Aktuelle Rezensionen
Thomas Barfuss
Mordslandschaften. Der Krimi in Graubünden
Zürich 2024, Chronos, 309 Seiten mit Abbildungen, ISBN 978-3-0340-1768-8
Rezensiert von Brigitte Frizzoni
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 21.09.2026
Den Rat „reis’ du ins Graubündner Land, das ist das Athen der heutigen Gauner“ gibt der junge Friedrich Schiller 1781 in seinem Drama „Die Räuber“, denn „zu einem Spitzbuben will’s Grütz – auch gehört dazu ein eigenes Nationalgenie, ein gewisses, dass ich so sage, Spitzbubenklima“ (2. Akt, 3. Szene, zit. 175).
Aus heutiger Perspektive lässt sich Schillers Diktum vom Bündner „Spitzbubenklima“ als durchaus hellsichtige Vorausschau auf eine künftige Massierung von Delikten (und ihrer unterhaltsamen Aufklärung) umdeuten: auf den Boom des Bündner Regionalkrimis. Seit den 2000er Jahren – mit einem Quantensprung in den 2010er Jahren – sind bereits über einhundert dieser Regionalkrimis erschienen, darunter auch solche, die Schillers „Spitzbubenklima“ ernst nehmen, etwa wenn sie sich von einem realen Baukartell-Skandal im Bündnerland inspirieren lassen. Mit ihren Verbrechen in Postkartenidyllen wie der Oberengadiner Seenlandschaft, mit Gletscherblick, wilder Rheinschlucht und pittoresken Viadukten faszinieren sie Krimileserinnen und Krimileser auch als Touristinnen und Touristen. Der Regionalkrimi ist damit Teil einer Vermarktungsstrategie, die Regionalität „mit dem utopischen Potenzial eines guten Lebens“ (12) in intakter Landschaft auflädt.
Das mit großem Gewinn und Genuss zu lesende, ansprechend gestaltete Buch des Literatur- und Kulturwissenschaftlers Thomas Barfuss, Senior Researcher am Institut für Kulturforschung Graubünden, widmet sich diesem Regionalkrimiboom der letzten zwei Jahrzehnte. Berücksichtigt werden auch Vorläufer – der erste Krimi, in dem die Landschaft Graubündens eine zentrale Rolle spielt, erschien 1920 (178). Die materialgesättigte Studie analysiert über eine Spanne von über hundert Jahren sämtliche öffentlich zugänglichen Kriminalromane. Auch Interviews mit Autorinnen und Autoren und deren Websites sind Teil des beeindruckenden Untersuchungskorpus.
In drei Teilen, die sich problemlos auch einzeln lesen lassen, wird das populäre Phänomen des Regionalkrimis vor dem Hintergrund internationaler Tendenzen und mit Blick auf Verlagswesen und Tourismus diskutiert. Im ersten Teil werden die geografischen Aspekte dieser „Mordslandschaften“ herausgearbeitet, im zweiten wird die geschichtliche Entwicklung des Krimis mit Schauplatz Graubünden nachgezeichnet und im dritten der derzeitige Erfolg des Bündner Regionalkrimis mit Fokus auf die Verwandtschaft von Detektiv und Tourist literatur- und kulturwissenschaftlich analysiert. Gekonnt versteht es der Autor, Redundanzen zu vermeiden, indem er immer wieder neue Aspekte jener Werke herausschält, die in allen drei Teilen diskutiert werden.
Eine Fundgrube für Krimiinteressierte bietet das erste und umfangreichste Kapitel, das die Regionalkrimis geografisch ordnet. Der als Krimiführer mit Überblickskarten, Ortsbildern und Buchcovern reizvoll illustrierte Teil gibt Einblick in Fülle und Charakteristik des Untersuchungsmaterials und stellt Orte, Morde und Hintergründe der Krimis vor. Die Krimischauplätze werden in sechs Krimiregionen gruppiert: 1. Churer Rheintal, 2. Davos und Prättigau, 3. Engadin und Münstertal, 4. italienischsprachige Südtäler, 5. Hinterrhein- und 6. Vorderrheintal. Die Visualisierungen erlauben einen raschen Überblick, welche Orte bisher in welchen Krimiregionen wie häufig zum Schauplatz von Krimihandlungen wurden. Internationale Hotspots sind das Oberengadin mit Sils, St. Moritz und Pontresina, gefolgt vom Churer Rheintal mit der Krimihauptstadt Chur sowie der (neben St. Moritz) zweiten weltbekannten Tourismusdestination Davos, wo auch das Weltwirtschaftsforum (WEF) reichlich Stoff für Ermittlungen zu kriminellen Machenschaften bietet. Das Untersuchungsmaterial wird pointiert und immer wertschätzend vorgestellt. Das animiert nicht nur zur Lektüre, sondern zeugt auch vom sympathischen Selbstverständnis des Autors, der seine Arbeit als Teil einer „gemeinsamen Reflexion über die Möglichkeiten der Literatur in einer Zeit des Umbruchs“ im Austausch mit Krimiautorinnen und Krimiautoren versteht (17).
Im zweiten Teil wird der Bündner Krimi historisch verortet und die Krimigeschichte vom Detektivroman bis zum Regionalkrimi vor dem Hintergrund internationaler Entwicklungen in den Blick genommen. In mehreren Zeitetappen werden Krimimuster, Meilensteine, Innovationen und Verlagsmodelle chronologisch gebündelt, die zum Krimifieber in Graubünden ab den 2010er Jahren beitragen. Die aufschlussreiche Krimireise führt von den ersten Krimis mit Schauplatz in Graubünden (1920–1945) und den Vorläufern des Bündner Regionalkrimis (1945–1980) über den Auftritt der ersten seriellen Ermittlerfiguren (1980–1990) und das Lokalradio als Impulsgeber mit seinen Radiokrimis – gerade auch für romanischsprachige Krimis (1990er Jahre) – bis hin zur Etablierung des Regionalkrimis in Graubünden (ab 2000) und dem Quantensprung ab den 2010er Jahren. Erscheinen im 20. Jahrhundert insgesamt nur 25 Krimis mit Bündner Bezug, sind es ab 2000 bereits über einhundert (220). Unter den Meilensteinen sind die ersten seriellen Bündner Ermittlerfiguren hervorzuheben: der Surselver Pater Ambrosius in „Mord in Mompé“ (1987) von Jon Durschei (dem Pseudonym des Orte-Verlegers Walter Bucher) und Irmgard Hierdeis sowie der romanisch sprechende Oberengadiner Polizist Linard Lum von Göri Klainguti in „Linard Lum. Set raquints criminels da Göri Klainguti e Linard Lum“ (1988). Die Serialisierung der Ermittlerfiguren ist ein zentraler Faktor für den einsetzenden internationalen Krimiboom ab den 1980er Jahren, zusammen mit der Vermarktung einer neu bewerteten Regionalität, die der Krimi als „Container“ (Peter Utz, 214) mit seinen globalen Passformen flexibel zum Ausdruck bringen kann. Die Neubewertung der Regionalität zeigt sich auch im Aufkommen des Lokalradios; Linard Lum tritt 1989 auch hier auf, in „Linard Lum a Paris“. Als internationale Erfolgsfaktoren sind zudem die Neuverhandlung von Geschlechterrollen zu nennen („Die Gegenspieler“ 1975 von Katharina Hess ist hierfür ein frühes Beispiel) und die Dekonstruktionen und Parodien des Krimis (in der Schweiz etwa mit Friedrich Dürrenmatts „Das Versprechen. Requiem auf den Kriminalroman“, 1958). Wichtigster Faktor nebst Serialisierung und Regionalisierung ist die Etablierung eines verlegerischen Geschäftsmodells mit nicht nur kleinen, lokalen Anbietern, sondern auch größeren, auf Regionalkrimis spezialisierten Verlagen (wie Emons und Gmeiner), die in einem beschleunigten Markt mit kurzen Produktions- und Aufmerksamkeitszyklen auf Massenproduktion setzen (Carolin Amlinger, 224); allein Gmeiner publiziert über 160 Krimi-Neuerscheinungen pro Jahr (215). Die Auswirkungen dieser Vermarktungsstrategie auf den Schreibprozess und das Selbstbild der Autorinnen und Autoren kommen in aufschlussreichen Interviews zur Sprache. Tim Krohn, der unter dem Pseudonym Gian Maria Calonder Krimis im Kampa-Verlag veröffentlicht, fasst den geltenden Verlagsimperativ folgendermaßen zusammen: „Schreib zwei Krimis pro Jahr, schreib drei Krimis pro Jahr, die verkaufen wir immer“ (224). Wer nicht mithält, wird abgehängt. Auffallend ist, wie sich mit den veränderten Produktionsbedingungen auch eine unternehmerische Orientierung herausbildet: Alle befragten Autorinnen und Autoren haben Kontakte zum Tourismus geknüpft (232).
Dieser Konnex zwischen Regionalkrimi und Tourismus, zwischen Detektiv und Tourist (den auch die Verlage mit Reisekrimiführern in Zusammenarbeit mit ihren Autorinnen und Autoren geschickt nutzen) bildet die Klammer des dritten und letzten Kapitels. Unter dieser Perspektivierung werden abschließend die Erfolgsmerkmale der Regionalkrimis „als heimliche Fremdenführer“ (262) herausgearbeitet, die mit ihrer exotischen Nähe faszinieren, während frühere Kriminalromane noch die fremde Ferne beschworen, wie der Autor in Anlehnung an Siegfried Kracauer argumentiert (270–273). Charakteristische Wiedererkennungselemente dieser „Exotik des Nahen“ (268) im Regionalkrimi sind die erwähnten Postkartenidyllen mit spektakulären Landschaften. Hier rücken Detektiv und Tourist zusammen: Beide bewegen sich in einer Welt des Scheins, beide versuchen, hinter die Kulissen zu blicken und die ‚authentische‘ lokale Wirklichkeit zu entdecken. Nie ist sicher, ob das Wahrgenommene nicht doch Inszenierung ist – denn das, was der touristische Blick als ‚authentisch‘ interpretiert, ist das, was er als ‚authentisch‘ antizipiert, weil er es kennt aus Fernsehen, Magazinen, Literatur, Instagram. Er antizipiert also gewissermaßen eine Kopie des ‚Authentischen‘, wie der Autor in Anlehnung an den Tourismusforscher John Urry ausführt (247). Diese antizipierenden Kopien nennt die Tourismusforschung „Marker“ (248). Die „Authentizitätsmarker“ im Bündner Regionalkrimi sprechen den Gesichtssinn an mit ihren „Land- und Luftschaften“ (254), wie der Autor die spektakulären Landschaften und Wetterphänomene wie die Malojaschlange pointiert zusammenfasst. Sie regen aber auch den Gaumen an mit ihren Schilderungen von genussvollem Essen und Trinken in lokalen Gaststätten. Die Kulinarik als „Authentizitätsikone“ (257) regionaler Vermarktung ist wesentlich fürs Lokalkolorit der Regionalkrimis und prägt zugleich, auch international, die Rolle des Detektivs als Feinschmecker. Solche Authentizitätsmarker erlauben durch Wiedererkennbarkeit einen semantischen Transfer zwischen Fiktion und Region (281). Sie sind „Kreuzungspunkte, wo sich die Fiktion der detektivischen Wahrheitssuche mit der Suche nach lokal gebundenen Wahrheiten überschneidet“ (250). Zum Erfolgsmodell des Regionalkrimis gehört aber auch, dass er die Kulissenhaftigkeit, an der er selbst mittels Authentizitätsmarkern mitarbeitet, immer wieder unterläuft. Es ist nicht zuletzt dieses „unausgesetzte Katz-und-Maus-Spiel um die Realität hinter der Realität“ (295), das den Regionalkrimi so dynamisch und reizvoll macht.
Das Buch erfüllt sein Vorhaben, für Krimileserinnen und Krimileser attraktiv zu sein und zugleich einen Forschungsbeitrag zu leisten, voll und ganz. Es kann einer breiten Leserschaft wärmstens empfohlen werden.