Aktuelle Rezensionen
Felix Schilk
Die Erzählgemeinschaft der Neuen Rechten. Zur politischen Soziologie konservativer Krisennarrative
(Sozialtheorie), Bielefeld 2024, transcript, 436 Seiten mit Abbildungen, ISBN 978-3-8376-7471-2
Rezensiert von Sebastian Dümling
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 21.09.2026
Dass politische Gemeinschaften nicht nur durch Programme, sondern auch beziehungsweise vor allem durch Erzählungen gestiftet werden, ist eine Einsicht, die spätestens seit dem narrative turn zum festen Bestandteil kulturwissenschaftlicher Analysen gehört. Der Soziologe Felix Schilk nimmt sich in der auf seiner Dissertation beruhenden Studie „Die Erzählgemeinschaft der Neuen Rechten“ genau dieser Einsicht an und untersucht, wie die „Neue Rechte“ durch die Wiederholung spezifischer Krisennarrative ihre eigene Sinnkohärenz und damit auch soziale Kohäsion erzeugt. Schilk identifiziert dabei drei zentrale erzählerische Grundmuster – Plots der Entzweiung, der Dekadenz und der Apokalypse –, die er als die diskursiven Rahmungen dieses politischen Spektrums ausweist.
Die soziale Konstellation, die ein solcherart betriebenes Erzählen und Wiedererzählen hervorruft, bezeichnet Schilk sehr überzeugend als „Erzählgemeinschaft“. Die narrativ betriebene Wissens- und Sinnproduktion der „Neuen Rechten“ kann Schilk so treffend als eine spezifische Form von Vergemeinschaftung beschreiben: Gemeinschaftsbildend nach innen, koalitionsfähig nach außen, zugleich mit einer eigentümlichen Archiv- und Traditionsfunktion ausgestattet – die „Neue Rechte“ verfügt über ein mittlerweile sehr gepflegtes und umfassendes Erzählwissen. Diesen breiten Fundus an eingeführten Semantiken, Motiven und Referenzen kann die „Neue Rechte“, so Schilk, über eine publizistische Infrastruktur in empirisch-konkrete Sprachspiele überführen, die medial zwischen Blog, Buch und Zeitung zirkulieren. Dieses Argument hat dem Rezensenten besonders eingeleuchtet: dass die „Neue Rechte“ einen medialen Zwischenraum narrativ bespielt, in dem Zeitdiagnose, Selbstbeobachtung und Ideologieproduktion ineinandergreifen.
Methodisch arbeitet der Band entlang eines klar ausgewiesenen Korpus: „Éléments pour la civilisation européenne“, „Criticón“ und „Sezession“ werden als metapolitische Zeitschriften nicht nur historisch situiert, sondern auch in ihrer formalen Machart, Periodizität und Reichweite vorgestellt. Allein diese genaue Gattungsarbeit an den Zeitschriften ist ein Gewinn, weil sie den Blick von Akteursnamen und Ereignisfolgen weg hin auf die Produktionsbedingungen von Erzählungen lenkt. Überhaupt ist es äußerst sinnvoll, sich – losgelöst von allen politischen Einschätzungen – mit den Diskurs- und Gattungslogiken zu beschäftigen, die diese Publikationen textlich tragen. Dabei scheint das Neue der „Neuen Rechten“ nicht zuletzt darin zu bestehen, kommunikativ äußerst formreflexiv zu operieren. Ein instruktives Beispiel hierfür wäre die ästhetische und stilistische Mimikry, die etwa die „Sezession“ betreibt: Durch ihr bibliophiles Layout und den kultivierten, mithin geradezu offensiv ausgestellten Essayismus imitiert sie gezielt den Literatur-Habitus etablierter bürgerlicher Kulturzeitschriften wie „Sinn und Form“ oder „Merkur“. Diese formale Mimikry-Strategie dient nicht zuletzt dazu, radikale Inhalte durch eine bildungsbürgerliche Anmutung satisfaktionsfähig zu machen – ein Camouflage-Mechanismus, der sich fundamental von der oft direkteren, interventionistischen Ästhetik linker Publikationsorgane unterscheidet.
Bis hier hin scheint schon klar geworden zu sein, dass der Band den Rezensenten in weiten Teilen beeindruckt hat. Die narratologischen Analysen, die Schilk vorlegt, sind von einer analytischen Schärfe und methodischen Transparenz, die man in vergleichbaren Studien oft vermisst. Schilk gelingt es exemplarisch, die Tiefenstruktur rechter Texte freizulegen und aufzuzeigen, wie scheinbar disparate ideologische Fragmente durch eine narrative Logik zusammengehalten werden. Das didaktische Potenzial dieser Passagen ist enorm: Ein didaktischer Selbsttest des Rezensenten hat gezeigt, dass sich das Buch hervorragend in der universitären Lehre einsetzen lässt, um Studierenden die Funktionsweise komplexer Narrationsanalysen am konkreten Gegenstand zu vermitteln. Wer verstehen will, wie rechte „Erzählgemeinschaften“ operieren, findet hier ein methodisches Rüstzeug von hohem Gebrauchswert.
Doch wo viel Licht ist, da ist gewiss auch Schatten. Das erste Monitum betrifft die schiere Fülle des Materials und die daraus resultierende Länge des Buches. Hier hätte eine straffere Lektorierung gutgetan, denn der Band leidet unter einer gewissen Unentschlossenheit hinsichtlich seiner eigenen Ausrichtung. Schilk konnte sich anscheinend nicht recht entscheiden, ob er eine Wissensgeschichte, eine Ideen- und Diskursgeschichte oder eine reine Erzählanalyse der „Neuen Rechten“ schreiben wollte. So schwingt der Text bisweilen unruhig zwischen diesen Polen hin und her, was zu Redundanzen führt. Eine rigorosere Konzentration auf das reine Erzählen, auf die binnenrationale Logik der Erzählungen, hätte dem Werk zu mehr Klarheit verholfen und die Stärke der erzählanalytischen Kernkapitel noch stärker zum Leuchten gebracht.
Aus der spezifischen Perspektive eines volkskundlichen Erzählforschers wiegt jedoch ein anderer Kritikpunkt etwas schwerer. Schilks Argumentation verbleibt, nicht ganz überzeugend, in einer gewissen „Moderne-Ausschließlichkeit“ verhaftet. Er liest die Krisennarrative der „Neuen Rechten“ primär als moderne Reaktionen auf moderne Entfremdungserfahrungen und verpasst dabei die Gelegenheit, die longue durée dieser Erzählmuster in den Blick zu nehmen. Hier zeigt sich ein Desiderat, das durch einen Blick über den soziologischen Tellerrand hinaus leicht hätte behoben werden können: Verweise auf die historische Motivgeschichte, ein Blick in die „Enzyklopädie des Märchens“ (EM), hätten geholfen, deutlich zu machen, dass die motivische Unterfütterung bestimmter populistischer Erzählungen eine transhistorische Erzählgeschichte fortschreibt. Ein konkretes Beispiel hierfür wäre Schilks Analyse des Apokalypse-Narrativs, das er primär als konservativen Reaktionsmodus auf die Unübersichtlichkeit der Moderne deutet. Ein Blick in die EM (etwa unter den Lemmata Weltuntergang oder Eschatologie) hätte hier gezeigt, dass die neurechte Beschwörung des „Finis Germaniae“ strukturell kaum von vormodernen religiösen Endzeiterwartungen zu unterscheiden ist. Auch das omnipräsente Motiv des „Großen Austauschs“ ließe sich unschwer als Variation klassischer dämonologischer Infiltrations-Sagen – vom Wechselbalg bis zur Brunnenvergiftung – verstehen, die eine enorm starke anthropologisch-existentielle Sinnspur mittragen, die dann in neurechten Erzählungen miterinnert wird.
Die Persistenz apokalyptischer oder dekadenztheoretischer Motive ist also mithin kein exklusives Produkt der „Neuen Rechten“, sondern schöpft aus einem kulturellen Archiv, das weit tiefer reicht, als es Schilks soziologischer Zugriff vermuten lässt. Klassisch erzählkundlich ließe sich hier über die Parameter Motivstabilität und Motivselektion, Erzählkern und Erzählvariation fragen, was in der konkreten Erzählsituation genau zum Klingen gebracht werden soll – welche Motivaspekte und Erzählfacetten werden stumm, welche besonders laut gestellt? Hierdurch ließe sich kulturanalytisch noch stärker auf den Erzählkontext, seine Bedingungen und Erwartungen hinweisen.
Trotz dieser Einwände zur fehlenden historischen Tiefenschärfe und der etwas ausufernden Komposition bleibt „Die Erzählgemeinschaft der Neuen Rechten“ eine lohnende Lektüre. Für Einsteiger in die Thematik mag der Umfang abschreckend wirken, doch für Forschende, die sich mit der narrativen Konstruktion politischer Identitäten befassen, ist Schilks Buch ein gewinnbringender Beitrag, der die Mechanismen rechter Vergemeinschaftung präzise seziert. Wer sich wiederum weniger für die politische Dimension interessiert und stattdessen ausschließlich für die erzählanalytische, kann guten Gewissens die ideengeschichtlichen Rekonstruktionen überspringen und sich den vorzüglichen Erzählanalysen widmen.