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Aktuelle Rezensionen


Benjamin Büscher/Veith Kilberth/Hagen Wäsche (Hg.)

Skate and Research. Skateboarding als bewegungskulturelle Praxis und interdisziplinäres Forschungsfeld

(Urban Studies), Bielefeld 2025, transcript, 366 Seiten mit Abbildungen, ISBN 978-3-8376-7436-1


Rezensiert von Hans Berner
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 18.09.2026

Wissenschaftliche Auseinandersetzungen mit Skateboarding haben in den letzten Jahren einen sichtbaren Schub erhalten. Mit dem Sammelband haben die Herausgeber Benjamin Büscher, Veith Kilberth und Hagen Wäsche den Versuch unternommen, eine disziplinübergreifende „Bestandsaufnahme“ (16) der wissenschaftlichen Beforschung von Skateboarding im vorwiegend deutschsprachigen Raum zu offerieren. Den Ausgangspunkt für das Werk bildete die 15. Jahrestagung der Kommission „Sport und Raum“ der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft, die unter dem Titel „Skaten und Klugschei$en – Wissenschaftliche Perspektiven auf das Skateboarding“ vom 5. bis 7. Oktober 2023 in Dortmund abgehalten wurde und die die erste wissenschaftliche Konferenz in Deutschland mit dem Fokus Skateboarding darstellte (15). Der Forschungsgegenstand wird in sechs Abschnitten mit insgesamt 22 Aufsätzen aus kulturwissenschaftlichen, soziologischen und historischen, psychologischen, sportwissenschaftlichen und pädagogischen Perspektiven sowie mit Zugängen aus den (Dis)Ability und Gender Studies diskutiert. Das Werk wird dabei vom Anspruch getragen in Wissenschaft und Praxis entwickelte Positionen zusammenzuführen. Nicht zufällig sind und waren zahlreiche Autoren und Autorinnen selbst im Skateboarding aktiv und teils professionell mit dem Sport verbunden (22).

Nach den Band rahmenden Beiträgen von Hagen Wäsche und Benjamin Büscher greift Konstantin Butz im ersten Aufsatz direkt die Frage nach einem stimmigen Verhältnis von theoretischer Reflexion und praktischer Erfahrung im methodischen Zugang auf Skateboarding auf. Eine Verschränkung beider Dimensionen ist, wie Butz argumentiert, eine Bedingung, um der körperpraktischen Essenz des beforschten Phänomens in der Analyse gerecht werden zu können (44–45). Aus dieser Haltung heraus erklären sich die (auto)ethnografisch inspirierten Zugänge zahlreicher Beiträge im Sammelband. Der ehemalige professionelle Skateboarder Veith Kilberth verdeutlicht mit seiner feingliedrigen Betrachtung von Körperpraktiken sowie Stil und Ästhetik im Street Skateboarding diesbezüglich, wie Analysen in dieser Weise von subkultureller Expertise und körperpraktischem Erfahrungswissen profitieren können. Eckehart Velten Schäfer nimmt den subkulturellen und szenischen Diskurs um die Frage, ob Skateboarding als Sport zu betrachten oder von diesem abzugrenzen sei, zum Ausgangspunkt sportsoziologischer und -philosophischer Analyse. Nach der Herausarbeitung von Parallelen und Unterschieden zum institutionalisierten (Vereins-)Sport argumentiert Schäfer – vor dem Hintergrund der historischen Entwicklungen sowie der Aufnahme von Skateboarding als Disziplin in die Olympischen Spiele –, dass sich auf den Sport berufende und sich von diesem abgrenzende Elemente in dialektischer Weise koexistieren (63). Der Sammelband selbst könnte als Bestätigung dieser These betrachtet werden, indem Aufsätze, welche subkulturelle, spielerische und informelle Aspekte in das Zentrum der Betrachtung rücken, im weiteren Verlauf durch Beiträge aus sportwissenschaftlichen und -pädagogischen sowie leistungsportbezogenen Perspektiven ergänzt werden. Mit einem Aufsatz zum Skateboarding in Westberlin zwischen 1970 und 1990, in dem auch der Aufstieg und Fall des 1977 gegründeten 1. Berliner Skateboardvereins nachgezeichnet wird (126), macht Kai Reinhart am konkreten Beispiel deutlich, wie Skateboarding wiederkehrend in zeitweise produktive und konflikthafte Berührungen mit der Welt des institutionalisierten Sports geriet. Sebastian Schweer legt den analytischen Fokus auf die mediale Sphäre, seziert das noch recht junge Format der Rough-Cut-Skateboarding-Videos und verortet es prägnant in der historisch gewachsenen Verschränkung von Videoproduktion und ‑Konsumtion im Skateboarding. Unter Rückgriff auf Hartmut Rosas Resonanztheorie konturiert Schweer das besondere Resonanzpotenzial der Rough Cuts, das sich für im Skateboarding Erfahrene aus ihrer, im Vergleich zu gängigen Highlight-Videos, dokumentarisch wirkenden Qualität ergibt (101–103).

Im soziologischen und historischen Teil des Bandes wird der Verwicklung von Skateboarding mit raumbezogenen Praktiken und Strukturen mit gleich vier Beiträgen Aufmerksamkeit geschenkt. Die Diskussion eröffnet Christian Peters mit einer Untersuchung der dem Skateboarding immanenten, spielerischen Aneignung urbaner Räume in gefundener, geschaffener und selbst geschaffener Form. Positive Effekte von Skateboarding in Stadträumen haben, so Peters, zu seiner verstärkten Berücksichtigung in Stadt- und Raumplanung geführt und es im Rahmen eines „Skateboard Urbanismus“ (121) als weichen Standortfaktor produktiv werden lassen. Gerade aufgrund seiner informellen, raumgreifenden Praxis gerät Skateboarding jedoch auch nicht selten in Konflikte mit der weiteren Gesellschaft, was (staatliche) Bestrebungen zu seiner (räumlichen) Regulierung nach sich zieht. Dies nimmt Amely Funke zum Ausgangspunkt, um auf Grundlage von Interviews mit Personen aus Kommunalpolitik und Skateboardzene Wahrnehmungen und Konzeptionen von Raum vergleichend zu betrachten und der häufig fehlenden Berücksichtigung der Bedürfnisse und Perspektiven von Skateboardern und Skateboarderinnen in kommunalpolitischen Entscheidungsstrukturen nachzugehen. Schließlich geht Niklas Lütgerodt mit einem ethnografisch inspirierten Zugang in einem Karlsruher Skatepark in noch kleinerem Maßstab dem Konfliktpotenzial zwischen Skateboard- und Scooterfahrenden auf den Grund, das sich aufgrund verschiedener Nutzungsweisen und Organisationsformen der beiden Gruppen innerhalb der überschaubaren Infrastruktur charakteristischerweise ergibt. Weshalb (Street) Skateboarding trotz seines Konfliktpotenzials aus resonanztheoretischer Perspektive nicht in Skateparks einhegt werden kann und sollte diskutieren Paul Klausing und Hartmut Rosa. Da Resonanz sich im (Street) Skateboarding insbesondere aus der Erkundung und Erfahrung der Stadtarchitektur und ‑gesellschaft speist (171), schränkt jede räumliche Fixierung und Regulierung von Skateboarding das Resonanzpotenzial der Praxis ein. Mit Berücksichtigung von Skateboarding in der Stadtplanung, so die Autoren, können Wege gefunden werden, um sein konfliktfreies Ausleben im öffentlichen Raum zu ermöglichen (176).

Im dritten Themenblock stehen Fragen um In- und Exklusionen und Diskriminierung in Bezug auf Geschlecht und Behinderung im Fokus. Zurückgreifend auf eigene Erfahrungen als Sportler und Aktivist erläutert David Lebuser Grundlagen der noch jungen Disziplin des Wheelchair Motocross (WCMX) und erörtert dessen inklusionspolitische Relevanz für Menschen mit Behinderung und die weitere Gesellschaft. Besonders hervorzuheben sind Lebusers prägnante Darstellungen zu jüngeren Entwicklungen im inklusiven Skateparkdesign, das beim Bau neuer Anlagen vermehrt berücksichtigt wird und diese für Rollstuhlfahrende als Sport- und Spielräume nutzbar macht (184). Die weiteren Beiträge des Teils widmen sich einer feministischen Kritik der männlich dominierten, heteronormativen Welt des Skateboardings und adressieren die ambivalenten Erfahrungen von Mädchen und Frauen. Roxana Černický thematisiert Sexismus und Geschlechterrollen in Skateboardmedien über die Analyse ausgewählter Videos. Dani Abulhawa diskutiert in ihrem aus dem Englischen übersetzten Beitrag separatistische und inklusive Strömungen des feministischen Aktivismus im (kommerziellen) Skateboarding. Unter Bezugnahme auf die Pro-Skaterinnen Leo Baker und Leticia Bufoni reflektiert sie kritisch latent sexistische (mediale) Diskurse und richtet den Blick auf (post)feministische Interventionen in der jüngeren Vergangenheit (227–229). Katharina Geling bringt zunächst die Frage nach den Ursachen männlicher Dominanz im Street Skateboarding mit dessen Verwicklung in Geschlechterungleichheiten der Gesamtgesellschaft in Verbindung, und macht in DIY-Skateparks spezifische Hindernisse, aber auch besonderes Potenzial zur Öffnung neuer Möglichkeitsräume für ein geschlechtergerechteres Skateboarding aus (212–214). Mit ihren Beiträgen verdeutlichen die Autorinnen gleichermaßen die Persistenz, als auch die zunehmende Infragestellung und Dynamisierung geschlechtsspezifischer Ungerechtigkeiten und Diskriminierung im Skateboarding.

In der zweiten Hälfte des Sammelbandes stehen praxisorientierte Zugänge im Vordergrund. So ergründet Jan Hochgürtel auf Basis qualitativer Interviews die Relevanz externer Einflüsse, intrinsischer Motivationen und individueller Handlungsstrategien, die die Risikobereitschaft von Skatern und Skaterinnen beeinflussen. Über die Auswertung statistischer Daten identifiziert Ingo Helmich charakteristische Sturzverletzungen im Skateboarding und argumentiert auf dieser Basis, dass Helme und Protektoren neben dem Praktizieren in regulierten Umgebungen in besonderer Weise zur Verletzungsprävention beitragen können (270). Vom medizinisch begleiteten Versuch Skateboarding-Workshops als verhaltenstherapeutisches Angebot in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen mit ADHS-Diagnose einzusetzen, berichten Tabea Christ, Alexander Krick, Christiane Bohn und Kim Joris Boström. Mit Tests im motorischen, kognitiven und symptomatischen Bereich konnte vorsichtig auf positive Effekte von über 16 Wochen durchgeführten Skateboarding-Workshops geschlossen werden.

Die Tendenz einer zu beobachtenden leistungssportlichen Institutionalisierung von Skateboarding tritt im trainingswissenschaftlichen Teil des Bandes sichtbar zu Tage. Lea Schairer, die als Bundestrainerin im Street Skateboarding tätig ist (364), Anna Crumbach und Kristina Flasch-Coura offerieren eine systematische Darstellung der Organisation des Rollsports auf nationaler und internationaler Ebene seit der Aufnahme in die olympischen Disziplinen sowie sich daraus ergebenden Trainingsschwerpunkte und ‑methoden. Felix Grätz, Philipp Jodes und Niklas Noth erörtern Standards und Methoden zur Leistungsmessung im wettkampforientierten Skateboarding. Gemeinsam mit Susanne Schönburg fügt Noth dieser Betrachtung im Folgebeitrag eine systematische Darstellung praxiserprobter Lern- und Trainingsmethoden im leistungssportlich orientierten Skateboarding hinzu.

Zum Abschluss des Sammelbandes werden pädagogische Fragen um Formen des Lernens und Lehrens sowie der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen im Skateboarding erörtert. Während tradierte Formen selbstbestimmten und gemeinsamen Lernens von Pao Nowodworski, Pascal Homölle und Pauline Kortmann am Beispiel des Game of S.K.A.T.E. betont werden (316–317), eruiert Olaf Küsgens die Rolle von Coaches im Skateboarding und bietet Anregungen zur Konzeption und Anleitung von Trainings und Workshops. Abgerundet wird der Sammelband von Benjamin Büscher und Hagen Wäsche, die nicht nur Möglichkeiten und Grenzen von Kompetenzerwerb und ‑vermittlung über Skateboarding abstecken, sondern zudem neuere Entwicklungen um Skateboarding im Breiten- und Leistungssport, im Schulsport und der Kinder- und Jugendarbeit nachzeichnen sowie auf diesbezügliche Forschungsleerstellen aufmerksam machen.

In der Gesamtschau wirft das Werk einen interdisziplinär weitschweifenden Blick auf den Forschungsgegenstand. Sowohl Neuinteressierte als auch mit der Thematik schon vertraute Leser und Leserinnen erhalten mit der Lektüre einen vielgestaltigen Einblick in die Skateboardingforschung. Die ausführlichen Literaturverweise bieten weiterhin Lektüreanregungen in der deutsch- und englischsprachigen Forschungslandschaft.