt dar, wie das Unionsdekret des Konzils von Florenz 1484 in Konstantinopel verurteilt wurde (im Anhang das Konzilsdekret im griechischen Original sowie zwei Textauszüge in Übersetzung und auf Griechisch).
Mit Nelson H. Minnich sind wir in der Neuzeit angelangt. Minnich versucht eine neue Einschätzung, wie das 5. Laterankonzil zur Missionierung in den von Spanien und Portugal eroberten Ländern steht; was sich nicht in Konzilsdekreten niedergeschlagen hat, kann aus anderen Quellen ergänzt werden. – Zur Eichstätter Diözesansynode von 1548 (Bernward Schmidt) siehe oben. – Die folgenden Beiträge befassen sich mit Rezeption und Auswirkungen des Konzils von Trient. Jaime Justo Fernández richtet das Augenmerk auf Spanien und die Vorbereitung des Provinzkonzils von Santiago de Compostela, das 1565 bis 1566 in Salamanca stattfand. – Zu den Aufsätzen von Ralf van Bühren über die Trierer Domkanzel und Christina Traxler über die Verbreitung der Dekrete des Trienter Konzils siehe oben. – Matteo Al Kalak analysiert die unterschiedlichen Positionen von Giuseppe Alberigo und Paolo Prodi als prominenten Vertretern der kirchenhistorischen Forschung, die während und nach dem II. Vatikanum Bedeutung und Nachleben des Konzils von Trient zu gewichten suchte.
Luis Martínez Ferrer führt uns in die 1534 errichtete Diözese Guatemala. In einem archivalischen Fundus von 255 Kopien von Privilegien für die Diözese findet sich ein von Rom approbiertes Papier für Bischof Hernando Arias de Ugarte bezüglich der Weihe von Indios (mit Wortlaut des Schreibens). Péter Tusor gibt einen Überblick über die Synoden in Ungarn in der Frühen Neuzeit.
Carlo Pioppi stellt die Provinzsynode von 1850 in Pisa in die (kirchen-)politischen Zusammenhänge der Revolutionsjahre 1848/49 und umreißt die Anliegen der Synode. Klaus Schatz schreibt über „Trient als Argument – Das Tridentinum in Praxis und Diskussionen des 1. Vatikanums“. – Zu Ansgar Frenken über Heinrich Finke siehe oben. – Alexandra von Teuffenbach („Cuius panem manduco, carmina canto“) hinterfragt die Wechselwirkungen zwischen den hohen Kosten und deren Finanzierung während des I. und II. Vatikanischen Konzils und der Arbeit der Kommissionen und Konzilsväter.
Mónica Fuster Cancio widmet sich der Konferenz von Dar es Salaam im August 1928 unter dem Aspekt der Synodalität während der Kolonialzeit (mit Anhängen). Die drei letzten Titel beschäftigen sich mit dem II. Vatikanum. Mit einer sehr persönlichen Note kommentiert Agostino Cardinale Marchetto seine Handreichung („Sommario“) zum Archiv des Staatssekretariats von 2022, welches wichtig für Geschichte und Hermeneutik des Konzils ist. Mariano Delgado zeigt auf, wie aufgrund der besonderen politischen Situation „zwei eher ‚religionspolitische‘ Texte die Konzilsrezeption in Spanien besonders geprägt haben: die Erklärung Dignitatis humanae über die Religionsfreiheit und die Pastoralkonstitution Gaudium et spes über die Kirche von heute.“ (S. 706, Hervorhebungen im Original kursiv) Thomas Wünsch skizziert überzeugend und eindrucksvoll, wie Karol Wojtyła zunächst als Erzbischof von Krakau und Teilnehmer am II. Vatikanischen Konzil und dann als Papst Johannes Paul II. mit „eine[r] neue[n] Dimension von Außenpolitik“ eine kirchliche „Ostpolitik“ entwarf: „Es ist kein weiter Weg von der wiederhergestellten kirchlichen Einheit zu einer europäischen Einheit – die dann eben, fast automatisch, die slawischen Länder mit einbegreifen würde.“ (S. 730)
Das umfangreiche Register schlüsselt Personen, Orte und Konzilien auf. Der Titel „Synodalis consonantia“ (griechisch συνοδικὴ ἐκφώνησις) geht auf eine Äußerung von Tarasios, Patriarch von Konstantinopel, beim Zweiten Konzil von Nizäa zurück (S. X) – ein gemeinsamer Nenner für die vielen qualitätvollen und lesenswerten Aufsätze.