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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Madlaina Bundi

Johannes I. Die Unternehmungen des Baumeisters Johannes Badrutt im Engadin

Zürich 2025, Hier & Jetzt, 271 Seiten mit Abbildungen, ISBN 978-3-03919-641-8


Rezensiert von Esther Gajek
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 21.09.2026

Der Name Badrutt ist im Engadin und weit darüber hinaus sehr bekannt: Man denkt sofort an den Pionier des Fremdenverkehrs, den Erbauer des „Kulm-Hotel St. Moritz“ und gegen Ende seines Lebens bereits zweitgrößten Grundbesitzer des Ortes, Johannes Badrutt (1819–1889). Es ist viel über ihn publiziert worden, und eine mehr als lebensgroße Büste steht in der Nähe des Rathauses. Ob die Wette mit seinen britischen Sommergästen so stattgefunden hat oder nicht – sie ist legendär: Badrutt schwärmte ihnen gegenüber von den Schönheiten des Engadiner Winters und bot an, wenn es den Briten in der kalten Jahreszeit nicht in St. Moritz gefiele, würde er ihnen die Reisekosten von London nach Graubünden erstatten. Die britischen Gäste kamen auch im Winter, blieben, genossen Sonne und trockene Luft, und der Wintertourismus vor Ort war geboren.

Die freiberuflich tätige Schweizer Historikerin Madlaina Bundi widmet ihren Band, der unter anderem von einem Nachfahren der Badrutts in Auftrag gegeben wurde, der ersten Generation dieser Familie, die in Samedan in der Nähe von St. Moritz ansässig geworden ist: „Johannes I.“ (1791–1855). Der Vater des Hotelgründers war Handwerker und lebte als Baumeister und Geschäftsmann ab 1814 im Oberengadin. Von diesem waren bisher wenige Bauten, vor allem der Konkurs seiner Firma bekannt, aber weder ein Porträt noch ein Grabstein erinnern an ihn. Aus den ersten 22 Lebensjahren sind gerade mal drei Schriftstücke erhalten: der Geburtseintrag im Kirchenbuch von Pagig 1791, die Eheschließung in Chur 1812 und der Taufeintrag des ersten Sohnes 1813.

Bundis Monografie rekonstruiert erstmals auf über 200 Seiten akribisch mit Archivalien, Ego-Dokumenten von Badrutt und Zeitgenossen, weiteren historischen Schrift- wie Bildquellen, einer Vielzahl von Sekundärliteratur und den noch erhaltenen Gebäuden das Leben von Johannes I. Sie erstellte ein Werkverzeichnis (im Anhang), das 23 Bauwerke umfasst. Ebenso fertigte die Autorin einen Familienstammbaum an, der die Vorfahren aus dem Schanfigg (zwischen Chur und Arosa), die Herkunftsfamilie wie auch die eigenen neun Kinder von Johannes Badrutt und seiner Frau Anna Maria Donatsch aufführt. Auch der von Badrutt wohl im Zusammenhang einer Bewerbung verfasste Lebenslauf ist abgedruckt, der die Zeit von 1812 bis 1829 umfasst, leider ohne Übersetzung aus dem Rätoromanischen.

Der Historikerin gelingt es, immer wieder den Blick vom individuellen Leben in komplexe rechtliche, wirtschaftliche und soziale Zusammenhänge zu weiten. So beginnt sie mit der Geschichte von Binnenmigration aus den engen Bergtälern, die nicht genug Einwohner ernähren können: Die Söhne werden Handwerker und wandern ab. Auch in den Städten erhalten sie Anfang des 19. Jahrhunderts noch keine vollständige Anerkennung, denn die dortige Gesellschaft ist sehr hierarchisch; als sogenannte Hintersässen benötigen sie Aufenthaltsbewilligungen und unterliegen weiteren rechtlichen Beschränkungen. Hochrangige Paten für die Kinder helfen, Kontakte zu knüpfen, Fürsprecher zu gewinnen und Geschäftspartner zu generieren. Johannes Badrutt verbindet sich zeitlebens sehr geschickt mit Mitgliedern der örtlichen Eliten. Bei neun Kindern mit bis zu fünf Paten pro Kind erreicht er damit eine stattliche Anzahl von „Patronen“, denen er Ergebenheit versichert und die ihm Wertschätzung zollen sowie Aufträge, Kredite und Kontakte verschaffen.

1814 zieht Johannes Badrutt, zwei Jahre später seine Familie nach Samedan, auf ca. 1.800 Meter über Meer. Dort erhält er erste Aufträge als Drechsler und Maler des Junkers Gaudenz Baratty, der aus einer international agierenden Händlerfamilie stammt. Die Bewohner des Oberengadins leben von der Landwirtschaft, den dort erzeugten Exportgütern und (wenige) von dem von ihnen ausgeübten Handwerk. Eine zeitgenössische Quelle über ein Nachbardorf hält fest, dass in sieben Monaten des Jahres Schnee liegt. Die Lebensverhältnisse sind herausfordernd, die Straßenanbindung schlecht, so dass wenig Waren transportiert werden können. Wichtige Geldquellen fließen aber aus dem Ausland durch die dort lebenden Diaspora-Bündner, die – wie die Barattys – über Kontinente hinweg Handel betreiben oder ab dem 18. Jahrhundert in ganz Europa sogenannte Zuckerbäckereien, Kaffeehäuser oder Likörfabriken führen. Die große Auswanderung der Männer hat zur Folge, dass in den Heimatdörfern Arbeitskräfte fehlen: Vor allem Handwerker aus anderen Tälern siedeln sich an, so auch Badrutt. Manche Auswanderer-Familien gelangen zu Reichtum und kehren im Alter wohlhabend in die Heimatdörfer zurück, wo sie städtische Bauten bei ortsansässigen Baumeistern in Auftrag geben. Von Johannes Badrutt sind diverse Neu- oder Umbauten im klassizistischen Stil bekannt; eine ganze Reihe steht bis heute in den Dörfern des Oberengadins.

Wie erleben Badrutt, seine Familie und die Engadiner die Zeit? 1816 herrschen in ganz Europa durch den Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora und die damit einhergehende Aschewolke kalte Temperaturen. Im Engadin fällt im Sommer, so eine zeitgenössische Quelle, 19 Mal Schnee. Die Lebensmittel werden knapp, Getreidelieferungen aus dem Ausland gelangen wegen der schlechten Straßen und widriger rechtlicher Regelungen hinsichtlich der Straßennutzung kaum in das Hochtal. Die Gemeinden lernen allmählich daraus und bauen die Pässe in allen Richtungen aus, aber erst um 1840 ist die Strecke von Chur über den Julier- und Maloja-Pass nach Italien durchgängig mit Pferdefuhrwerken befahrbar. Die junge Familie überlebt dank erster Bauaufträge der Kindspaten für ganze Wohnhäuser und kann Fuß fassen. Die Hierarchien bleiben: Der eigene Hausbau weist die Familie zwar rechtlich als Niedergelassene aus – Ortsbürger, die von Verpflichtungen befreit waren, sind sie damit noch lange nicht. Erst in den 1830er Jahren ist die Familie integriert, nicht zuletzt durch die Mitgliedschaft in der „Philharmonischen Gesellschaft“, der ersten örtlichen Blasmusikkapelle. Diese stellte Gemeinsamkeiten zwischen sozialen Gruppen her, die „ansonsten hinsichtlich Besitz, Status und Bildung wenige Berührungspunkte aufwiesen […] Im Unterschied zur sozial-vertikalen Beziehungsstruktur der Patenschaften war im bürgerlichen Musikverein die Beziehung jedoch auf Augenhöhe angelegt – zumindest als Ideal. Sie generierte symbolisches Kapital in Form von sozialer Anerkennung.“ (140)

Als bürgerlicher Unternehmer, auf Innovation, Kapital und Erfolg setzend, expandierte Badrutt mit seinem Geschäft: Der vielversprechende Erwerb einer Sägerei erweist sich jedoch als defizitär, denn regionale wie kantonale Verordnungen beschränken angesichts des örtlichen Holznotstands die Ausfuhr geschnittenen Holzes. So offenbart sich hier – wie auch in vielen weiteren Beispielen – eine Zeit, die noch weit entfernt von einem freien Markt und unternehmerischen Möglichkeiten ist. Badrutts Lebenslauf ist gekennzeichnet von Erfolgen mit seinen Bauten für eine neu entstehende Bürgerschaft, aber auch von Rückschlägen, die nur ansatzweise zur Realisierung seiner Ideen führten. Sein Lebenswerk, ein „Werk- und Handelshaus“ für Baumaterialien, eine Schreinerei, eine Schlosserwerkstatt, ein Sägewerk mit Wasserkraft, eine Gastwirtschaft mit Übernachtungsmöglichkeiten und sein Generalunternehmen, spezialisiert auf Hausbau (der erste industrielle Betrieb in Samedan) gehen dramatisch im Konkursverfahren 1847 unter, das Johannes I. und seine ganze Familie betrifft. 1855 stirbt der Baumeister. Erst einem Teil seiner Kinder, allen voran Johannes II., gelingt es Erfolg zu haben, was mit einem liberalisierten Transportgewerbe, ausgebauten Straßen, dem dadurch wachsenden Tourismus ins Engadin und insgesamt einer Aufbruchstimmung in der Schweiz in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu tun hat.

Madlaina Bundi hat mehrere Jahre an diesem Band gearbeitet. Der Leser und die Leserin danken es ihr und den großzügigen Auftraggebern, denn herausgekommen ist eine hervorragend recherchierte, brillant zu lesende, reich illustrierte Biografie, die den titelgebenden Johannes I. zum ersten Mal intensiv in den Blick nimmt – als Person in ihrer Mikrogeschichte, aber auch als Beispiel für ein hoch initiatives, neu entstehendes Milieu von Unternehmern, die große Risikobereitschaft an den Tag gelegt haben, als Pioniere wirkten und späteren Generationen den Weg ebneten. Besonders überzeugend werden die vielfältigen Verflechtungen vor Ort durch die Kapital- und Auftraggeber herausgearbeitet wie auch – dank der Eintragungen in den Taufregistern der Kinder und anderer Quellen – die Patronatsbeziehungen in einer noch wenig durchlässigen Gesellschaft. So ist gleichzeitig eine Makrogeschichte des Engadins in der Umbruchszeit Graubündens in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, einem Leben zwischen Ancien Régime und einem modernen Kanton Graubünden, entstanden – ein Band, der grundlegend und vorbildhaft für weitere Biografien und Untersuchungen nicht nur im Engadin ist.