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Christina Besmer
Quartier und Nachbarschaft machen. Eine stadtethnographische Untersuchung in Basel über (Re-)Produktionen lokaler Räume und Sozialitäten
(culture [kylty:r]. Schweizer Beiträge zur Kulturwissenschaft 10), Münster 2024, Waxmann, 393 Seiten, ISBN 978-3-8309-4755-4
Rezensiert von Nicolas Dittgen
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 21.09.2026
In ihrer Monografie untersucht Christina Besmer ethnografisch, wie Quartier und Nachbarschaft im urbanen Kontext nicht nur gedacht, sondern im Sinne eines doing neighbourhood aktiv hergestellt werden. Ausgehend vom Matthäusquartier in Basel widmet sie sich der zentralen Frage, „wie, wozu und in welchen Kontexten verschiedene Akteurinnen und Akteure auf die Konzepte Quartier und Nachbarschaft Bezug nehmen und wie sie diese als urbane Nahräume und Sozialitäten deuten, machen, nutzen und verhandeln“ (11). Theoretisch verortet sie ihre Arbeit im Spannungsfeld von Praxeologie, Assemblagetheorie und relationaler Kulturanalyse, wodurch es ihr gelingt, Quartier und Nachbarschaft nicht als fixe Kategorien, sondern als prozesshafte, relationale Gebilde zu fassen. Die Monografie basiert auf ihrer 2019 an der Universität Basel angenommenen Dissertation.
Nach einer inhaltlichen Einleitung und Vorbemerkungen zu den Begrifflichkeiten Quartier und Nachbarschaft, die sie als Denkwerkzeuge versteht, stellt sie in einem Überblick ihre methodischen Zugänge und analytischen Perspektiven vor. Die Arbeit zeichnet sich durch eine bemerkenswerte empirische Tiefe aus. Besmer verfolgt einen dezidiert ethnografischen Zugang und stützt sich in ihrer Feldforschung vor allem auf teilnehmende Beobachtungen und qualitative Interviews mit Akteurinnen und Akteuren aus dem Feld sowie auf Medien- und Dokumentenanalysen. Diese empirischen Zugänge verknüpft sie gewinnbringend mit einer theoretisch reflektierten Rahmung. Als im Quartier wohnende Forscherin verortet sie sich, in dem über mehrere Jahre angelegte Erhebungszeitraum, selbst explizit im Feld. Besonders hervorzuheben ist die dichte Darstellung ausgewählter Interviewsequenzen, die einen tiefen Einblick in die Perspektiven der Beteiligten ermöglichen. Besmer bietet einen fundierten Überblick über den Forschungsstand der stadtanthropologischen und -soziologischen Literatur, insbesondere zu Konzeptualisierungen des Quartiers als sozialem Raum und der Bedeutung relationaler Perspektiven. Ihr Fokus liegt dabei auf den Beziehungen, über die sich Nachbarschaft konstituiert und welche sie nicht als gegebene Struktur, sondern als Ergebnis sozialer Praktiken ansieht. Ergänzt wird dieser theoretische Rahmen durch anwendungsorientierte Perspektiven, etwa aus der Quartiersarbeit oder der sozialräumlichen Stadtentwicklung.
Im ersten Analyseblock widmet sich Besmer der Untersuchung von Nachbarschaft als mediatisiertem Netzwerk, das sich jenseits klassischer räumlicher Nähe entfaltet. Anhand von drei exemplarischen Fällen, der Plattform nachbar.net, dem Sharing-Projekt Pumpipumpe sowie der erlenapp, zeigt sie unterschiedliche Formen des doing neighbourhood auf. Bei nachbarnet und Pumpipumpe wird Nachbarschaft als freiwillig gewählte, zweckorientierte Beziehung verstanden, die sich zunehmend vom physischen Raum löst. Die verhandelten Nachbarschaften sind nicht mehr zwangsläufig an den Wohnort gebunden, sondern orientieren sich an individuellen Bedürfnissen und Interessen. Im Gegensatz dazu richtet sich die erlenapp explizit an Bewohnerinnen und Bewohner eines bestimmten Basler Neubau-Areals, was eine räumlich gebundene Form von Nachbarschaft repräsentiert. Ergänzt werden diese Perspektiven durch die Analyse des Trashmobs GoldGlove, einem gemeinschaftlichen Nachbarschaftsevent, bei dem Anwohnende an einem Termin Müll sammeln und so den öffentlichen Raum, also ihr Quartier, reinigen. Besmer beschreibt dies als eine eventisierte Nachbarschaftspraxis, die temporär soziale Verbindungen schafft und öffentlich sichtbar macht. Ein Unterkapitel widmet sich der Partizipation im Rahmen von § 55 der Kantonsverfassung von Basel-Stadt, der eine rechtliche Grundlage für die Teilnahme der Quartierbevölkerung bietet, anhand der Mitwirkung bei der Entwicklung des Gebäudekomplexes Feldberg 47. Besmer reflektiert dabei ihre eigenen Erfahrungen im Beteiligungsprozess, die von Unzufriedenheit, kritischem Hinterfragen und einem Gefühl eingeschränkter Selbstwirksamkeit geprägt sind. Trotz Beteiligung wurde das Projekt letztlich offen zur Vermietung ausgeschrieben, was den Eindruck einer begrenzten Einflussnahme verstärkt. Die Autorin beschreibt die repetitiven Formate der Beteiligungs-Veranstaltungen, wie etwa das Sammeln von Meinungen an Flipcharts, die vor allem ein akademisch geprägtes Publikum erreichen. Kritisch hervorgehoben werden starre Vorgaben und eine einseitige Kommunikationsstruktur, die eine paradoxe Situation schaffen: Zwar besteht formal die Möglichkeit zur Partizipation, diese findet jedoch innerhalb festgelegter Rahmenbedingungen statt, die den tatsächlichen Handlungsspielraum deutlich einschränken. Dem gegenüber stellt Besmer einen vermeintlichen Gegenpunkt: Die Entwicklung des Klybeck-Areals, einem ehemaligen Hafengebiet am Rhein. Hier stößt der „klassische“ Partizipationsansatz nach § 55 schnell an seine Grenzen, woraufhin sich eine zivilgesellschaftliche Bottom-up-Organisationsform durch die Interessengemeinschaft Klybeck bildet, in der auch ähnliche partizipative Formate greifen. Besmer zeigt auf, dass bestimmte Partizipationspraktiken oder Werkzeug in der Stadtentwicklung von beiden Seiten, Verwaltung und aktivistischer Zivilgesellschaft, genutzt werden, auch wenn die beteiligten Akteursgruppen in letzterem aus dem betroffenen Quartier stammen und als Personen mit lokaler Expertise auftreten.
Im darauffolgenden Kapitel untersucht Besmer Veranstaltungen der Initiative „Neustart Schweiz“, die eine neue Wohnform aus Nachbarschaften (mit etwa 500 Menschen) etablieren möchten, in denen ein ökologischer Lebensstil praktiziert wird und gleichzeitig ein Aufenthaltsgefühl wie in einem Vier-Sterne-Hotel entsteht (284). Das Konzept wirkt auf mich wie eine links-ökologische Utopie. Für die Akteurinnen und Akteure spielt dabei ein weniger mobiles Leben (weniger Pendeln und Umzüge) und eine vollständige Ausrichtung auf die Nachbarschaft eine zentrale Schlüsselrolle. So sollen Lebensmittel lokal von einem integrierten Bauernhof kollektiv bezogen werden. Besmer legt dar, wie Mobilität im Forschungsfeld als Gegenpol zu einer „guten“ Nachbarschaft wahrgenommen wird. In einer kritischen Reflexion beschreibt Besmer den „normativen und essentialistischen Charakter“ (292) der „Neustart Schweiz“-Nachbarschaften, denn sie sieht das Konzept als exkludierend für die an, die nicht die gleiche Vorstellung eines „guten Lebens“ haben. Die Frage, wer eigentlich an solchen Projekten und Initiativen teilnimmt, bleibt, wie bei ähnlichen Forschungen aus dem Museumsbereich (Piontek 2017), zentral. Versuche, das Quartier als adressierbare Einheit zu stabilisieren, verlaufen nicht immer wie von den Akteurinnen und Akteuren gewünscht. Dies zeigt sich bei den Beteiligungsprojekten oder Trashmobs, bei denen meist nur die „üblichen Engagierten“ (339) teilnehmen. Letztlich mündet dies bei Besmer in eine Reflexion über die Machtverhältnisse in der Stadtentwicklung. Anzumerken ist, dass die Hyperdiversität, die prägend für die Stadt ist, von den Aktiven aus dem Feld sehr reduziert erfasst wird. Die Autorin zeigt, wie im Feld eine Gegenüberstellung von vermeintlichen „Schweizerinnen/Schweizern“ und „Ausländerinnen/Ausländern“ stattfindet. Das Fehlen von Menschen nichtschweizerischer Herkunft in den Beteiligungsprozessen und Initiativen wird im Feld als „Nicht-Verstehen“ der Anliegen interpretiert. Als Lösung setzen sie auf Mehrsprachigkeit auf Flyern und in Apps oder durch ein Dolmetschen bei Veranstaltungen. Andere Abwesenheiten, seien sie sozialer oder ökonomischer Natur, werden hingegen im Feld nicht wahrgenommen oder adressiert. Beim Lesen entsteht für mich der Eindruck, dass im Buch zwei unterschiedliche Forschungsschwerpunkte miteinander verknüpft werden: Zunächst stehen mediatisierte und eventisierte Praxen im Mittelpunkt, bevor sich der Fokus im folgenden Abschnitt auf partizipative Stadtentwicklungsprozesse verschiebt.
Im letzten Kapitel, „Versammlungs(un)ordnungen: zur Erforschung von Quartier und Nachbarschaft aus praxis- und assemblagetheoretischer Perspektive“ fasst Besmer die „verschiedenen Stränge“ (325) ihrer Untersuchung zusammen. Sie bezieht sich dabei auf Ignacio Farías, für den Quartier und Nachbarschaft „assembled at concrete sites of urban practice“ (Farías 2011: 2) sind. Und so umfasst Besmers Forschung die unterschiedlichen Praxen von Quartier und Nachbarschaft, von der Nutzung digitaler Anwendungen wie Apps bis hin zu Versammlungen, die utopische Gesellschaftsformen verfolgen. Die Auswahl der Beispiele erschließt sich nicht in allen Fällen unmittelbar, insbesondere hinsichtlich ihrer marginalen Verbreitung in der Stadtgesellschaft. Alle untersuchten Praxen vereint jedoch, dass sie „versuchen, lokale Räume und Menschen miteinander zu verbinden und dadurch soziale und/oder räumliche Einheiten zu (re-)produzieren“ (329). Für zukünftige Forschungen sieht Besmer eine mögliche Fragestellung darin, wie andere digitale Plattformen für Nachbarschaft domestiziert werden (358). Hier ergibt sich meines Erachtens ein Potenzial, eine bislang wenig beleuchtete Forschungslücke zu adressieren, nämlich dass die explizit auf Nachbarschaft fokussierten Plattformen zwar inhaltlich passen, die Nutzung am Ende aber nur durch einen sehr kleinen Personenkreis stattfindet. Daher würde ich vermuten, dass es andere Plattformen gibt, auf denen Nachbarschaft vielleicht nicht so explizit im Vordergrund steht, aber tatsächlich in größerem Rahmen produziert wird.
Christina Besmers Buch ist ein vielschichtiger, methodisch fundierter und theoretisch durchdachter Beitrag zur stadtethnografischen Forschung. Sie legt dar, wie Quartier und Nachbarschaft weder stabil noch eindeutig sind. Ihre Stärke liegt in der Fähigkeit, scheinbar alltägliche Praktiken, vom digitalen Teilen über bürgerschaftliches Engagement bis hin zu utopischen Wohnkonzepten, zueinander in Beziehung zu setzen und kritisch zu reflektieren. Gleichzeitig weist das Buch auch auf blinde Flecke und Grenzen partizipativer Stadtentwicklung hin: auf selektive Teilhabe, auf normativ überformte Vorstellungen von „guter Nachbarschaft“ und auf das Spannungsverhältnis zwischen räumlicher Nähe und sozialer Distanz.