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Michaela Fenske (Hg.) assisted by Pearl-Sue Carper

Narrating the Multispecies World. Stories in Times of Crises, Loss, and Hope

(Human-Animal Studies 32), Bielefeld 2025, transcript, 336 Seiten mit Abbildungen, ISBN 978-3-8376-7056-1


Rezensiert von Nikolaus Heinzer
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 22.09.2026

Wie geht man mit der sogenannten Vielfachkrise um, in der Klimawandel, Biodiversitätsverlust, Umweltverschmutzung, Hunger und Armut, soziale Ungleichheit und Populismus auf vielerlei Weise miteinander verwoben sind? Wie erzählt man im Zeitalter des Anthropo-, Kapitalo-, Plantatio-, Anglo-, Nova- oder Chtuluzän ökologische und klimatische Krisen und die große Mobilität, das neue Auftauchen und das Verschwinden von menschlichen und mehr-als-menschlichen Wesen, die durch diese Krisen ausgelöst werden?

Diese Fragen stehen am Anfang des von Michaela Fenske mit Unterstützung von Pearl-Sue Carper herausgegebenen Sammelbands „Narrating the Multispecies World. Stories in Times of Crises, Loss, and Hope“. Der Band ging aus der gleichnamigen hybriden Konferenz hervor, die am Institut für Europäische Ethnologie/Empirische Kulturwissenschaft an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg im August 2023 abgehalten wurde. Die Konferenz verband Fragen der Erzählforschung mit der Forschungsströmung der multispecies ethnography und legte damit einen spezifischen, originellen und seither in Würzburg verankerten Fokus auf das Erzählen von Multispeziesbeziehungen in Zeiten der Polykrise, was sich auch im Titel des Buches widerspiegelt.

Krisen und Erzählen, so Michaela Fenske in der Einleitung, gehen Hand in Hand: „Times of crises are times of narrating. Crises not only ask for narrating as a means of coping with uncertainty and danger, it also constitutes a fundamental resource of survival within crises.“ (14) Das Erzählen von und in Krisen wird im vorliegenden Band aber nicht nur als Überlebensstrategie und Trauermechanismus verstanden, sondern darüber hinaus auch als hoffnungsvolle, Welten generierende, verändernde und sogar verbessernde Praxis begriffen – und auch angewandt. „The present anthology is situated within all these aspirations to find new stories for a better understanding of and supporting a flourishing multispecies world. […] The contributors look for both forgotten and new stories harbouring chances of peaceful cohabitation in the multispecies world.“ (19) Entsprechend werden viele der Beiträge des Bandes auch im Anschluss an Herrmann Bausinger – „our everyday lives need the light of utopia to give transformation a chance“ (21) – als Geschichten der Hoffnung gerahmt.

Der Band vereint eine große Breite an internationalen Beitragenden mit unterschiedlichen disziplinären Hintergründen aus den Kultur-, Geistes- und Sozialwissenschaften, aber auch Künstlerinnen und Künstler sowie Aktivistinnen und Aktivisten, welche sich dem Erzählen von Multispezieswelten aus verschiedenen Perspektiven nähern. „All contributions share a broad understanding of narratives, including different forms of art and media.“ (19) In den einzelnen Beiträgen wird mit verschiedenen, teilweise innovativen und spekulativen Erzählformen, Medien und Schreibstilen experimentiert, welche nicht nur die Lesenden positiv irritieren, sondern auch zur Hervorbringung transformativer, blühender Multispezieswelten beitragen sollen.

Das Buch ist in fünf inhaltliche Sektionen gegliedert. In der ersten Sektion „Communicating“ befassen sich drei Beiträge mit der Frage, wie Kommunikation zwischen Menschen und Tieren möglich ist. Den Auftakt macht die visuelle Anthropologin Sandra Eckardt mit einer kurzen Comic-basierten Liebesgeschichte zwischen einem Menschen und einem Rebhuhnküken, das auf der Straße gefunden wird und im Wohnzimmer auf dem Sofa ein neues temporäres Zuhause findet. Die interdisziplinär künstlerisch forschende Ally Bisshop analysiert Vibrationen in der Mensch-Spinnen-Kommunikation im Rahmen von Tomás Saracenos künstlerischem Werk „Arachnophilia“. Die Medienkünstlerin und -wissenschaftlerin Ute Hörner und die Sozialanthropologin Vanessa Wijngaarden versuchen in ihrem Beitrag über ein Multispezieskunstprojekt Graupapageien zuzuhören und fokussieren dabei auf die Intuition als zentralem Element der Mensch-Vogel-Kommunikation.

In der zweiten Sektion „Caring“ steht das Sorgetragen im Vordergrund. Die STS-Forschenden Martin Abbott und Amy Cheatle beschreiben gemeinsam mit der interdisziplinär künstlerisch forschenden Lissette Lorenz, wie Menschen und Pflanzen beim Gärtnern und Produzieren eines „Zines“ zusammenkommen. Die Anthropologin Siran Liang beschreibt Versuche, das tibetische Grasland und pastorale Lebensweisen im Kontext von Renaturierungsprojekten zu pflegen. Die Empirische Kulturwissenschaftlerin Arnika Peselmann untersucht die enge Beziehung zwischen Äpfeln und ihren Züchterinnen und Züchtern und fokussiert dabei auf Narrative des gemeinsamen Werdens und gegenseitigen Formens von Mensch und Frucht. Der Beitrag der Literaturwissenschaftlerin Eline D. Tabak über den bedrohten, aber erst seit Kurzem offiziell als „gefährdet“ eingestuften Monarchfalter beschäftigt sich mit der Frage, welche Geschichten im Kontext des Massenartensterbens erzählt werden und welche nicht.

In der dritten Sektion „Connecting“ stehen Verbindungen zwischen Menschen und anderen Lebewesen im Vordergrund. Die Orientalistin Hilal Alkan spürt anhand der Metapher der Verwurzelung den Verbindungen zwischen menschlichen und pflanzlichen Migrantinnen und Migranten und deren gemeinsamer Umgebung nach. Kommunikationswissenschaftler Ahmet Emin Bülbül veranschaulicht Anna Tsings Konzept der „more-than-human sociality“ und Timothy Mortons Begriff „mesh“ anhand der Multispeziesportraits des Fotografen Ren Hang. Kulturhistoriker André Krebber und Künstler und Aktivist Zhonghao Chen zeigen auf, wie das Erzählen mit – und nicht über oder von – Natur in unterschiedlichen kulturellen Kontexten jenseits eines Anthropozentrismus geschehen kann. Das gegenseitige Wahrnehmen und Wertschätzen zwischen Menschen und anderen Lebewesen steht im Zentrum des Beitrags der Ökologin Maria Ilhéu und der Umwelterzieherin Mariana Valente über Umweltbildungs-Kunstprojekte in Portugal.

In der vierten Sektion „Remembering“ geht es um die Rolle der Erinnerung für das Imaginieren von Multispezieszukünften. So beispielsweise in Form von Besinnung auf vor-industrielle, nicht dominierende menschliche Umgangsweisen mit Flüssen angesichts aktuell aus der Balance geratener Flusssysteme, wie sie die Umweltanthropologin Chiara Beneduce thematisiert. Das Ethnodrama der Soziologin Christine Neubert fokussiert auf verschiedene Zeitlichkeiten von Bäumen und Menschen, mit denen urbane Baustellen unterschiedlich gedacht und erzählt werden können. Die Folkloristin Mairéad Nic Craith sieht in der Rückbesinnung auf Konzeptualisierungen von Mensch-Tier-Beziehungen in prä-kolonialen gälischen Erzählungen einen Weg, die Vielfachkrise zu denken. Und die Indologin Paulina Schuster-Löhlau reflektiert traditionelle Wissensbestände und Umwelt-Ethiken der in Südindien lebenden Maṇṭēsvāmi.

In der fünften Sektion „Speculating“ schlagen sich spekulative Erzählformen nieder. Die künstlerisch forschende Psychosoziologin Fernanda Haskel lädt uns ins vierte Jahrtausend ein, in dem Menschen und andere Lebewesen friedlich koexistieren. Die Schriftstellerin und künstlerisch forschende Siobhan Leddy stellt verkörperte Mimesis als ein künstlerisches Narrationswerkzeug vor. Und die künstlerisch forschenden Andrea Palašti und Sanja Anđelković versuchen die im Flussbett der Donau hinterlassenen Spuren der Chinesischen Teichmuschel als Botschaften zu verstehen.

Als die Beiträge rahmendes Gegenstück zur Einführung von Michaela Fenske fungieren die abschließenden Bemerkungen von Regina F. Bendix, die unter anderem in der Erzählforschung beheimatet ist. Bendix plädiert für ein multispecies-geleitetes Re-Visiting oraler Traditionen und Erzählungen weltweit, in welchen Tiere, Mensch-Tier-Verwandlungen und der menschliche Versuch, mit Tieren zu sprechen oder sich in sie hinein zu versetzen, sehr präsent sind: „Working from traditional narratives and reconsidering them under the auspices of a multispecies perspective […] is a powerful means of narrating a multispecies cosmos.“ (318) Bendix greift das von Fenske und vielen Beitragenden in Anschlag gebrachte Argument des generativen und weltschaffenden Erzählens hier am Ende also wieder auf. Die Leitfrage ihres Beitrags, in welchem sie auch die einzelnen Kapitel des Bandes nochmals im Spannungsfeld zwischen multispecies ethnography und Erzählforschung einordnet, lautet: Was bedeuten Narration und Geschichten, wenn sie aus einer Multispeziesperspektive betrachtet werden? Dabei erarbeitet Bendix insbesondere im Unterkapitel „Kommunikation und (geteilte) Sozialität als Grundlage des Erzählens“ (319–323) die Sichtweise, dass Narration und Kommunikation nicht nur etwas sind, das Tiere genauso wie Menschen können, sondern dass diese auch zwischen den Spezies funktioniert. Ziel und Aufgabe der Autorinnen und Autoren des Bandes sei es entsprechend auch, nicht-menschliche Narrative so zu vermitteln, dass andere, weniger sensible Menschen diese hören, verstehen und sich zu Herzen nehmen könnten (319).

Eine der großen Herausforderungen, die Bendix dabei identifiziert, ist die Tatsache, dass Mensch-Tier-Kommunikation und -Sozialität oft multisensorisch und schwer in Worte zu fassen ist. Um also solchermaßen verkörpertes ‚tacit knowledge‘ zu erfassen, müssten menschliche Forschende eine anthropozentrische Perspektive zurücklassen und einem breiteren Begriff von Kommunikation und Erzählen folgen: „If we, thus, step away from what ‚humans‘ consider language and with it narration, and consider the sensorium, and the sophistication required to use and habitually rely on its communicative role between bodies or entities, intelligence turns into something far broader, encompassing the realm of tacit, experiential knowledge.“ (322) Vor allem aber müssten Forschende ihre Sinne auf mehr-als-menschliche Kommunikationsweisen einstimmen, um so die multisensorischen, verkörperten und gleichzeitig kognitiven Wissens- und Lernprozesse, welche bei Menschen und Tieren analog zu funktionieren scheinen und damit Natur-Kultur- und Mensch-Tier-Trennungen obsolet machen, fassen zu können: „To grasp a multispecies world – instead of a world of many species as perceived by humans – invites, urges and requires attention paid to all sources of communicative skill and knowledge. The non-cerebral is at the forefront, undermining classic nature-culture divides and other kinds of binaries.“ (322) Nur auf diese Weise sei das gemeinsame Erzählen und Hervorbringen einer Multispezieswelt möglich.

„Narrative is a meaning-making practice as well as an opportunity to encourage taking action, or, indeed, to desist from acting.“ (324) Die Vielfachkrise verlangt, so Bendix, dass wir handeln. Mit Donna Haraway müssten wir dabei „unruhig bleiben“ („staying with the trouble“), das heißt, alte und neue Geschichten erzählen, die unser Multispeziesbewusstsein stärken und uns dabei helfen, Multispezieswelten zu heilen und neu aufzubauen: „Such narratives will set aside human-made divides between the useful and useless species, respect the differential needs for space and shoulder the responsibility for undoing at least some of the havoc our species has wreaked over thousands of years.“ (324–325)

Den Herausgeberinnen des Bandes – unklar ist, warum Pearl-Sue Carper lediglich als „Assistentin“ und nicht als Mitherausgeberin aufgeführt wird – ist es gelungen, in diesem Sammelband zwei Denk- und Forschungsströmungen auf sehr gelungene und zielführende Weise zusammenzuführen und damit ein kulturwissenschaftlich äußerst spannendes Feld aufzumachen und im deutschsprachigen Raum weiter zu etablieren, das sich mit einem gesellschaftspolitisch und ökologisch extrem drängenden Thema beschäftigt. Gerade auch mit seinem interdisziplinären Ansatz, mit den künstlerischen und aktivistischen Stimmen und den spekulativen Narrativen leistet das Buch nicht nur einen außerordentlich bereichernden Beitrag zur kulturwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Erzählen von Multispeziesbeziehungsgeflechten im Anthropozän. Es öffnet dank seiner hoffnungsvollen Erzählungen auch einen Möglichkeitsraum, in welchem blühende mehr-als-menschliche Zukünfte und positive, sorgetragende Erzähl- und Handlungsweisen des mehr-als-menschlichen Miteinanders imaginiert werden können.