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Aktuelle Rezensionen


Anita Jóri/Guillaume Robin (Hg.)

Living at Night in Times of Pandemic. Night studies and Club Culture in France and Germany

(Popular Musik), Bielefeld 2024, transcript, 206 Seiten mit Abbildungen, ISBN 978-3-8376-6726-4


Rezensiert von Christoph Gürich
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 21.09.2026

Der pandemiebedingte Stillstand des öffentlichen Lebens traf das Nachtleben und die Clubs als Orte der Vergemeinschaftung, Kreativität und des kulturellen Austausches besonders hart und machte die bestehenden Herausforderungen und strukturellen Probleme des urbanen Nachtlebens wie unter einem Brennglas sichtbar. Ökonomische Fragilität, zunehmender räumlicher Verdrängungsdruck, prekäre Beschäftigungsverhältnisse und eine politisch unzureichende Anerkennung belasteten die globale Clubkultur bereits vor der Pandemie. Durch diese wurden die bestehenden Probleme jedoch deutlich verschärft und prägen ihre Situation bis heute.

Der englischsprachige Sammelband „Living at Night in Times of Pandemic“ nimmt die Corona-Pandemie zum Anlass, um aktuellen Entwicklungen in der Clubkultur und in elektronischen Musikszenen in Frankreich und Deutschland nachzugehen und gegenwärtige Perspektiven aus dem transdisziplinären Forschungsfeld der Night Studies aufzuzeigen. Die Publikation ist aus einer gleichnamigen Konferenz hervorgegangen, die von der Université Paris-Cité in Kooperation mit der Deutsch-Französischen Hochschule (DFH-UFA) sowie der Universität der Künste Berlin im Jahr 2022 in Paris ausgerichtet wurde. Diese Veranstaltung brachte zahlreiche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus dem Bereich der Kultur- und Sozialwissenschaften, Akteure und Akteurinnen aus elektronischen Musikszenen sowie Interessenvertretungen aus der Politik in offenen Diskussionsformaten zusammen, um aktuelle Herausforderungen des Nachtlebens und der Clubkultur zu analysieren und gemeinsam Lösungsvorschläge zu entwickeln. Die Veranstaltung verfolgte ausdrücklich das Ziel, interdisziplinäre Netzwerke im Bereich der Clubkultur und des Nachtlebens zu stärken – ein Anliegen, das sich auch im konzeptionellen Aufbau sowie den Inhalten des vorliegenden Sammelbandes widerspiegelt.

Die Publikation beinhaltet neben einer Einleitung der Herausgeberin Anita Jóri und des Herausgebers Guillaume Robin die zwei großen Themenkomplexe „Szenen und Communitys“ sowie „Diversität und Inklusion“, die jeweils in drei wissenschaftlichen Fachartikeln behandelt werden. Die Beiträge zu diesen Themenfeldern gehen größtenteils auf die Dissertationsschriften oder größere Forschungsarbeiten der jeweiligen Autorinnen und Autoren zurück. Der dritte große Themenbereich „Soziale und ökologische Herausforderungen für eine nachhaltige Clubkultur“ wirkt auf den ersten Blick wie ein gleichwertiger Komplex innerhalb der Publikation, ist aber vielmehr als inhaltlicher Anhang des Sammelbuchs zu verstehen und beinhaltet weniger akademische Textformate wie einen Reisebericht des Künstlers Max Eulitz aus Kiew in Zeiten der Pandemie oder ein Interview mit Katharina Wolf als Projektkoordinatorin der Initiative Clubtopia. Trotz des Untertitels und der damit suggerierten deutsch-französischen Perspektive der Publikation zeigt sich, dass der Schwerpunkt der Beiträge auf der Betrachtung der Berliner Clubkultur liegt, während andere Städte und Metropolen nur marginal berücksichtigt werden.

In der Folge liefert der Beitrag eine prägnante Zustandsbeschreibung der internationalen Clubkultur während und nach der Corona-Pandemie. Anhand zahlreicher Beispiele wird die gestiegene Sichtbarkeit der Szene bei gleichzeitig fortschreitender Prekarisierung illustriert. Im Hinblick auf die durch die Pandemie ausgelösten Veränderungen eröffnet die Einleitung einen interessanten Vergleich zwischen den 1990er Jahren und der Gegenwart. Aufgrund der restriktiven Maßnahmen und intensiven Kontrollen während der Pandemie ist eine starke Verlagerung der Clubkultur in den Untergrund zu beobachten, ähnlich wie im Frankreich und Großbritannien der 1990er Jahre. Frühe Schließzeiten und strenge Auflagen führten dort zu einer Zunahme selbstorganisierter Partys und einer nachhaltigen Verschiebung hin zur „illegalen“ Clubkultur. Heute steht die legale und kommerzielle Clublandschaft angesichts wirtschaftlicher Herausforderungen und steigender Eintrittspreise vor der Gefahr, ihren inklusiven Anspruch sowie Teile ihres Publikums an die Underground-Szene zu verlieren. In Bezug auf den Inklusionsanspruch des Nachtlebens ist somit eine Verschiebung des Fokus von der Kategorie Gender hin zur sozialen Herkunft festzustellen.

Die Einleitung liefert in der Folge eine Übersicht aktueller Forschungen zur Clubkultur sowie einen kurzen Abriss der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit diesem Thema. Die Beschäftigung mit Techno als Teil der Jugendkulturforschung, insbesondere in den Arbeiten des Birmingham Centre for Contemporary Cultural Studies (BCCCS), ist hier ebenso Teil des theoretischen Rahmens wie die Konzepte des subkulturellen Kapitals, der post-traditionellen Vergemeinschaftung und der Szenetheorie, die auch in der kulturwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Clubkultur eine zentrale Rolle spielen. Der wissenschaftliche Rahmen wird durch die Nennung interdisziplinärer Ansätze zur Erforschung des Nachtlebens aber erweitert, wobei zentrale Arbeiten aus den Disziplinen Kulturgeschichte, Gender Studies, Ethnologie, Ethnomusikologie, Körperanthropologie, Geografie und Stadtsoziologie berücksichtigt werden. Die Einleitung schließt mit einer Vorstellung der drei zentralen Themenkomplexe „Szenen und Communitys“, „Diversität und Inklusion“ sowie „Soziale und ökologische Herausforderungen für eine nachhaltige Clubkultur“. Hier werden spezifische theoretische Überlegungen und grundlegende Werke im Zusammenhang mit den Einzelthemen vorgestellt, gefolgt von einer kurzen Zusammenfassung der einzelnen Publikationsbeiträge.

Im ersten Themenkomplex „Szenen und Communitys“ ist der Beitrag von Frédéric Trottier-Pistien hervorzuheben, in dem er die Verflechtung der Technokultur in Detroit und Berlin untersucht. Er argumentiert, dass die gemeinsame Repräsentation dieser Städte als Ursprungsorte des Techno einer differenzierten Analyse bedarf, die ihren unterschiedlichen historischen und sozioökonomischen Gegebenheiten Rechnung trägt. Trotz der musikalischen und historischen Verbindungen zeigt er auf, inwiefern sich die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Rahmenbedingungen für eine Etablierung der Technokultur und einen Bedeutungszuwachs des Themas im öffentlichen Diskurs beider Städte stark voneinander unterscheiden. Der Autor analysiert die Raumordnung, die Kreativ- und Nachtwirtschaft sowie den variierenden Umgang der Kommunalpolitik mit der Technokultur in beiden Städten und legt dar, warum die Technokultur in Berlin in der öffentlichen und politischen Wahrnehmung einen so hohen Stellenwert einnimmt, während dies in Detroit nicht der Fall ist. Die nach der Veröffentlichung erfolgte Aufnahme der „Technokultur in Berlin“ in das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes in Deutschland nach dem UNESCO-Übereinkommen bestätigt die Analyse Trottier-Pistiens auf sehr treffende Weise. Darüber hinaus zeigt der Autor, dass die Techno-Communitys in Berlin und Detroit aufgrund fortschreitender Gentrifizierung, kultureller Erosion und anderer urbaner Phänomene zwar vor ähnlichen Herausforderungen stehen, die Akteurinnen und Akteure vor Ort jedoch unterschiedliche Strategien entwickeln, um ihre Existenz und Anerkennung zu sichern. Die im Beitrag erwähnten Hilfsangebote deutscher Akteure und Akteurinnen an die Szene in Detroit werden in diesem Zusammenhang als eine Form des Kulturimperialismus interpretiert. Gleiches gilt für die genannten Beispiele musealer Repräsentation von Technokultur, die häufig nur eine eurozentristische und weiße Perspektive widerspiegelt und die Narrative Schwarzer Künstler aus Detroit und andernorts vernachlässigt.

Sophia Abidi unternimmt in ihrem Beitrag den Versuch, die vielfältige und ausdifferenzierte Berliner Clubszene zu kartografieren. Auf Grundlage des im Rahmen ihrer Doktorarbeit erhobenen ethnografischen Materials analysiert sie den Einfluss konsum- und freizeitorientierter Lebensstile in elektronischen Musikszenen auf die Herausbildung subkulturell geprägter gesellschaftlicher Teilgruppen. Sie identifiziert und kategorisiert Gruppen des Berliner Nachtlebens anhand ihres Musik- und Modegeschmacks sowie ihres Risikoverhaltens. Aufgrund der expliziten Benennung zahlreicher Clubs und Partyreihen und der ihnen zugehörigen Musik- und Modestile sowie den szeneimmanenten Formen des Drogenkonsums gelingt ihr eine sehr griffige wissenschaftliche Betrachtung der Geschmackslandschaften elektronischer Musikszenen in Berlin sowie eine nachvollziehbare Analyse von Prozessen der Identitätsbildung.

Diana Weis vervollständigt den ersten Teil mit einem Beitrag zur Tradition der Haute Couture, sich ästhetischer Codes subkultureller Szenen – inklusive der Technoszene in Berlin – zu bedienen und sich diese anzueignen. Die Untersuchung ästhetischer Ähnlichkeiten zwischen der Kollektion des Pariser Modehauses Balenciaga und dem Dresscode im Berliner Technoclub Berghain führt sie zu der Frage, ob das Konzept des subkulturellen Kapitals in seinen theoretischen Bezugspunkten nicht überarbeitet werden müsste.

Der zweite Teil „Diversität und Inklusion“ nimmt sich der Frage an, inwiefern das Nachtleben auch wirklich ein Ort der Inklusion für ein vielfältiges und ein gesellschaftlich marginalisiertes Publikum ist und sein kann. Auch wenn in den Beiträgen eine weitreichendere Erforschung der Diversität und der Inklusion im Nachtleben mit Blick auf soziale Ungleichheiten und milieuspezifische Ausgrenzungsmechanismen gefordert wird, fokussieren sich alle Texte in diesem Teil auf Aspekte der Gendergerechtigkeit und Genderinklusion.

Ines Liotard untersucht die Wechselwirkungen zwischen Techno und der queeren Theorie im Pariser Nachtleben. Ihre zentrale These lautet, dass Techno-Partys Raum für die Aneignung und Verbreitung queerer Ideen bieten und sowohl die soziale Praxis in der Technoszene als auch in queeren Communitys neugestalten. Sie stellt dar, inwiefern sich Technokultur und queere Theorie im Kontext des Pariser Nachtlebens hybridisiert haben. xan egger, neo seefried und Mascha Naumann nehmen sich der aktuellen Situation der Berliner Clubkultur an und hinterfragen diese kritisch im Hinblick auf Diversität, Awareness und Inklusion.

Neben den weniger akademischen Beiträgen zum Thema „Soziale und ökologische Herausforderungen für eine nachhaltige Clubkultur“ ist im letzten Teil der Publikation besonders der Aufsatz des Herausgebers Guillaume Robin hervorzuheben. Darin analysiert er, inwiefern migrantisch geprägte Techno-Communitys in Berlin auf die Herausforderungen der Pandemie reagierten. Er identifiziert Mechanismen der Resilienz, die aufgrund der durch Corona bedingten Desozialisierung entstanden sind, und zeigt auf, wie selbstorganisierte Partys und Mikrofestivals in pandemischen und postpandemischen Zeiten Räume für eine offenere und inklusivere Clublandschaft eröffnet haben. Zudem betont er, dass die Pandemie weitere positive Auswirkungen auf die Vitalität der Szenen hatte und vor allem jungen queeren, FLINTA- und POC-Künstlerinnen und Künstlern neue Chancen bot. Deren gesteigerte Sichtbarkeit hatte auch einen nachhaltigen Einfluss auf die Booking Policy etablierter Clubs und Festivals.

Der hier besprochene Sammelband ist nicht als Standardwerk zur wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Clubkultur in Frankreich und Deutschland zu verstehen, da die Einzelbeiträge zu disparat sind und der Fokus eindeutig auf der Betrachtung der elektronischen Musikszenen sowie der Clubkultur in Berlin liegt. Dennoch bietet die Publikation aufgrund ihrer transdisziplinären Perspektive auch der Empirischen Kulturwissenschaft zahlreiche interessante Anknüpfungspunkte für eigene Forschungen im Bereich Clubkultur. Die gute Zugänglichkeit der Inhalte, die Praxisnähe der Beiträge und ihre Aktualität machen den Sammelband zu einem wertvollen Ausgangspunkt für eine erste kulturwissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema. Zudem ist er auch für interessierte Leserinnen und Leser außerhalb des Fachs sowie für institutionelle Betrachtungen von Clubkultur im Museumsbereich sehr geeignet.