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Anno Stockem

Die Putzmacherin. Ein Beruf im 19. Jahrhundert

Münster 2025, Waxmann, 292 Seiten mit Abbildungen, ISBN 978-3-8188-0082-6


Rezensiert von Michaela Breil
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 21.09.2026

Putzmacherinnen spielten im 18. und 19. Jahrhundert eine entscheidende Rolle bei der individuellen Gestaltung von Kleidern und Accessoires wie Hüten. Ihre Tätigkeit stellte einen „selbstverständlichen und wichtigen Teil der vestimentären Kultur“ (9) dar. Zusammen mit ihren meist begüterten Kundinnen setzten sie modische Trends. Waren Schneiderinnen und Schneider für die Herstellung eines Kleides mit Modellgestaltung, Schnittführung und der Anpassung an die Kundin zuständig, oblag den Putzmacherinnen und sehr viel seltener Putzmachern die Auszier oder der Aufputz. Dies ging weit über die Gestaltung eines passenden Hutes zu einem fertigen Kleid hinaus und diente der „visuellen Veränderung und Optimierung von Kleidung“ (139). Die Putzmacherinnen leisteten damit einen wesentlichen Beitrag zur kulturellen Praxis bei der Entwicklung von Mode. Die bekannteste Vertreterin ihres Berufsstandes war im 18. Jahrhundert Rose Bertin (1747–1813), die Putzmacherin und Modistin Marie Antoinettes (1755–1793), die gemeinsam mit der französischen Königin die Mode ausgehend von Paris maßgeblich prägte.

Anno Stockem nimmt in seiner Dissertation erstmals den Beruf der Putzmacherinnen in den Blick – ein Beruf, zu dem bisher keine umfassenden Untersuchungen vorliegen. Sein Ansatz zielt dabei weniger auf die Modegeschichte ab, sondern vielmehr auf die wirtschaftlichen, kulturellen und emanzipatorischen Aspekte des Berufs. Die Arbeit ist interdisziplinär angelegt: Sie untersucht sowohl das Gewerberecht im Hinblick auf die Entwicklung einer eigenständigen weiblichen Erwerbstätigkeit als auch die zeitgenössische Bildungspolitik und deren Auswirkungen auf die Bildungsmöglichkeiten der Putzmacherinnen.

Stockem konzentriert sich dabei auf das sogenannte „lange 19. Jahrhundert“, da sich die „Bedeutung der Putzmacherinnen für die Mode“ (15) zu Beginn des Jahrhunderts entwickelte, zum Ende jedoch wieder zurückging. Mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges 1914 verschwand der Beruf schließlich oder ging in anderen Berufen auf. Aus dem Berufsstand der Putzmacherinnen gingen ab dem 19. Jahrhundert die ersten Modeschöpfer hervor, darunter Charles Frederick Worth (1825–1895), Jeanne Lanvin (1867–1946) und Coco Chanel (1883–1971). Die Couturiers entwickelten sich in Folge zu den „Gesamtschöpfern weiblicher modischer Kleidung“ (26) und verdrängten den Beruf der Putzmacherinnen aus seiner für die Modeentwicklung bedeutenden Rolle.

Die Arbeit ist als historische Studie angelegt und basiert auf umfangreichen Primär- und Sekundärquellen. Stockem forscht zunächst nach dem Begriff der „Putzmacherin“ in deutschen, englischen und französischen Lexika und Wörterbüchern. Dabei zeigt er auf, dass sich der Beruf der Putzmacherin nicht immer leicht gegenüber anderen Berufen – wie etwa der Modistin – abgrenzen lässt. Putzmacherinnen waren nicht nur für die Herstellung des „Putzes“ zuständig, sondern produzierten und handelten auch mit „Galanteriewaren“ und boten Dienstleistungen für ihre Kundinnen an. Sie bewegten „sich in einem Beziehungsgeflecht anderer relevanter Berufe“ (84) und sie produzierten „eine Vielzahl unterschiedlicher Objekte, die der Mode unterlagen“. (83)

Das dritte Kapitel widmet sich der Verbreitung und historischen Entwicklung des Berufes. Es zeichnet sich durch die akribische Untersuchung von Gewerbestatistiken Preußens, des Deutschen Zollvereins und des Deutschen Reiches aus. Stockem diskutiert ausführlich die Aussagekraft der einzelnen Statistiken für den Berufsstand der Putzmacherinnen – ein Aspekt, der für die Forschung höher zu bewerten ist als das reine statistische Ergebnis über den Anstieg und den Rückgang des Berufsstandes im 19. Jahrhundert. Stockem vertieft die Ergebnisse durch die Auswertung der Gewerbeverzeichnisse und Adressbücher am Beispiel von fünf ausgewählten Großstädten: Berlin, Hamburg, Dresden, Köln und Leipzig. Er hält die getroffene Auswahl für „unproblematisch“, da es um das „Phänomen ‚Großstadt‘ geht“ (102). Dennoch wäre die Einbeziehung einer süddeutschen Stadt wie München wünschenswert gewesen.

Im vierten Abschnitt seines Buches steckt Stockem den Rahmen ab, innerhalb dessen sich selbstständige Putzmacherinnen bewegten. Das reicht von den gewerbe- und handelsrechtlichen Voraussetzungen zu Fragen der Geschäftsfähigkeit der unternehmerisch handelnden Frauen im 19. Jahrhundert bis hin zu deren Geschäftsgrundlage – dem Erhalt der neuesten Modeinformationen aus Paris, London und Wien – und Aspekten der Betriebsführung. Dem stellt der Autor im fünften Kapitel die Arbeitsbedingungen der unselbstständigen Putzmacherinnen gegenüber, die häufig prekär beschäftigt waren und schließlich in den aufkommenden Warenhäusern neue Betätigungsfelder fanden.

Im letzten Kapitel richtet Stockem sein Augenmerk auf die Professionalisierung des Berufes, der durch die Gründung von Interessenverbänden, Fachzeitschriften und die Integration des Berufes in die Handwerksordnungen seinen Höhepunkt fand. Allerdings konzentrierten sich die Tätigkeiten immer mehr auf die Gestaltung von Hüten als „wichtigstes Produkt“. Der Beginn des Ersten Weltkrieges setzte der weiteren Entwicklung des Berufes ein plötzliches Ende. Nach dem Krieg spielte die vestimentäre Kultur der Putzmacherei in der Mode kaum noch eine Rolle – sie war in den Tätigkeitsfeldern der Couturiers und Modistinnen aufgegangen.

Anno Stockem forscht nicht nur zur Kulturanthropologie sondern auch zu Lernkonzepten. Dabei scheut er sich nicht Diagramme und Schaubilder in seine Publikation einzubinden. Diese veranschaulichen nicht nur seine Fragestellung, sondern stellen auch die Ergebnisse der einzelnen Kapitel begreiflich dar. Jedes Kapitel erhält zudem eine eigene schriftliche Zusammenfassung. Beide Elemente ermöglichen es den geneigten Lesenden das Buch nicht nur als Lesebuch, sondern als Nachschlagewerk zu nutzen und die Forschungsergebnisse schnell zu erfassen.

Besonders hervorzuheben ist an dieser Stelle Stockems intensive Auseinandersetzung mit dem Thema Zeitschriften – sowohl mit Fachzeitschriften als auch mit Modezeitschriften. Er beleuchtet die Rolle dieser Publikationen im Kontext des Berufes der Putzmacherei. Dieser dezidierte Blick auf die Zusammenhänge von Informationsbeschaffung und Weiterbildung eröffnet neue Erkenntnisse, auch für die Erforschung des frühen Modejournalismus. Der Anhang enthält neben einem ausführlichen Literaturverzeichnis auch ein Verzeichnis deutscher und deutschsprachiger Modezeitschriften aus den Jahren 1815–1914. In letzterem verzeichnet Stockem auch die Literatur, die die jeweiligen Periodika erwähnt.

Das Buch schließt eine Forschungslücke über einen historischen Beruf, dessen Bedeutung für die Entwicklung der Mode im Deutschland des 19. Jahrhunderts nicht unterschätzt werden darf. Es verbindet wirtschaftsgeschichtliche Aspekte mit denen der Sozialgeschichte und Kulturgeschichte. Es ist ein informatives und lesenswertes Buch, das gerade durch den historischen Blick einen berechtigten Platz im Fachgebiet der Kulturanthropologie des Textilen einnimmt.