Aktuelle Rezensionen
Lars C. Grabbe/Patrick Rupert-Kruse/Norbert M. Schmitz (Hg.)
Storytelling. Transdisziplinäre Erzählweisen zwischen Design, Kunst, Medienkultur und ästhetischer Tradition
(Büchner Bewegtbilder 10), Marburg 2025, Büchner, 244 Seiten mit Abbildugen, ISBN 978-3-96317-399-8
Rezensiert von Astrid Ensslin
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 21.09.2026
Das Erzählen ist dem Menschen so immanent wie die Sprache und das rationale Denken. Dass für ein umfassendes Verständnis des „Storytellings“ ein weit breiterer Narrativbegriff zugrunde gelegt werden muss als jener, der von der klassisch-formalistischen, an literarischen Drucktexten orientierten Narratologie angenommen wurde, ist seit dem „Narrative Turn“ weithin bekannt. Erzählungen im breitesten Sinne durchziehen unseren Alltag und begegnen uns etwa im „oral storytelling“ (Labov) und in „natürlichen Erzählungen“ (Fludernik) wie Witzen und Anekdoten, im Journalismus, der medizinischen Anamnese sowie vermehrt in sozialmedial verbreiteten Fake News und Verschwörungstheorien. Als Menschen verstehen wir unsere Biografie als Narrativ, und wir können unsere Erinnerungen, Gegenwartsbefindlichkeiten und Zukunftsvisionen beliebig zu unterschiedlichen Geschichten umkonstruieren, um unsere Identitäten jeweils neu zu verorten. Für die Erzählwissenschaft impliziert diese Diversität des Narrativen ein Desiderat nach transdisziplinärer Zusammenarbeit. Nur ein multiperspektivischer Ansatz kann ein „integrierendes“ Verständnis über die Nuanciertheit des zeitgenössischen Erzählbegriffs liefern.
Einen solchen Ansatz verfolgt die vorliegende Aufsatzsammlung, die im Nachgang zur Tagung „Storytelling/Transdisziplinär: Gegenwärtige Erzählstrategien und -formate zwischen Design, Kunst, Medienkultur und ästhetischer Tradition“ (2023) der Forschungsgruppe Bewegtbildwissenschaft Kiel|Münster (FBKM) entstand. Der Band vereint theoretische und praktische Bezüge zur Erschließung des „Storytellings“ als Gegenstand von „Design, Kunst, Medienkultur und ästhetischer Tradition“. Somit grenzt er zielführend seinen Bezugsrahmen auf Ansätze aus den Medienkünsten und -wissenschaften ein, indiziert jedoch mittels exemplarischer Fallstudien den Bedarf nach disziplinenübergreifender Komplementarität. Im einleitenden Übersichtskapitel skizzieren die Herausgeber ihren zweigleisigen Ansatz als Verschränkung von multimodaler Hermeneutik, Kulturgeschichte und medialer Kommunikation auf der einen Seite und gestalterisch-ästhetischer Medienpraxis auf der anderen. Sie legen einen bewusst inklusiven Begriff des Storytellings zugrunde, der auch bislang unterbelichtete Aspekte multimodalen Erzählens, wie zum Beispiel Haptik, Gustatorik, Olfaktorik, Propriozeption (Körperpositionierung), Viszerozeption (Spüren interner Organtätigkeiten), Thermozeption (Temperatursinn) und Nozizeption (Schmerzempfinden) ein- und erschließt. Zugleich verweisen die Herausgeber auf die medial-materielle Bedingtheit narrativer Bedeutung und deren semiotisch-affektiven Einfluss auf die Sensorik der Rezipierenden. Insofern steht in der vorliegenden Sammlung die Narrativität vordergründig in untrennbarem Zusammenhang mit der Digitalität beziehungsweise der Medienspezifik jener Plattformen, mit und auf denen Geschichten erzählt und erfahren werden.
Einen umfassenden Überblick über die Geschichte der transmedialen Narratologie, die sich aus eben jenem Plattformbewusstsein speist und sich bewusst von ihren formalistischen Gründervätern (es waren tatsächlich hauptsächlich weiße Hetero-Cis-Männer) abgrenzt, liefert das erste Vollkapitel „Storytelling Transdisziplinär“ von Joachim Friedmann. Am Beispiel der lange narratologisch benachteiligten Game Studies erörtert er, wie aus den Anfängen ergodischer Textualität (Aarseth 1997) und der frühen Hypertexttheorie (zum Beispiel Landow 1994) die Ludonarratologie erwuchs. Der Aufsatz berücksichtigt die Beiträge einflussreicher Denker dieser Genese, wie etwa Chatman, Frasca, Juul, Eskelinen, Aarseth, Jenkins, Ryan und Thon, und verquickt geschickt zeitgenössische Ansätze der Medienspezifik, Transmedialität und Medienunabhängigkeit. Trotz seines weitgreifenden Umfangs bleibt der Beitrag dabei stets fokussiert und verständlich und bietet sich insofern als konzise Einführung in die moderne, transmediale und vor allem videoludische Erzählwissenschaft an. Anknüpfend an die von Friedmann skizzierte identitäts- und gemeinschaftsstiftende Wirkungsmacht transmedialer Erzählungen und Erzählwelten begibt sich Lars C. Grabbe in die Welt menschlicher Sinne, von Wahrnehmung und Kognition, welche holistisch für das Verständnis narrativer Formen und Inhalte verantwortlich sind. Dabei untersucht er am Beispiel „dynamischer Bildtechnologien“ (52) und des „Storyshowing“ (53) das Phänomen des „Embodied Storytelling“, des voll verkörperlichten Erzählens, das aus wahrnehmungstheoretischer Perspektive und nach der Theorie der „Embodied Cognition“ ganzheitlich zum narrativen Erleben und der Gestaltung beispielsweise von Erinnerungen beiträgt. Dabei entstehen die durch Neuroaktivierung (re-)konstruierten Erzählinhalte durch eine „komplexe Wechselwirkung von Bildschirmtechnologien, prozeduralen Abläufen, performativen Elementen und Interaktivität“ (52).
Ein qualitatives Highlight des Bandes stellt der Beitrag von Birgit Mersmann dar, der mit methodischer Akribie und argumentativer Klarheit „gestalterische und kommunikative Modi des visuellen Storytellings“ am Beispiel zweier dokumentarischer Fotobücher zum Problemfeld „(trans-)nationale Migration und Sicherheit“ (70) untersucht. Überzeugend erläutert die Autorin anhand einer multimodalen Analyse von Richard Mosses „The Castle“ (2018) und Salvatore Vitales „How to Secure a Country. From Border Policing via Weather Forecast to Social Engineering. A Visual Study of 21st-Century Statehood“ (2019) die für die Bedeutung der untersuchten Bild-Wort-Narrative wesentlichen medialen Grundoperationen am räumlich-materiellen Trägermedium des gedruckten Buchs. Dabei entpuppen sich normalisierte Interaktionen wie Umblättern, Auf- und Zufalten als ebenso politisierend und bedeutungsvoll für den narrativen Gehalt wie die thermografische Produktion des Bildmaterials, die Gestaltung von Inhalten über die Bildseite zu Buchfalz und Seitenkante sowie die intertextuellen Verweise auf kanonische Erzählprosa wie Kafkas „Das Schloss“. Einen zielgruppengerichteten Szenenwechsel zum Thema Bild-Text-Erzählung liefert Nina Eckhoff-Heindl mit ihrem Beitrag zu „visuell-taktile[n] Erzählstrategien im Medium Comic“. Anhand einer vergleichenden Analyse des Paperback-Comics „My Favorite Thing Is Monsters“ (Ferris 2018) und Stuart Campbells digitalem Comic „These Memories Won’t Last“ (2015) demonstriert sie das Wechselspiel zwischen den medial repräsentierten Erzählinhalten und der „berührenden Manipulation“ kinetischer „Handhabung“ (100). Durch die Verflechtung dialogischer, visueller und haptisch-materieller Interaktionen eröffnen sich „lesend Betrachtenden“ (105) neue phänomenologische, ästhetische und semantische Möglichkeiten narrativen Erlebens im und am multimedialen Comic als vielschichtig-topologischem Bedeutungsraum. Besonders lesenswert für Interessierte der Mythenforschung ist der Beitrag von Marcus Stiglegger zum Thema „Crossmediale Mythentransformationen“. Am Beispiel der „Renaissance nordischer Mythen im Marvel-Universum“ verfolgt der Autor die Entwicklung zentraler Figuren nordischer Mythologie über Comic-Geschichten ins global wirkende System der Hollywood-Filmindustrie. Dabei bedient er sich des aus dem Marketing stammenden Begriffs des „crossmedialen“ Erzählens „über mehrere mediale Kommunikationsmedien hinweg“ (123), ohne jedoch den weit geläufigeren Begriff des „transmedia storytelling“ nach Henry Jenkins davon abzugrenzen. Daher wird trotz des beeindruckenden theoretischen Repertoires des Kapitels, das bis zur Archetypenlehre Jungs, zur Religionswissenschaft Eliades, zur Frankfurter Schule und der strukturalen Kulturanthropologie Lévi-Strauss’ reicht, dessen Begriffsgrundlage nicht voll erschlossen.
Die nächsten beiden Kapitel sind dem Bereich des digital-born Storytelling gewidmet. Julie D. Woletz widmet sich zunächst der Disambiguierung des konzeptuell verwilderten Begriffs des „Digital Storytellings“ und grenzt ihren Beitrag auf „Social Media Storytelling“ ein. Dabei erläutert sie erhellend den Zusammenhang zwischen „Story Funktionalitäten, plattformspezifischen Formaten und zugehörigen Format-Vorlagen“ (147), die den Nutzenden sozialer Medien zur narrativen Kommunikation zur Verfügung stehen. Ihre komparatistische Analyse spezifischer Affordanzen populärer Plattformen wie Facebook, Instagram, Twitter oder Snapchat eröffnet aus medienpraktischer Perspektive wichtige Einblicke in gestalterische Selektionsvariablen. Noch eindrücklicher wäre der Beitrag gewesen, hätte er seine deskriptiven Passagen mit der kritischen Analyse eines plattformübergreifenden Fallbeispiels hermeneutisch beleuchtet, aber für kreativ Schaffende beinhaltet er wichtige technologische Einblicke. In seinem terminologisch originellen Beitrag zu „hybriden Erzählräumen […] assoziierter Realitäten“ (173) entwirft Patrick Rupert-Kruse eine „Narratopologie“ des „Phygitalen“. Damit beschreibt er mediale „Mixed-Reality“-Konstellationen, die physische und digitale Räume, Subjekte und Objekte neuartig kombinieren und überlagern. Dazu gehören vornehmlich Narrative der Virtual und Augmented Reality in Technologien wie VR-Brillen, Smartphone-Technologien und Filter-Apps. Bezugnehmend auf relationale Raumkonzepte (Löw) skizziert der Autor eine Typologie assoziierter Realitäten, wobei er konfligierend das gleiche Akronym (AR) verwendet wie für die untergeordnete „Augmented Reality“. Er erörtert die „Syntagmatik“ hybrider Raumtypen, die entweder körper- oder raumgerichtet ausfallen, sowie die positionalen, modalen und semantischen Assoziationen phygitaler Erzählungen. Aufgrund der konzeptuellen Dichte der Abhandlung drängt sich der Bedarf nach räumlicher Ausdehnung auf, und es bleibt zu hoffen, dass diese zukünftig in monografischer Form erscheinen.
Die beiden letzten Beiträge schlagen schließlich eine spekulativ-visionäre Richtung ein. Zunächst behandelt Jennifer Eickelmann aus einer an Donna Haraway und Sara Ahmed angelehnten diffraktiven Perspektive die Möglichkeiten digitalen Erzählens in sozialen Medien als „sticky storytelling“. Dabei wird Erzählen zu einer relational-aktivistischen Methode des Re-Enactments, also des Neu-Inszenierens von Protest und Reaktionismus am kuratierten Kunstobjekt. Als Fallbeispiel bespricht sie ikonoklastische, historisch intertextualisierende Interventionen an kanonischen Museumsexponaten wie zum Beispiel den Selbstklebe- und Tomatensuppenaktionen von Umweltaktivisten im Den Haager Mauritshuis und der Londoner National Gallery und deren Remedialisierung auf Twitter und TikTok. Im abschließenden Kapitel beschäftigt sich Felik Kosok mit der „Rolle spekulativer Zukunftsszenarien in radikaler Design-Politik“ anhand der literarischen Utopie „News from Nowhere“ (1890) des viktorianischen Künstlers und Schriftstellers William Morris. Morris entwirft in seinem Science-Fiction-Roman eine sozialistisch-realistische Zukunftswelt, um anhand des Alter-Ego-Protagonisten William Guest zu zeigen, wie volksnahe, egalitäre Designkonzepte der Arts & Crafts Bewegung nachhaltig wirken können. Ein kritisch-historischer Überblick über spätere designzentrierte Weltentwürfe erlaubt dem Autor die Schlussfolgerung, dass es für wahrhaft inklusive Visionen bislang wenige Erfolgsbeispiele gibt, mit Ausnahme des Afro-Futurismus, dessen Behandlung jedoch eher peripher erscheint und daher mehr Fragen als Antworten aufwirft.
Der Band als Gesamtprojekt liefert bereichernde Beiträge zu einer Fülle medienästhetischer Erzählphänomene, die unterschiedliche Kunstformen und deren gestalterische Mechanismen in fruchtbaren Dialog mit analytischen Neuansätzen stellen. Zu wünschen gewesen wäre bei einer solchen Fülle exemplarischen Materials ein synthetisierendes Nachwort, das die wesentlichen Erkenntnisse der Einzelbeiträge in einen größeren, über sie selbst hinwegreichenden Rahmen hätte stellen können. Einzelne visuell orientierte Analysen hätten von mehr Abbildungen profitiert, und einzelne Beiträge hätten durch stärkere redaktionelle Intervention gestrafft werden können. Im Ganzen liefert der Band jedoch einen wesentlichen Beitrag zur transmedialen, transdisziplinären Erzählforschung und eröffnet deutschsprachigen Lesenden neue, inspirierende Denk- und Analysehorizonte.