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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Walter Berschin

Der Symbolismus des zwölften Jahrhunderts. Per visibilia ad invisibilia

Wiesbaden 2025, Reichert, 147 Seiten, 17 Abbildungen


Rezensiert von Veronika Lukas
In: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte
Erschienen am 04.09.2026

Das 12. Jahrhundert ist bekannt als eine Zeit geistiger Blüte; geflügelt ist das Wort von der Renaissance des 12. Jahrhunderts. Meistens denkt man dabei an die großen Dichter und scholastischen Theologen Frankreichs. Walter Berschin will mit diesem Buch eine andere Facette der Literatur dieser Zeit in den Mittelpunkt stellen, eine, die vor allem im deutschen Reich zur Blüte gekommen ist. Hervorgegangen ist es aus einer Vorlesung, die der Heidelberger Emeritus für lateinische Philologie des Mittelalters in den Jahren 1979 bis 2005 mehrmals gehalten und verfeinert hat. Der einführende Charakter dieses Ausschnitts aus der Literaturgeschichte ist unübersehbar; die behandelten Autoren kommen zwar ausgiebig selbst zu Wort, aber fast ausschließlich in deutscher Übersetzung, nur in Ausnahmefällen findet man den lateinischen Originaltext wenigstens in einer Fußnote. Die Eigenart dieser Literatur fasst Berschin unter dem Begriff des Symbolismus, was prinzipiell erst einmal keine Neuerung ist, da der Terminus schon im frühen 20. Jahrhundert von damals zeitgenössischen Strömungen auf eine bestimmte Richtung der mittelalterlichen Literatur übertragen wurde. Gemeinsam ist dem Symbolismus um 1900 und dem des hohen Mittelalters, dass die sinnlich erfahrbare Welt nicht für sich steht und nicht um ihrer selbst willen wahrgenommen wird, sondern auf etwas Unsichtbares, Transzendentes verweist, das durch sie hindurchscheint und erkannt werden muss. Ob die beiden Gedichte von Stéphane Mallarmé, die Berschin zur Illustration anführt (S. 11–15), wirklich dabei helfen, den mittelalterlichen Symbolismus besser zu verstehen, sei dahingestellt. Auch ist die Suche nach dem transzendenten Sinn hinter der sichtbaren Welt natürlich keine Erfindung des 12. Jahrhunderts; schon in der Bibelexegese der Kirchenväter ist mit dem vierfachen Schriftsinn das Bewusstsein dafür angelegt, dass die Welt mehr ist, als was sie zu sein scheint. Es ist also nur folgerichtig, dass für Berschin am Beginn der symbolistischen Ära ein Bibelkommentator steht, der Abt Rupert von Deutz († um 1130). Dieser selbstbewusste Mann, der sich zutraute, die großen Lehrer der Pariser Schulen, die frühen Scholastiker, im Redestreit herauszufordern und zu widerlegen, gilt allgemein als Vertreter eines monastischen Konservatismus. Berschin dagegen erkennt auch in ihm einen Neuerer. Anders als bisherige Bibeldeuter, denen es vor allem darum ging, die biblischen Geschichten aus sich selbst heraus zu verstehen, bringt Rupert seine eigene Zeit und sein eigenes Erleben hinein; seine eigene Welt kann ihm helfen, die Heilsgeschichte besser zu erkennen. Damit wird er für Berschin zum „Archegeten des hochmittelalterlichen Symbolismus“ (S. 17); in seiner Nachfolge steht die Geschichtsdeutung eines Otto von Freising ebenso wie das visionäre Weltbild Hildegards von Bingen, die bekanntesten der Autoren, denen Berschin ein Kapitel gewidmet hat. Behandelt werden auch der geheimnisvolle Honorius Augustodunensis, die kämpferischen Anselm von Havelberg und Gerhoch von Reichersberg, das Tegernseer Antichristspiel, das enzyklopädische Werk der Herrat von Landsberg, kurz die unbekannteren Autoren, der konvertierte Jude Hermann, Boto von Prüfening und Tuto von Theres. Mit der Dichtung des Adam von St. Victor verlässt Berschin sogar einmal das Reichsgebiet. Alle Autoren werden mit einem kurzen biographischen Überblick und charakteristischen Passagen aus ihren Werken vorgestellt. So ergibt sich im Zusammenhang eine Einführung in die lateinische Literatur des 12. Jahrhunderts auf dem Gebiet des deutschen Reichs, wie es ja wohl das Ziel der Vorlesung gewesen war, aus der das Buch hervorgegangen ist. Wer einen ersten Zugang zu den hier vorgestellten Autoren sucht, mag sich des schmalen Bändchens bedienen.