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Hannah Kanz

Offline-Sein. Eine Ethnographie von Praktiken der Entnetzung

(Freiburger Studien zur Kulturanalyse 11), Münster 2025, Waxmann, 356 Seiten, ISBN 978-3-8188-0018-5


Rezensiert von Luise Erbentraut
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 21.09.2026

Dass digitale Technologien inzwischen sämtliche Lebensbereiche durchdringen, gehört zu den Grundannahmen, aus denen sich die Digitale Anthropologie respektive ihr Forschungsfeld formiert hat. Kontraintuitiv nimmt sich Hannah Kanz aus dieser Perspektive ethnografisch jenen Praktiken an, die als Strategien der Entnetzung fungieren. Im Rahmen ihrer am Institut für Empirische Kulturwissenschaft der Universität Freiburg entstandenen und 2025 im Waxmann Verlag veröffentlichten Dissertation nimmt sie drei unterschiedliche Praxiszusammenhänge in den Blick, die jeweils ihren eigenen Praxislogiken des „Offline-Sein[s]“ folgen.

Als Erstes wären da Offline-Camps, die Kanz als institutionalisierte und zugleich kommerzialisierte Räume temporärer Entnetzung untersucht. Anhand von drei Camps zeigt sie, dass diese jeweils eigenen Deutungsrahmen folgen; beispielsweise als Urlaubsformate (203), nach einer idealisierten Vorstellung von Kindheit (158) oder als Annäherung an die Imagination eines „artgerechte[n] Menschseins“ (161). Gemein ist ihnen, wie Kanz herausstellt, ihre Funktion als verdichtete Erfahrungsräume, in denen Entnetzung primär über körperlich-sinnliches Erleben vermittelt wird. Das Wissen der Entnetzung entsteht hier im verkörperten Vollzug: Digitale Praktiken werden nicht nur mit der Abgabe des Smartphones unterbrochen, sondern durch materiell eingebettete Tätigkeiten wie Handarbeit, Meditation oder erlebnispädagogische Aktivitäten wie dem Folgen eines Sinnespfads ersetzt. Entnetzung wird so über das „Einlassen auf […] die Natur“ (179) und das „Einlassen auf […] die Zeit“ (187) als aktive Reorganisation des physisch wahrnehmbaren In-Verbindung-Tretens deutlich, das wiederum sinnlich-körperliche Vernetzungsformen hervorbringt. Im Rahmen der Camps geht Entkopplung von digitaler Verfügbarkeit also mit einer Intensivierung materieller Relationalität einher. Kanz’ Analyse der Entnetzung wird hier als Bindeglied anschlussfähig für zwei wissenschaftliche Diskursstränge der mehr-als-menschlichen Beziehungen, die sich, sofern sie entweder auf soziotechnische oder Mensch-Umwelt-Beziehungen fokussieren, inzwischen voneinander entfernt haben.1 Indem Entnetzung als Reorganisation materiell-sinnlich orientierter Praxis gefasst wird, wird sie als analytische Kategorie produktiv, die diese beiden Perspektiven wieder einander annähern kann.

Der zweite Praxiszusammenhang richtet den Blick auf Tastenhandys als technische Artefakte der Entnetzung und rückt damit unter anderem die materielle Dimension entnetzender Objekte in den Vordergrund. Als Ausgangspunkt hierfür dient Kanz das Konzept der Affordanzen, mit dem sie zeigt, wie Tastenhandys durch ihre funktionale Reduktion spezifische, zugleich „handlungsbeschränkende“ (273) Nutzungsweisen hervorbringen, die Praktiken wie permanentes Scrollen oder Multitasking erschweren und so Alternativen nahelegen. Entnetzung erscheint allerdings nicht als vollständiger Verzicht, sondern als ausgelagerte Vernetzung, bei der Funktionen des Smartphones auf verschiedene Geräte verteilt werden (252). Dadurch, dass Kanz die gegenwartsbezogene Analyse an technische Kontinuitäten rückbindet, wird auch deutlich, in welchen narrativen Spannungsfeldern sich die Akteurinnen und Akteure und deren Praktiken der Entnetzung bewegen. Zum einen wird dem Tastenhandy selbst eine überholte Technologie attestiert (272). Zum anderen verweigern die Akteurinnen und Akteure eine moralische Überhöhung ihrer Praktiken (271). Im Zusammenspiel beider Aspekte hinterfragen sie die vermeintliche Unverzichtbarkeit bei gleichzeitig maximaler Fragilität des Smartphones. Entnetzung zeigt sich so nicht als Ausstieg aus Digitalität, sondern als situative Neuordnung ihrer kommunikativen Bedingungen und deren soziotechnischen Stabilitäten.

Mikropraktiken der Entnetzung, mit denen Kanz ihren analytischen Blick auf alltägliche Handlungen richtet, durch die digitale Vernetzung situativ unterbrochen oder moduliert wird, bilden schließlich den dritten Praxiszusammenhang. Dazu zählen etwa das Aktivieren des Flugmodus (275), das nächtliche Trennen vom WLAN (282) oder das temporäre Löschen von Apps (303). Charakteristisch ist, dass diese Praktiken keinen radikalen Verzicht markieren, sondern flexible und kontextabhängige Eingriffe in bestehende Routinen darstellen beziehungsweise eigene Routinen der Entnetzung hervorbringen. Kanz fasst dies als rhythmische Strukturierungen des Alltags, wobei Rhythmus nicht als bloße Wiederholung, sondern als Akzentuierung im Wechsel unterschiedlicher Modi verstanden wird. Entnetzung drückt sich im dritten Praxiszusammenhang als Navigieren von Zeitwahrnehmung und Aufmerksamkeit aus. Während das Beispiel des Löschens von Instagram vor allem Dynamiken des Verfügbarmachens berührt (305), eröffnet sich hier ein weiterführendes analytisches Potenzial im Hinblick auf Dating-Apps und digitale Beziehungspraktiken des Kennenlernens. An dieser Stelle stellt sich mir auch aus einer eigenen Forschungsperspektive die Frage, wie sich die Rhythmisierung der Entnetzung auf imaginierte Skripte digitaler Intimität und des Sich-Kennenlernens auswirkt?

Zusätzlich wird am Beispiel der Mikropraktiken deutlich, dass Entnetzung häufig auf Praktiken verweist, die von den Akteurinnen und Akteuren selbst – und so ging es auch mir, als ich während des Lesens meine eigenen (Nicht-)Nutzungsweisen des Smartphones reflektierte – nicht explizit als solche wahrgenommen werden. Entnetzung erscheint damit als implizite, in Routinen eingelagerte Praxis, die eng mit Fragen von Zeitlichkeit, Selbstverhältnis und situativer Kontrolle verknüpft ist. Einerseits lässt sich dies Kanz zufolge dadurch erklären, dass diese Praktiken in „[s]oziotechnische Imaginäre der Entnetzung“ (89) eingebunden sind, die den semantischen und diskursiven Rahmen abstecken, durch den Offline-Sein überhaupt erst verstehbar und legitimierbar wird. Begriffe wie „Fasten, Diät und Detox“ (96) rahmen digitale Medien als potenziell schädlich und verbinden digitale Vernetzung mit Überfluss, Kontrollverlust, permanenter Erreichbarkeit und sozialen Verfügbarkeitszwängen. Andererseits hinterfragen gerade die Mikropraktiken diesen symbolisch aufgeladenen Deutungsrahmen: Entnetzung wird hier nicht als radikale politische oder moralische Bewegung sichtbar, sondern als pragmatisches Pendant zur „unauffällige[n] Omnipräsenz des Technischen“.2 

Kanz’ Arbeit reiht sich damit ins Feld der empirisch-kulturwissenschaftlichen Technikforschung sowie der Medienanthropologie ein und greift deren etablierte Überlegungen zur Verschränkung von Technik, Kultur und Alltag auf. Mittels ihrer empirischen Untersuchung übersetzt sie dabei äußerst gelungen das Konzept der Entnetzung, das im deutschsprachigen Raum jüngst insbesondere durch den Soziologen Urs Stäheli geprägt wurde,3  in die Digitale Anthropologie. So wird Entnetzung als selbstverständlicher Bestandteil alltäglicher Praxis deutlich, der im Anschluss an Konzepte gedacht wird, die Technik als konstitutiven Bestandteil kultureller Sinn- und Praxiszusammenhänge begreifen sowie an medienanthropologische Perspektiven anknüpfen, die relationale Gefüge zwischen Menschen, Dingen und Infrastrukturen betrachten (25–29). In ihrer theoretischen Rahmung spitzt sich die Forschung zum noch nicht vollständig ausdifferenzierten Feld der Disconnection Studies zu (41–48), zu dem Kanz einen wesentlichen Beitrag leistet. Mit der Verschiebung der Perspektive Entnetzung weniger als Gegenpol zur Digitalität aufzuzeigen, sondern als spezifische Form der Reorganisation soziotechnischer und diskursiv-materieller Beziehungen, adressiert sie zudem auf wertvolle Weise, was als digitalanthropologische Grundlagenforschung bezeichnet werden könnte.

Überdies macht Kanz eine innovative Methodenkombination fruchtbar. Mit teilnehmender Beobachtung widmet sie sich den Offline-Camps, über objektzentrierte Interviews geraten die Tastenhandys in den Blick und mit Medientagebüchern nähert sie sich den Mikropraktiken an (64–82). Ihre ineinandergreifende Triangulation ermöglicht so eine facettenreiche und dichte Erschließung der unterschiedlichen Formen von Entnetzung. Gerne hätte ich mehr zu forschungsethischen Überlegungen, insbesondere damit verbundenen praktischen Aspekten des Datenmanagements während der Analyse, gelesen, was allerdings nicht der Autorin zu Lasten gelegt werden darf, sondern ein bereits durch Christoph Bareither angesprochenes disziplininternes Symptom ist.4 Insgesamt verdeutlicht Kanz, dass Entnetzung ein analytisch fruchtbarer Begriff ist, der Praktiken sichtbar macht, die zwar durchgängig in digitale Alltagswelten eingebunden zu sein scheinen, jedoch häufig unreflektiert bleiben, wodurch sich wiederum neue Anschlussmöglichkeiten für weiterführende theoretische wie empirische Studien eröffnen.

 

1 Einen Überblick über Posthumanismen geben Stefan Herbrechter, Ivan Callus, Megen De Bruin-Molé, Marija Grech, Christopher John Müller u. Manuela Rossini: Critical Posthumanism: An Overview. In: Stefan Herbrechter, Ivan Callus, Manuela Rossini, Marija Grech, Megen De Bruin-Molé u. Christopher John Müller (Hg.): Palgrave Handbook of Critical Posthumanism. Cham 2022, S. 3–26.

2 Hermann Bausinger: Technik im Alltag. Etappen der Aneignung. In: Zeitschrift für Volkskunde 77 (1981), H. 1, S. 227–242, hier S. 239.

3 Urs Stäheli: Soziologie der Entnetzung. Berlin 2021.

4 Christoph Bareither: Computergestützte ethnografische Datenanalyse (CEDA): Potenziale und methodische Affordanzen von QDA-Software in der ethnografischen Forschung. In: Hamburger Journal für Kulturanthropologie (HJK) 16 (2023), S. 47–65, hier S. 49.