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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Aktuelle Rezensionen


Markus Grießl

Das „Churbaierische Intelligenzblatt“ als Medium der Ökonomischen Aufklärung

(Documenta Augustana N.F. 2), Augsburg 2024, Wißner, 206 Seiten, zahlreiche Abbildungen


Rezensiert von Michael Schaich
In: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte
Erschienen am 21.09.2026

Im Jahr 1987 richtete Gerhardt Petrat einen eindringlichen Appell an die Kommunikationsgeschichte: Man möge sich doch endlich eines „bisher zu Unrecht vernachlässigten Mediensektors“ annehmen, nämlich des für das Verständnis des 18. Jahrhunderts zentralen Intelligenzblattes. Vierzig Jahre später kann kein Zweifel daran bestehen, dass historisch arbeitende Wissenschaftler aller Couleur diesen Aufruf beherzigt haben. Die Beschäftigung mit Intelligenzblättern ist zu einem festen Bestandteil der Forschung geworden. Wer an Pressegeschichte, (Volks-)Aufklärung, frühneuzeitlicher Polizey, reformorientiertem Regierungshandeln oder ökonomischen Regimen interessiert ist, kommt am Typus des Intelligenzblattes nicht vorbei. Für alle diese Wissensfelder sind die Zusammenstellungen von obrigkeitlichen Verlautbarungen, von Anzeigen und Marktpreisen sowie belehrenden Aufsätzen unverzichtbarer Quellenbestand und Inspiration zugleich. Erst jüngst hat Christina Brauner Intelligenzblätter für die Erforschung von „Praktiken der Werbung“ und frühneuzeitlichen Vermarktungsstrategien herangezogen.

Die Arbeit von Markus Grießl, eine an der Universität Augsburg entstandene Dissertation, betritt also ein mittlerweile gut bestelltes Feld. Grießl geht jedoch einen ungewöhnlichen Weg, indem er eine datenbankgestützte, vornehmlich quantitative Analyse des Churbaierischen Intelligenzblattes für die Jahre 1766 bis 1783, die Gründungs- und Etablierungsphase unter dem Hofkammerrat Franz Seraph von Kohlbrenner, vorlegt. Nicht weniger als 5.609 Artikel auf 7.500 Seiten liegen der Studie zugrunde, wobei drei thematische Tiefenbohrungen den quantitativen Zugriff ergänzen. Damit nicht genug, verknüpfte Grießl das Churbaierische Intelligenzblatt mit den digitalisierten Beständen weiterer Periodika des 18. Jahrhunderts, um Kohlbrenners Bezugnahme auf andere Presseorgane oder gar die Übernahme von Text(teil)en zu rekonstruieren.

Der Arbeitsaufwand muss beträchtlich gewesen sein, auch dürfte eine vergleichbare Untersuchung bisher nicht vorliegen. Zu fragen bleibt freilich, welche neuen Erkenntnisse die quantitativen Verfahren erbringen. Die Inhaltsanalyse (Kapitel 1.3) kann erst einmal wenig überraschen. Grießls statistischer Überblick über die von Kohlbrenner verhandelten Themen, aufgeteilt in 22 Kategorien und eingeschränkt auf Aspekte der „Ökonomischen Aufklärung“, bestätigt nur, was wir aus der Sekundärliteratur wissen: Landwirtschaft, Handel, Bildung und Erziehung, öffentliche Gesundheit und „gute Polizey“ dominieren die Berichterstattung. Dem Leser begegnen die bekannten Themen der Zeit, sei es der Kampf gegen Armut und Bettelei, das Eintreten für eine Reform des Schulwesens oder die Förderung von Fabriken und Manufakturen, um nur einige wenige Beispiele zu nennen. Versteckt finden sich immer wieder interessante Einzelbeobachtungen, etwa Kohlbrenners offenkundige Zurückhaltung gegenüber Debatten über die Allmende (S. 71) oder die Zünfte (S. 93) sowie seine Berichterstattung über die Plantagenwirtschaft in der Karibik und den nordamerikanischen Kolonien (S. 67). Gerade in diesen Fällen wäre jedoch eine breitere Einordnung oder eine Diskussion der Hintergründe hilfreich gewesen. Die Abgrenzung der Kategorien der Inhaltsananlyse erfolgt ebenfalls nicht immer trennscharf. Weshalb Kohlbrenners bekanntes Eintreten für den deutschen Kirchengesang unter dem Blickwinkel einer „Ökonomischen Aufklärung“ Aufnahme in das Untersuchungssample fand, Beiträge zu „Sitte und Moral“ (S. 86) dagegen nicht, obwohl sie ohne weiteres der „Guten Polizey“ hätten zugeordnet werden können, erschließt sich nicht. Positiv heben sich dagegen die drei Fallstudien zur Stallfütterung, der Bekämpfung der Blattern und der in der Zeit grassierenden Furcht vor dem Scheintod ab. In diesen Abschnitten (Kapitel 2.2) rekonstruiert Grießl die größeren Diskussionszusammenhänge, in die Kohlbrenner sich mit seinen Beiträgen einmischte.

Ihr heuristisches Potential entfalten die neuen digitalen Recherchemöglichkeiten in den Abschnitten über die Einbettung des Churbaierischen Intelligenzblattes in die weitere deutschsprachige Presseandschaft (Kapitel 2.1). Auf der Basis digital vorliegender und mit Texterkennungssoftware bearbeiteter Zeitschriften kann Grießl – mit der gebotenen methodischen Vorsicht – zeigen, in welchem Umfang Kohlbrenner vornehmlich protestantische Zeitschriften und Intelligenzblätter ausschlachtete, während seine eigenen Artikel wiederum von anderen Herausgebern nachgedruckt wurden, wodurch das Churbaierische Intellgenzblatt zum „Multiplikator in die süddeutsche Provinz hinein“ (S. 116) aufstieg. An gut gewählten Beispielen zeichnet Grießl die Zirkulation von Texten über konfessionelle Grenzen hinweg und die (ideelle) Vernetzung der Münchner Aufklärung mit Gleichgesinnten außerhalb des Kurfürstentums nach.

Der letzte Teil der Studie (Kapitel 3) befasst sich schließlich mit Funktion, Selbstverständnis und Wirkungsabsicht des Intelligenzblattes und diskutiert u.a., inwieweit Kohlbrenners Organ einen besonderen regionalen Bezug aufwies oder das „gemeine Landvolk“ ansprach. Eigene Unterkapitel befassen sich mit der Frage, ob es als aufgeklärtes Diskussionsforum oder eher als Verlautbarungsorgan der kurfürstlichen Regierung gelten müsse. Die von Grießl in diesem Zusammenhang ins Feld geführten statistischen Auswertungen und qualitativen Befunde verdienen durchweg Beachtung. So ist dem Autor ausdrücklich zuzustimmen, dass das Intelligenzblatt sich an eine gebildete und aufgeklärte Leserschaft wandte und nicht an die ländliche Bevölkerung selbst, wie bisweilen in einer naiven Begeisterung für die Ziele der Volksaufklärung zu lesen ist. Einer genaueren Prüfung ist auch seine gegen Teile der Forschung gerichtete These wert, die kurbayerische Regierung habe sich des Intelligenzblattes kaum als Instrument der „kameralistischen Lenkung“ (S. 181) bedient. Allerdings kann sich der Rezensent des Eindrucks nicht erwehren, als würde Grießl mitunter den weiteren historischen Kontext des Intelligenzblattes aus dem Blick verlieren und Gegensätze aufmachen, die keine waren. Dass ein in München erscheinendes Periodikum in erster Linie über bayerische Verhältnisse berichten müsse, um als regional verankert zu gelten (Grießl zählt etwa aus, wie häufig bayerische Orte im Intelligenzblatt genannt werden), unterschätzt das Interesse eines über den eigenen Tellerrand hinausblickenden heimischen Publikums an Reformprojekten und Entwicklungen in anderen deutschen und europäischen Staaten, deren Kenntnis im Gegenzug die Perzeption der Verhältnisse vor Ort beeinflusste. In gleicher Weise könnte man argumentieren, dass es bei der Frage nach dem Stellenwert des Intelligenzblattes als Ort aufgeklärter Diskussionen weniger, wie Grießl annimmt, um konfligierende Ansichten in den eigenen Spalten gehen sollte, sondern um die Interventionen Kohlbrenners in Debatten, die über ein einzelnes Medium hinausgriffen und die gebildeten Schichten in ganz Kurbayern (und darüber hinaus) beschäftigten. Gerade im letzten Teil zeigen sich zudem die problematischen Konsequenzen der aus arbeitsökonomischen Gründen durchaus nachvollziehbaren Entscheidung, Anzeigen sowie literarische und historische Beiträge nicht in die Auswertung einzubeziehen (S. 20, 45, 86, 171). Ohne Berücksichtigung dieser Texte, die einen wesentlichen Teil des Inhalts ausmachen, lässt sich eine Aussage über die Rolle des Intelligenzblattes nur in eingeschränktem Maße treffen.

Alles in allem hinterlässt die Studie Grießls mithin einen widersprüchlichen Eindruck. Sie bietet reiches Material für die weitere Forschung und betritt an manchen Stellen, gestützt auf quantitative Auswertungen, Neuland, gibt aber auch zu kritischen Nachfragen an Methode und Fragestellung Anlass.