Aktuelle Rezensionen
Magda Fischer
Die Ordnung des Wissens. Südwestdeutsche Klosterbibliotheken im 17. und 18. Jahrhundert
(Veröffentlichungen der Kommission für Geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg. Reihe A 67), Ostfildern 2025, Jan Thorbecke, LXXIV + 832 Seiten
Rezensiert von Georg Schrott
In: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte
Erschienen am 10.09.2026
Ein künftig unübergehbares bibliotheksgeschichtliches Standardwerk hat Magda Fischer mit ihrem voluminösen Band über „Die Ordnung des Wissens“ vorgelegt. Auch der konkretisierende Untertitel „Südwestdeutsche Klosterbibliotheken im 17. und 18. Jahrhundert“ kann lediglich andeuten, worum es in diesem Opus magnum in besonderer Weise geht: Um eine Bestandsaufnahme und Auswertung von frühneuzeitlichen Bücherverzeichnissen aus Männer- wie Frauenklöstern und aus den Jesuitenkollegien auf dem Gebiet des heutigen Baden-Württemberg. Die Existenz der Inventare kann sich zwei unterschiedlichen Ursachen verdanken: der Bibliotheksorganisation im Konvent selber oder aber der Abwicklung der Klosteraufhebungen im Zuge der Säkularisation.
Die Autorin formuliert als ihr Anliegen, „aus den Trümmern der bei der Säkularisation vielfach zerschlagenen und zerstreuten Büchersammlungen die Einzelteile zu sammeln, zu sortieren und zu beschreiben“ (S. 353 f.). Dies geschieht im zweiten Teil des Bandes, einem Inventar von über 400 Seiten, in dem, alphabetisch nach Orten sortiert, die Eigenschaften von 479 (!) Bücherverzeichnissen beschrieben sind. Viele von ihnen wurden von der Autorin überhaupt erst aufgespürt. Damit liegt eine enorme Fundgrube vor, die als solide Basis für die weitere Erforschung ehemaliger Konventbibliotheken in Baden-Württemberg dienen kann.
Doch auch wenn man dies gar nicht beabsichtigt, kann man von dem Werk erheblich profitieren, vor allem wenn man mit klösterlicher Kultur- und Bildungsgeschichte beschäftigt ist. Denn im ersten Teil, überschrieben mit „Konzepte und Profile“ (S. 1–359), werden breit die Schlussfolgerungen entfaltet, die Fischer aus ihrer langjährigen Forschungsarbeit ziehen konnte. In den Vorbemerkungen (S. 11–38) sind zunächst räumliche und zeitliche Koordinaten klösterlicher Bibliothekskultur abgesteckt in Form eines Überblicks über die weltliche und geistliche Bibliothekslandschaft und über prägende Faktoren wie etwa monastische Frömmigkeit, Konfessionalisierung oder aufklärerische Entwicklungen. Im Abschnitt „Wissenssoziologische Aspekte“ (S. 23–38) wird die Rolle der Bibliotheken für die Wissensakkumulation und -produktion in den Klöstern umrissen, verbunden u.a. mit der Feststellung, „dass Größe und Qualität einer Büchersammlung nicht einfach proportional zur Produktivität der Konventualen stehen“ (S. 25). Klosterbibliotheken waren schließlich nicht einfach bedarfsorientierte Gebrauchssammlungen, vielmehr erschienen sie „mit ihrem umfassend gesammelten Wissen [...] als ein Abbild des Kosmos“ (S. 29).
Anders als für das Mittelalter ist für die Frühe Neuzeit eine systematisch vergleichende Ordensgeschichte noch immer ein Desiderat. Fischers Untersuchung kann hierfür nun als Basis für den bibliotheksgeschichtlichen Bereich dienen. Im Abschnitt über die „Generalia: Bibliothekskonzepte der Orden“ (S. 38– 111) werden nacheinander die Statuten der einzelnen Gemeinschaften von Regularklerikern, Mönchen und Chorherren ausgewertet, sodass deren unterschiedliche Profile hervortreten. Vergleichsweise kurz fällt der Abschnitt über die Frauenklöster (S. 95–111) aus – kein Versäumnis der Autorin, sondern Resultat einer geschlechterdifferenten Bibliothekskultur. Nicht nur waren die barocken Prunk- und Schaubibliotheken eine Domäne der Männer, auch die Buchbestände der Frauen sind im Durchschnitt wesentlich kleiner. Hinzu kommt die asymmetrische Forschungslage, die sich bisher allzu einseitig auf die Büchersammlungen der Männer konzentrierte. Relativ spät wurden im Zuge der Gender Studies die Bibliotheken weiblicher Konvente „als ein Feld“ entdeckt, „in dem Lebensentwürfe und Handlungsspielräume von Frauen und ihr spezifischer Beitrag zur Lesekultur sichtbar werden können“ (S. 95). Fischer betont daher, dass es ein Fehler wäre, die Bibliotheken der Nonnenklöster an denen der Männer zu messen. „Für das monastische Buch- und Bibliothekswesen der Frauen heißt dies, die Bibliotheken in ihrer Gesamtheit und Eigenart zu sehen und daran eigene Maßstäbe anzulegen und andere Forschungsfragen zu stellen.“ (ebd.)
Auf die Generalia folgen nun als längstes Kapitel des ersten Teils die „Specialia: Bibliotheksprofile im deutschen Südwesten“ (S. 111–351). Hier wird auf Spezifika einzelner Konvente eingegangen, jedoch mit vielen verallgemeinerbaren Ergebnissen. Einzelne Abschnitte befassen sich u.a. mit dem Verhältnis der Klosterleitung zu ihren Bibliotheken, mit den Privatbibliotheken von Mönchen, dem Amt des Bibliothekars, Bibliothekssystematiken und -katalogen und der Rolle klösterlicher Netzwerke für das Bibliothekswesen, wobei (in der Terminologie etwas pauschalisierend) die „gelehrten Orden“ (Benediktiner, Zisterzienser, Prämonstratenser und Augustiner-Chorherren) den Schul- und Seelsorgeorden gegenübergestellt werden. Eine eigene längere Passage widmet sich den Bibliotheken der Frauenklöster.
Wer sich für die baden-württembergischen Specialia wenig interessiert, sollte sich zumindest den zusammenfassenden Gedanken (S. 353–359) zuwenden, wo noch einmal Hauptzüge des Vergleichs der verschiedenen Orden und der Männer- und Frauenklöster formuliert sind. Fischer unterstreicht abschließend die Wichtigkeit eines systemischen Blicks auf die Klosterbibliotheken und rügt, „die Erkenntnis, dass das Ensemble einer Büchersammlung einen über das Einzelbuch hinausgehenden zusätzlichen Quellenwert bedeutet“, finde bis heute zu wenig Beachtung (S. 358). Die Auswertung der Bücherverzeichnisse im anschließenden Inventar liefert dafür eine kaum überbietbare Grundlage.
Nicht immer selbstverständlich ist in bibliotheksgeschichtlichen Studien eine gleichrangige ordenshistorische Kompetenz des Autors oder der Autorin. Fischers Ausführungen weisen jedoch in beiden Feldern dieselbe Qualität auf, sodass ihre Ergebnisse und Reflexionen auch für kulturgeschichtliche Nachbarbereiche höchst anschlussfähig sind. Ihre profunden Kenntnisse der frühneuzeitlichen Bibliotheksgeschichte erlauben es der Autorin übrigens auch, immer wieder Vergleiche zu den Verhältnissen auf dem Gebiet des heutigen Bayern zu ziehen, vor allem zum Kloster Polling, aber auch zu Kempten, Ottobeuren, St. Emmeram, St. Mang in Füssen oder St. Walburg. Nach der Lektüre von Fischers Band sieht man ein komplementäres Standardwerk zu den „südostdeutschen“ Klosterbibliotheken im heutigen Bayern nicht nur als wünschenswert, sondern als unbedingt erforderlich an.