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Christoph Pinzl

Hopfen. Biographie einer Pflanze. 1000 Jahre Hopfen in Deutschland

(Schriftenreihe des Deutschen Hopfenmuseums Wolnzach, Bd. 13), Wolnzach 2025, Deutsches Hopfenmuseum, 348 Seiten mit Abbildungen, ISBN 978-3-929749-12-0


Rezensiert von Stefan Brückl
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 21.09.2026

 

Wirtschaftskrise hin oder her: Beim Hopfen bleibt Deutschland tatsächlich ein Global Player. Allein ein Drittel des weltweiten Hopfenbedarfs wird von einer kleinen bayerischen Gegend zwischen München, Ingolstadt und Regensburg gedeckt: der Hallertau. Damit nicht genug, in Wolnzach in der Hallertau befindet sich mit Hüll das bedeutendste Hopfenforschungszentrum und das Deutsche Hopfenmuseum der Welt. Wie Deutschland zum wichtigsten Hopfenproduzenten wurde und vieles mehr über Biologie, Anbau und Verarbeitung dieses Hanfgewächses erzählt Christoph Pinzl, der Leiter des Wolnzacher Hopfenmuseums, in seinem Buch „Hopfen. Biographie einer Pflanze. 1000 Jahre Hopfen in Deutschland“. Der Titel mag auf den ersten Blick etwas ambitioniert wirken; doch nach der Lektüre hat man tatsächlich den Eindruck, dass die wirtschaftliche und industrielle Entwicklung Europas und der USA in den letzten Jahrhunderten an keiner anderen Pflanze so verständlich und exemplarisch aufgezeigt werden kann wie am Hopfen.

Bereits seit dem frühen Mittelalter wurde Hopfen in Deutschland angebaut und noch viel länger beim Brauen verwendet, um Bier haltbar und weniger anfällig für Bakterien zu machen. Im Reinheitsgebot von 1516 steht Hopfen als zentraler Bestandteil des Bierbrauens – und man kann mit Fug und Recht behaupten, dass sich diese Verordnung durchgesetzt hat. Denn so unterschiedlich die Bierstile und Biere heute auch sein mögen, fast alle enthalten Hopfen. In der Frühen Neuzeit entwickelten sich in Deutschland, Böhmen und auch England mehrere produktive Zentren des Hopfenanbaus. Zwischen 1600 und 1800 wurde der Anbau in Bayern stark gefördert, um nicht weiter von Böhmen abhängig zu sein, wo in dieser Zeit das größte Hopfenanbaugebiet der Welt zu finden war. Dabei unterschied sich die grundsätzliche Art des Anbaus zwischen dem „Ende des 18. Jahrhunderts nur gering von den Methoden aus der Zeit Wilhelms IV. von Bayern, vermutlich sogar recht wenig zu der Zeit Hildegards von Bingen“ (65), wie Pinzl schreibt. Erst durch die Industrialisierung und die Bevölkerungsexplosion setzte im 19. Jahrhundert ein wahrer Hopfenrausch ein. Es gab neue Anbaumethoden, Verarbeitungsverfahren und der Hopfenausstoß stieg rasant an. Das hatte natürlich auch mit der Entwicklung des Bieres zu tun. Etwa 95 % der Hopfenproduktion landeten – damals wie heute – im Bier und Bayerns Motto im 19. Jahrhundert war kurz gesagt: Bier für die Welt. Etwa 10 % der weltweiten Biermenge kam aus Bayern. Dafür brauchte es Hopfen, viel Hopfen. So nahm der Hopfen-Boom immer weiter zu, bis er Ende des 19. Jahrhunderts durch Überkapazitäten und die Große Depression einen nachhaltigen Dämpfer erfuhr. Aus dieser Krise ging vor allem die Hallertau als Gewinnerin hervor; während in anderen Hopfenanbaugegenden zahlreiche Betriebe schließen mussten, überlebten in der Hallertau viele, weil die Bauern dort meist nicht ausschließlich auf Hopfen setzten, sondern auch andere Nutzpflanzen anbauten. Der Dominanz der Hallertau konnten auch die beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts, während denen die Hopfenproduktion erwartungsgemäß einbrach, nicht nachhaltig schaden. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte mit dem „Wirtschaftswunder“ und neuen technologischen Verfahren ein anhaltender Aufschwung ein. Spätestens im Zuge der Craft-Bier-Bewegung seit etwa 2010 erfährt Hopfen eine Aufwertung und Aufmerksamkeit, die buchstäblich Blüten treibt: Sie führt zu einer neuen Sortenvielfalt im Hopfenanbau, die den Autor spürbar begeistert.

Pinzl führt die Leserinnen und Leser kundig und sprachlich souverän durch die Geschichte des Hopfens; er erklärt anschaulich und verständlich die teils komplexen fachlichen Details des Anbaus und der Verarbeitung. Fürs Verständnis sind die zahlreichen tollen, aufschlussreichen und durchweg gut beschrifteten Fotografien und Grafiken absolut hilfreich und sie zeigen, dass Pinzl als Leiter des Hopfenmuseums bei der Auswahl auf einen umfänglichen Fundus zurückgreifen konnte. Dabei ist das Buch dezent und übersichtlich gestaltet.

Viel Aufmerksamkeit widmet Pinzl dem bisher kaum erforschten Hopfenhandel. Vor 1800 gibt es dazu sehr wenige Informationen, „die Anfänge liegen völlig im Dunkeln“ (254). Als der Hopfenhandel im 19. Jahrhundert an Fahrt aufnahm, „finden sich in der Darstellung der Hopfenfahrer bereits zwei Motive, die später eine Art mythisches Klischee des Hopfenhandels prägten, das von der realen Lebenswelt der Hopfenkaufleute oft weit entfernt lag: Reichtum und Fremdheit“ (255). Dabei wäre die rasante Expansion des Hopfens und der Reichtum mancher Hopfenbauern ohne die Hopfenhändler mit ihren teils weltweiten Kontakten unmöglich gewesen. Die Händler halfen auch an anderer Stelle oft aus: Da der Hopfenanbau vielen Unwägbarkeiten und Ausschlägen ausgesetzt und durch die Expansion viel Kapital nötig war, mussten viele Hopfenhändler häufig sowohl Bauern auf der einen Seite als auch Brauern auf der anderen Seite Geld stunden. Das führte in manchen Fällen dazu, dass die Hopfenhändler Brauereien übernahmen, wie etwa im Falle des Unionsbräus aus München; in anderen Fällen bauten die Händler ihr Geldleihgeschäft so weit aus, dass sie sich selbst zu Banken entwickelten, wie die Geschichte des Bankhauses Kohn in Nürnberg zeigt. Dass über Hopfenhändler stets mehr Dichtung als Wahrheit herrschte, erkennt man auch am antisemitischen Ton der Vorwürfe. Viele Hopfenhändler im 19. Jahrhundert waren Juden; die Vorwürfe und Anfeindung nahmen vor allem nach der „Marktkrise 1890“ (280) bis in die NS-Zeit immer mehr zu. So erzählt Pinzl anhand der Geschichte des Hopfens auch von gesellschaftlichen Entwicklungen in Deutschland.

Doch Pinzls Buch erklärt nicht nur die langen Entwicklungslinien, sondern enthält auch viel Fachwissen, wie zum Beispiel die Funktionsweise des Gaschromatographen, und herrliche Details. Es ist voller wunderbarer Geschichten über Hopfentreter, den Schwefel vom Etna für den Hopfen und warum sich manche Menschen Hopfenstränge sogar in den Sarg legen ließen. Deshalb stellt es eine anregende, aufschlussreiche und unterhaltsame Lektüre für Fachpublikum und Laien gleichermaßen dar.