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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Christoph Kürzeder/Steffen Mensch/Carmen Roll

Himmlisches Wiedersehen. Von Ludwig I. zum Blauen Reiter

(Diözesanmuseum für christliche Kunst des Erzbistums München und Freising. Ausstellungskataloge 90), Regensburg 2026, Schnell & Steiner, 280 Seiten, zahlreiche Abbildungen


Rezensiert von Alice Arnold-Becker
In: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte
Erschienen am 21.09.2026

Wie lässt sich biblische Geschichte darstellen? Und was ist wahre christliche Kunst? Diese Fragen bewegten Münchner Künstler das gesamte „lange“ 19. Jahrhundert hindurch. Den unterschiedlichen Erscheinungen und Kunstströmungen von etwa 1825 bis 1925 in der bayerischen Metropole nachzuspüren, ist Ziel und Verdienst des in zwölf Kapitel untergliederten Katalogs „Himmlisches Wiedersehen. Von Ludwig I. zum Blauen Reiter“. Er ist zugleich Begleitband der gleichnamigen und sehr sehenswerten Sonderausstellung, die im Diözesanmuseum Freising vom 17. März bis 26. Juli 2026 stattfand.

Mag es vielleicht auf den ersten Blick irritierend wirken, anstelle einer weiteren Künstlergemeinschaft im Untertitel des Kataloges den Namen des bayerischen Königs zu lesen, so offenbart die Lektüre, dass ohne Ludwig I. die so bedeutende Entwicklung der sakralen Münchner Kunst in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts undenkbar gewesen wäre: Der König förderte nicht nur die zu seiner Zeit für religiöse Malerei maßgeblichen Nazarener, er war auch der oberste Schutzherr der Kirche in Bayern. So ließ Ludwig I. nach der Säkularisation und ihren so einschneidenden Folgen neue Kirchen bauen und ausstatten (Ludwigskirche, Mariahilfkirche in der Au, St. Bonifaz, Allerheiligenhofkirche), gründete königliche Anstalten für Glasmalerei, Erzgießerei, Malerei oder Skulptur, rief Museen ins Leben (vor allem Alte und Neue Pinakothek), verlegte die Universität von Landshut nach München und berief an sie Wissenschaftler, Künstler und andere Geistesgrößen, die sich mit Kirche und Kunst auseinandersetzten. Zweifelsohne war Ludwigs Abdankung im Jahr 1848 von daher ein unermesslicher, nicht zu kompensierender Verlust für die Kunstförderung und die katholische Kirche in Bayern.

Ein ergiebiges Betätigungsfeld bot einigen Künstlern zunächst die Regotisierung der 1821 zur erzbischöflichen Kathedrale erhobenen Münchner Frauenkirche. Dies war ein Großprojekt, das von einer sich seit den 1850er Jahren formierenden Bewegung von Theologen, Künstlern und Bürgern initiiert und unterstützt wurde und bei deren Ausführung auch die einst von Ludwig I. gegründeten Kunstanstalten zum Zuge kamen. Die Befürworter der Regotisierung argumentierten, dass die Metropolitankirche gegenüber den prachtvollen Kirchen Ludwigs I. wie ein „Aschenbrödl“ erscheine. Als Referenz diente der bekannte kolorierte Kupferstich von Nikolaus Solis aus dem 16. Jahrhundert, der den gotischen Chor der Frauenkirche zeigt. Ebenso bestechend dürfte auf die Zeitgenossen die hierauf bezugnehmende Visualisierung des Chores von Max Emanuel Ainmiller und Moritz von Schwind gewirkt haben.

Im Wesentlichen mussten aber nach dem Wegfall der großen Kunstförderung durch Ludwig I. die mit religiösen Inhalten arbeitenden Künstler selbst nach Auftraggebern und Adressaten suchen. Maler wie Gebhard Fugel konzentrierten sich so auf die Illustration der Volksbibel. In diesem Zusammenhang ist auch die Entstehung der monumentalen Panoramabilder von Jerusalem zu sehen, für die München ein bedeutendes Zentrum wurde. Diese Rundbilder konnten erstaunliche Ausmaße erreichen, wie einst dasjenige von Bruno Piglheim mit beachtlichen 15 Metern in der Höhe und 120 Metern in der Länge. Zudem fanden sie in kleinem Format in gedruckter Form weite Verbreitung.

Zur Förderung der christlichen Kunst wurden außerdem Vereine gegründet: Der „Verein für Christliche Kunst“ versuchte seit 1860, die Tradition Ludwigs I. fortzuführen und unterstützte den Stil der Spätnazarener, während die 1893 in München ins Leben gerufene „Deutsche Gesellschaft für christliche Kunst“ keine bestimmte Stilrichtung bevorzugte und auf den Austausch zwischen Künstlern, Publikum und Kirche bedacht war. Sie gab eine Monatsschrift und Jahresmappen mit Reproduktionen von Werken ihrer Mitglieder heraus und organisierte Ausstellungen.

Wenn sich einige Künstler in der Sehnsucht nach einer intakten Glaubenswelt dem religiösen Genrebild zuwandten, so wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Bruch zwischen Kunst und Religion doch deutlich erkennbar. Die Darstellbarkeit biblischer Geschichte und die Suche nach dem einen gültigen Christusbild blieben aber weiterhin für die Künstler zentrale Fragen. So spannte sich der Bogen von dem Christus-Ideal der Nazarener bis hin zu Fritz von Uhdes Werken, in denen er Christus in die Gegenwart versetzte und ihn, wie in seinem Gemälde „Lasset die Kindlein zu mir kommen“, als einfachen Mann in einer einfachen Stube darstellte. Andere Künstler wie Martin von Feuerstein wiederum zeigten Christus in weiß leuchtendem Gewand als überhöhte, mystische Erscheinung.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts gab es schließlich vielfältige Beweggründe, religiöse Themen außerhalb der kirchlichen Aufträge darzustellen. Wirtschaftlich sehr erfolgreich wirkte Franz von Stuck mit seinem bis heute berühmten Gemälde „Sünde“, in dem er Religion und Erotik miteinander verband und von dem er mehrere Versionen schuf.

Konträr dazu stehen die Arbeiten der Künstlerbewegung des „Blauen Reiter“. Ihnen ist ein eigenes Kapitel gewidmet. Die Protagonisten Franz Marc und Wassily Kandinsky waren sowohl in ihren theoretischen Schriften als auch in ihrer Kunst in Erwartung eines neuen großen Geistigen. Kandinsky hatte sich intensiv mit religiöser Volkskunst und Glaubenspraktiken in seiner russischen Heimat befasst und selbst Werke mit christlichen Inhalten (Allerheiligen, Jüngstes Gericht) geschaffen. Ihm und seinen Weggefährten ist die Entdeckung der christlichen Volkskunst und von Hinterglasbildern aus dem 18./19. Jahrhundert aus Oberbayern zu verdanken. Franz Marc, der ursprünglich Pfarrer hatte werden wollen, projektierte eine illustrierte Bibelausgabe unter Beteiligung weiterer Künstler. Heinrich Campendonk gestaltete noch bis in die 1950er Jahre Glasfenster für Kirchengebäude; mit religiösen Inhalten befassten sich ebenso Gabriele Münter, Alexej von Jawlensky und Marianne von Werefkin. Hervorzuheben ist Werefkins „Kruzifix in der Landschaft“ aus Privatbesitz, das in der Ausstellung in großer Intensität wirkte.

Auch auf Arbeiten der weithin wirksamen Beuroner Schule und archaische Stilformen Anfang des 20. Jahrhunderts wird der Blick gelenkt. Die Publikation schließt mit der Einführung des Christkönig-Themas in der Kunst, wobei in Christkönig das Gegenbild zum Führerkult des Kommunismus und Nationalsozialismus gesehen wurde.

Es ist das große Verdienst der vier Kuratoren und Autoren Annegret Hoberg, Gabriele Koller, Steffen Mensch und Carmen Roll, die Aufmerksamkeit auf die Entwicklung der christlichen Kunst, insbesondere der Malerei des „langen“ 19. Jahrhunderts in München geleitet und anschaulich nachgezeichnet zu haben. Dabei lädt der handliche Katalog dazu ein, neben berühmten auch heute unbekannte Künstler und Werke zu entdecken. Er wendet sich an ein breiteres Publikum, wofür die nur vereinzelt genannten Literatur- und Quellenverweise sprechen, und überzeugt durch seine ansprechende Gestaltung und reiche Bebilderung mit prächtigen Fotografien und schönen Detailaufnahmen.