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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Mark Spoerer/Martin Götz

Von einer NS-Autarkiegründung zum Exportunternehmen. Die Entwicklung des Chemiefaserwerks in Kelheim vom 1935 bis 2004

(Beiträge zur Unternehmensgeschichte 38), Stuttgart 2025, Franz Steiner, 136 Seiten, zahlreiche Abbildungen


Rezensiert von Johannes Bähr
In: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte
Erschienen am 04.09.2026

Schon der Titel macht deutlich, dass die Geschichte des Faserwerks im niederbayerischen Kelheim nicht in gängige Muster passt, sondern – wie die Autoren zusammenfassend feststellen – „ausgesprochen ungewöhnlich“ verlief (S. 110). Die Regensburger Wirtschaftshistoriker Mark Spoerer und Martin Götz geben dafür in drei Teilen dieses schmalen Bands Erklärungen. An eine ausführlichere Darstellung zur NS-Zeit schließen knappere Kapitel zur Ära des „Wirtschaftswunders“ und zur wechselhaften Entwicklung in den folgenden Jahrzehnten an.

Das Buch verbindet die Geschichte des Werks mit Einblicken in die Entwicklung der Chemiefaserproduktion. Es wird deutlich, dass die Viskose, eine halbsynthetische, aus der Zellulose des Holzes gewonnene Chemiefaser, in den 1920er-Jahren international als zukunftsfähiges Produkt galt. Die Fertigung erforderte aber noch einen hohen Kapitaleinsatz, den nur große Konzerne aufbringen konnten. Das NS-Regime baute dann die Synthesefaserproduktion unter ganz anderen Vorzeichen massiv aus. Die nunmehr als „Zellwolle“ bezeichnete Viskose sollte die deutsche Textilindustrie von Importen unabhängiger machen.

Im Rahmen dieses Autarkieprogramms entstanden regionale Hersteller wie die Süddeutsche Zellwolle AG und ihr Werk in Kelheim. Die Autoren machen deutlich, dass es dafür weitreichender Förderung bedurfte, aber keines Zwangs. Die Zellwolle-Werke wurden von Spinnereien und Webereien der Region gegründet, indem der NS-Staat ihnen Anreize bot, ohne wirtschaftliches Risiko in die neue Technik einzusteigen. Für den Standort Kelheim entschied man sich, weil eine Zusammenarbeit mit der dortigen Zellstoff-Fabrik möglich schien. Das Werk wuchs mit dem von der NS-Wirtschaftspolitik entfachten Zellwolle-Boom, Kelheim erlebte durch sein Chemie-Cluster einen Aufschwung. Während des Krieges konnte die Fertigung trotz zunehmender Einschränkungen aufrechterhalten werden, vor allem durch die Einstellung von Frauen aus der Region, aber auch durch den Einsatz von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern aus der Sowjetunion, aus Italien und Frankreich. Über deren Behandlung ließen sich kaum belastbare Angaben finden.

Im Wachstum der 1950er-Jahre erfüllten sich die Erwartungen an das Potenzial der halbsynthetischen Chemiefaser unter Marktbedingungen. Die Zellwolle hieß jetzt wieder Viskose und war wegen ihrer textilen Eigenschaften im In- und Ausland gefragt. Mit der Krise der deutschen Textilindustrie veränderte sich der Markt. Vollsynthetische Fasern, wie sie für Heimtextilien und Möbel verwendet werden, boten ein größeres Potenzial. Das Kelheimer Werk reagierte darauf, indem es seine Fertigung auf die synthetische Acrylfaser erweiterte. Die Erfolge dieses Produkts ermöglichten es, an der Viskosefertigung festzuhalten als andere Hersteller aufgaben.

Die Bedeutung des Chemiefaserwerks für die Region und die Industrialisierung in Ostbayern kommt hier insgesamt zu kurz. Dagegen gehen Mark Spoerer und Martin Götz ausführlicher darauf ein, dass das Wachstum der Kelheimer Chemie mit einer enormen Umweltbelastung verbunden war. Erst seit den 1970er-Jahren entstand dafür ein Bewusstsein. Mit hohen Investitionen gelang es, die Schadstoffemissionen zu reduzieren.

Das Faserwerk kam als Betrieb der Hoechst AG durch die Krisen der 1970er- und 1980er-Jahre. Nachdem dieser Rückhalt durch die Zerschlagung des Konzerns weggefallen war, wechselten die Eigentumsverhältnisse rascher und immer wieder war der Fortbestand des Werks gefährdet. Die Darstellung endet mit der 2004 erfolgten Verselbständigung des Viskosebereichs als Kelheim Fibres GmbH, was sehr sinnvoll erscheint, da sich die Autoren schon im letzten Teil nicht mehr auf das Archiv des Unternehmens und fast nur noch auf Aussagen von Zeitzeugen stützen konnten. Doch bleibt zu hoffen, dass auch die Entwicklung der letzten Jahrzehnte einmal untersucht wird, mit der die Geschichte des Werks endete. Im März 2026 musste die Kelheim Fibres GmbH die Fertigung einstellen. Begründet wurde die Schließung mit einem Preisverfall und hohen Energiekosten.

Vor diesem Hintergrund ist die ungewöhnliche Entwicklung des Kelheimer Chemiefaserwerks noch aufschlussreicher. Sie wird von den Autoren umfassend und gut nachvollziehbar beschrieben.